Schreibkick #33: Zufall

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Hallo ihr lieben,

dieses Mal geht es wieder weiter mit Gerry. Da ich einen Monat übersprungen habe, hier nochmal kurz das Ende vom letzten Teil, zur Erinnerung. Dann geht es mit dem Thema „Zufall“ weiter.

Am Straßenrand saß eine zerzauste Katze. Gerry gefror das Blut in den Adern.
„Na, hat das Sommerflirren dich verwirrt?“
Vorsichtig lief Gerry einige Schritte rückwärts. Er wollte nicht als Mittagessen dieser Kreatur enden.
„Keine Sorge. Ich fress‘ dich nicht. Hatte heut‘ schon ’ne Maus. An dir is‘ ja nix dran.“

* * *

Die Worte beruhigten Gerry allerdings überhaupt nicht. Er schnappte nach Luft und machte aus Reflex einen Salto rückwärts. Doch mit wenigen eleganten Bewegungen stand die Katze wieder direkt über ihm. Hätte er anständige Flügel gehabt, hätte er wegfliegen können. Doch so war er dem Vieh hilflos ausgeliefert.
„Aber … aber, sie waren doch gerade noch da?“
„Da war niemand. Glaub mir.“
„Aber … aber …“ Suchend blickte Gerry sich um Seine Familie war weg.
Die Katze setzte sich hin und begann, ihre linke Pfote zu lecken. „Mhm, wo kommhmmst du mhm denn mmh her? Ich mhm habmme jemmhmanden wie mhm dich hier noch nie gemhmsehen.“
„Vom Wald. Oben auf dem Hügel“, antwortete Gerry zögerlich.
Das Tier hielt in seiner Bewegung inne und setzte seine Pfote wieder auf den Boden. „Ein Wald, sagst du? Ich war noch nie in einem Wald. Ich habe bisher nur davon gehört. Da soll es ganz viel zu essen geben. Viel mehr, als die paar dürren, vertrockneten Mäuse die einem hier tagtäglich über den Weg laufen.“
„Ja. Er ist da oben.“ Gerry zeigte in Richtung des Wasserfalls, den man in einiger Entfernung noch sehen konnte. Der Fluss hatte ihn ganz schön weit mitgenommen.
„Na dann, worauf wartest du?“, sagte die Katze, stand auf und stolzierte in Richtung des Hügels davon. Gerry bliebt sprachlos mit offenen Mund stehen. Nach einigen Schritten drehte sich die Kreatur um. „Bist du hier festgewachsen oder was? Komm!“
„Äh … ja … okay.“ So schnell er konnte, versuchte er, dem Vierbeiner hinterher zu kommen. Vielleicht war es gar nicht schlecht, ein wehrhaftes Tier an seiner Seite zu haben. Neugierig inspizierte er die spitzen Krallen, die gerade nur minimal zwischen dem Fell hervorlugten.
„Wie heißt du?“, maunzte es.
„Gerry. Und du?“
„Fritz. Wie kommt es, dass du hier unten bist, wenn du doch von oben aus dem Wald kommst?“ Gerry seufzte. Dann begann er, seine Geschichte zu erzählen.

Gerry war gerade dabei, das Blätterdach der Bäume in allen Details zu beschreiben, als Fritz plötzlich stehen blieb und die Nase in die Luft reckte.
Gerry blickte ihn fragend an. „Ist irgendwas?“
„Ich rieche etwas. Aber ich kann es nicht einordnen.“
„Vielleicht ist es schon der Wald?“, fragte der Grashüpfer hoffnungsvoll. Doch die Katze schüttelte nur den Kopf. „Es ist etwas tierisches. Aber sowas habe ich noch nie gerochen.“
„Denkst du, es ist gefährlich?“
„Keine Ahnung.“ Vorsichtig setzte er eine Pfote vor die andere, ohne mit dem schnuppern aufzuhören. „Komm.“
Langsam, Schritt für Schritt, schlichen sie vorwärts. Als sie um die nächste Kurve bogen, sahen sie auf einmal etwas großes, schwarzes neben der Straße liegen. Fritz erstarrte in seiner Bewegung und auch Gerry blieb stehen.
„Was ist das?“, flüsterte der Grashüpfer.
„Sssst“, machte die Katze. Duckte sich und wagte sich langsam einige Zentimeter nach vorne.
Auf einmal hob das große Etwas den Kopf und blickte direkt in ihre Richtung. Schwarze Augen sahen sie unter dicken Augenlidern hindurch an. Herabhängende Lefzen begannen zu zucken, als das Ungetüm die Witterung aufnahm. Fritz und Gerry erstarrten.
„Und jetzt?“, versuchte Gerry erneut, sich mit dem Kater abzusprechen.
„Weiß nicht.“
Sie beobachteten den Fellberg, der ungerührt liegen blieb, für einige Sekunden.
„Meinst du jetzt, es ist gefährlich?“
„Woher soll ich das wissen?“, fauchte die Katze. „Aber wir müssen dran vorbei, wenn wir nach oben wollen.“
„Wir können auch warten, bis es weg ist?“, wandte Gerry verängstigt ein.
„So wie das da liegt kann das Tage dauern.“
Gerry konnte an Fritz zusammengekniffenen Augenbrauen förmlich sehen, wie sein Gehirn arbeitete. Sein eigenes hingegen war einfach leer. Er hatte keinerlei Erfahrungen mit solchen Situationen.
„Okay. Spring auf meinen Rücken. Ich laufe daran vorbei, als wäre es nichts besonderes. Sollte das Ding irgendetwas unvorhergesehenes machen, renne ich los. Also halt dich gut fest.“
Gerry nickte. Fritz legte sich auf den Boden und ließ den Grashüpfer aufsteigen. Er hatte zunächst einige Mühe, sich auf dem Katzenrücken zu halten. Doch dann fand er an einem großen Fellknäuel einen einigermaßen sicheren Halt.
„Kanns los gehen?“
„Ja.“
Langsam setzte sich der Kater unter Gerry in Bewegung. Es schaukelte ganz schön, doch es gelang ihm, das Gleichgewicht zu halten.
Als sie dem Ungetüm immer näher kamen, pochte sein Herz wie wild und er glaubte, auch das Herz des Katers zu spüren, das immer schneller und schneller schlug.
Gerry blickte stur geradeaus und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Hallo.“
Fritz machte seinen Satz zur Seite und der Grashüpfer auf seinem Rücken konnte sich gerade noch halten.
„Nicht erschrecken“, grollte das Wesen, wobei unter seinen Lefzen spitze Eckzähne zum Vorschein kamen. „Ich will euch nicht fressen.“
Ungläubig schüttelte Gerry den Kopf. Das war schon die zweite Kreatur in kurzer Zeit, die kein Interesse daran hatte, ihn zum Mittagessen zu verspeisen. Und das, obwohl ihm seine Familie immer wieder eingebläut hatte, wie gefährlich die Welt „da draußen“ war.
„W…wer bist du?“, piepste der Gerry.
„Ich? Ich bin der große Zufall.“
„Was?“, mischte sich nun Fritz ein. Seine Stimme klang genauso verdutzt, wie Gerry sich fühlte.
„Der große Zufall. Ich bin immer zufällig dort, wo jemand einen Zufall benötigt.“
„Danke. Wir brauchen nichts“, sagte Fritz und wandte sich bereits ab.
„Seid ihr sicher? Das wäre dann aber ein komischer Zufall.“ Seine tiefe Stimme ließ die Straße vibrieren.
Gerry kratzte sich am Kopf. Drehte er jetzt langsam völlig durch? Das war alles zu verrückt um wahr zu sein.
„Zufällig brauchen wir aber garnichts“, meinte Fritz genervt.
„Hm. Auch solche Zufälle muss es mal geben“, meinte der große Zufall und leckte sich mit seiner Zunge über die Schnauze.
„Ausnahmen bestätigen die Regel“, erwiderte Fritz genervt.
Das schwarze Ungetüm verzog die Lefzen, was wohl ein Lächeln sein sollte. „Auf den Zufall bauen ist Torheit, den Zufall benutzen ist Klugheit.“
„Jaja, und auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“
Die besten Dinge verdanken wir dem Zufall.“
Verwundert verfolgte Gerry den Schlagabtausch der beiden Tiere, bis ihm der Kragen platzte. „Jetzt reicht es aber!“
Sofort hielten die beiden inne. Der große Zufall grinste neckisch und meinte: „Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist.“
Bevor Fritz etwas erwidern konnte sprang Gerry von seinem Rücken. „Also gut. Wir sind alle zufällig hier. Was kannst du für uns tun, außer schlaue Sprüche um dich werfen?“

🙂 So weit erstmal die Geschichte von Gerry, Fritz und dem großen Zufall. Beim nächsten Mal gibts das Finale 😀

Diesen Monat waren dabei
Eva
Veronika
Alice Japa
Nicole Vergin

Das Thema für den nächsten Monat lautet: Höhe

6 Kommentare zu “Schreibkick #33: Zufall

  1. Liebe Sabi!

    Ich habe schon sooooo ungeduldig auf Gerry gewartet. Der Fritz gefällt mir. Und der große Zufall auch. Der Fritz klingt ein bisschen, als könnte ihn überhaupt gar nichts jemals erschüttern.

    Vielen Dank für diese wundervolle Geschichte!
    Veronika

    • Hallo liebe Veronika,

      vielen Dank. Freut mich, dass dir die Geschichte gefällt. Ja, Fritz hat als Straßenkater wohl schon so einiges erlebt, so leicht haut den nix um 😀

      Liebe Grüße,
      Sabi

  2. […] Sabrina […]

  3. Liebe Sabi,

    herrje, bin schon soooooo neugierig aufs Finale!!! Tolle Geschichte! 😀

    Liebe Grüße und ein wundervolles Wochenende
    Nicole

    • Hallo liebe Nicole,

      vielen Dank 😀 Ich bin auch schon neugierig, wie es im Detail aussehen soll. Meine grobe Vorstellung wird sich mit der Zeit erfahrungsgemäß noch ändern 😉

      Danke, dir auch ein schönes Wochenende.
      Lg,
      Sabi

  4. Hallo, ja der große Zufall ist großartig! Ich bin auch gespannt…

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