Schreibkick #34: Höhe

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Hallo ihr lieben,

heute geht es wieder weiter mit Gerry dem Grashüpfer. In der letzten Folge haben er und sein Begleiter Fritz den großen Zufall getroffen. Mal sehen, ob der ihm dabei helfen kann, seine Familie zu finden.

* * *

Verwundert verfolgte Gerry den Schlagabtausch der beiden Tiere, bis ihm der Kragen platzte. „Jetzt reicht es aber!“
Sofort hielten die beiden inne. Der große Zufall grinste neckisch und meinte: „Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist.“
Bevor Fritz etwas erwidern konnte sprang Gerry von seinem Rücken. „Also gut. Wir sind alle zufällig hier. Was kannst du für uns tun, außer schlaue Sprüche um dich werfen?“

* * *

„Nun, kleiner Grashüpfer. Das werden wir sehen. Was führt dich und deinen Begleiter hierher?“
Gerry erzählte ihm alles: Wie er versucht hatte, mit dem Floß den Fluss zu überqueren um bei seiner Familie zu sein, wie er dabei den Wasserfall hinabgestürzt war, seine Verwirrung wegen der flirrenden Luft über dem Asphalt, wie er Fritz getroffen hatte und sie beide auf den großen Zufall gestoßen waren.
Als er geendet hatte, schaute der große Zufall ihn nachdenklich an. „Ich glaube, ich kann dir helfen.“
„Wirklich?“
„Ja. Mir ist letztens zufällig was verrücktes passiert …“
Fritz schnaubte verächtlich. „Was du nicht sagst.“
„Ich war, warum auch immer, irgendwo in einem Dschungel. Und da war ein Vogel. Er hatte seine Eier verloren. Jemand hatte sie aus seinem Nest gestohlen. Zufällig war ich vorher auf einem Baum. Dort erzählte mir ein Affe, der übrigens Hilfe brauchte, weil er keinen passenden Ast fand, um Termiten aus einem Baumstamm zu holen, dass er einen Eierdiebstahl beobachtet hatte, als er selbst auf der Suche nach einem geeigneten Ast war …“
„Komm zum Punkt!“, unterbrach Fritz den großen Zufall. Der schenkte ihm nur einen herablassenden Seitenblick.
„Also jedenfalls war der Vogel sehr dankbar für meine Hilfe, denn zufällig lief uns auch der Affe wieder über dem Weg, dem ich ja vorher schon geholfen hatte. Gemeinsam fanden sie die Eier und …“
„Und was hilft uns das jetzt?“, fragte Fritz.
„Ist ja gut. Aus Dankbarkeit schenkte er mir zwei Federn. Er hatte ja sonst nichts. Ich habe mich lange gefragt, was ich damit tun soll. Ich habe sie auch schon liegen lassen, aber der Wind hat sie mir zufällig hinterhergeweht, da habe ich sie wieder eingesteckt.“
Fragend blickte Gerry das große Tier an. „Und was soll ich mit zwei Federn?“
„Naja, ich habe hier …“ er kramte mit einer Tatze in den Tiefen seines Fells herum „… auch noch zwei Gummis. Die habe ich bekommen als …“
„STOP!“, drängte sich Fritz dazwischen. „Und mit den Gummis willst du die Federn an seinen winzigen Flügeln befestigen, damit er über den Fluss fliegen kann.“
„Genau.“
„Das ist brilliant!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Gerry die beiden an. „Das ist nicht euer Ernst, oder?“
„Warum denn nicht?“ Fritz schien von der Idee wirklich begeistert zu sein.
„Weil ich noch nie geflogen bin“
„Dann lernst du es eben.“
„Mit Vogelfedern?“
„Ja. warum nicht?“
Fieberhaft überlegte Gerry. Fliegen zu können war schon immer sein Traum gewesen. Aber eben mit echten Grashüpferflügeln und nicht so. Bei dem Gedanken, mit diesen Federn über den Fluss zu flattern und sich der Gefahr auszusetzen, erneut in die Fluten zu stürzen, wurden seine Knie weich wie Moos. Andererseits war der Gedanke, den Wind in seinem Gesicht zu spüren und die Landschaft unter sich hinwegziehen zu sehen einfach verlockend.
„Du musst ja nicht gleich über den Fluss fliegen. Probier es doch einfach erstmal so. Viel kann ja nicht passieren.“ Unterbrach der Kater seine Gedanken.
Da hatte Fritz recht. Er musste ja nicht bei seinem ersten Flug den Fluss überqueren.
„Also gut. Ich mache es.“
Die beiden Tiere grinsten ihn an.

Wenige Minuten später hatten sie die Federn an Gerrys kleinen Schwingen angebracht. Vorsichtig hob und senkte er sie. Deutlich spürte er den stärkeren Luftwiderstand, den die Schwingen verursachten.
„Los, probier es“, ermunterte Fritz ihn.
Langsam begann er mit den Flügeln zu schlagen. Doch er hatte keine Ahnung, wie er sie richtig bewegen sollte. Der Schwung fegte ihn nach vorne und er verlor sein Gleichgewicht. Unsanft landete er auf dem Bauch. Im Hintergrund hörte er Fritz lachen. Genervt stand Gerry wieder auf und probierte es erneut. Dieses Mal bleib er zwar auf den Beinen, hob aber nicht ab.
„Vielleicht musst du Anlauf nehmen?“ Vermutete der große Zufall.
„Hm. Das kann sein.“
Gerry suchte sich eine Stelle auf dem Schotterweg, wo nicht so viele Steine lagen. Dann rannte er, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen, spreizte seine Flügel und hob ab. „Oooouuuaaaah!“ Das Gefühl, keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben war beängstigend. Hastig schlug er mit den Flügeln, wurde vom Wind weiter getragen, geriet ins Strudeln, machte einen Salto und landete unsanft im Gras. Sofort waren Fritz und der große Zufall bei ihm. „Ist alles okay?“ Fragten sie beinahe gleichzeitig.
„Jaja. Aber ich glaube, das wird nichts.“
„Doch komm schon!“
„Du bekommst das hin“
„Du brauchst nur Übung.“
Die beiden überschlugen sich beinahe bei dem Versuch, ihn zu ermutigen.
„Schon gut“, murrte der Grashüpfer und stand wieder auf.

Gerry übte und übte. Immer wieder erhob er sich in die Luft und stürzte ab. Erst, als die Dämmerung hereinbracht schaffte er es, sich einigermaßen stabil in der Luft zu halten. Besonders hoch traute er sich noch nicht. Aber im Flug über das Gras und den Weg hinweg zu gleiten, war ein berauschendes Gefühl. Erschöpft, aber glücklich sank er schließlich in die Wiese. Seine zwei Flugcoaches applaudierten ihm.
„Hab ichs doch gewusst!“ Meinte Fritz, breit grinsend.

Am nächsten Morgen erwachte Gerry bereits vor dem Sonnenaufgang. Neben ihm lag Fritz im Gras und schlummerte noch tief und fest. Der große Zufall war verschwunden. Gerry bewegte seine Flügel, um sicher zu gehen, dass er nicht geträumt hatte. Die Vogelfedern waren noch da. Erleichtert atmete er auf. Die halbe Nacht über hatte er wachgelegen und überlegt, was er tun sollte. Und er war zu dem Schluss gekommen, noch heute über den Fluss zu fliegen. Er konnte nicht länger warten. So schnell wie möglich wollte er bei seiner Familie sein und mit ihnen fliegen. Bei dem Gedanken wurde er ganz kribbelig.

Gemeinsam mit Fritz stand er an dem großen Fluss.
„Du wirst mich doch besuchen kommen?“ Fragte der Kater.
„Bestimmt“, meinte Gerry.
„Dann wünsche ich dir alles Gute da drüben.“
„Danke.“
„Na dann los.“ Der Kater setzte sich ins Gras und schaute Gerry auffordernd an.
„Okay.“
Er atmete noch einmal tief durch, dann konzentrierte er sich und nahm Anlauf. Als Gerry schnell genug war breitete er seine Flügel aus. Die Bewegungen fühlten sich schon viel vertrauter an, als am Vortag. Mühelos stieg er in die Höhe. Es war das erste Mal, dass er nicht nur knapp über dem Boden glitt, sondern weiter in Richtung Himmel stieg. Doch es machte ihm nichts mehr aus. Das mulmige Gefühl in seinem Magen ignorierte er, denn die Freude über seine neu gewonnene Freiheit überwog. Er ließ seinen Blick über das Ufer schweifen, an dem er die letzten Stunden verbracht hatte. Dort unten saß Fritz, der stolz zu ihm hinauf sah. Immer höher und höher flog er, den Wolken entgegen. Irgendwann war der Kater nurnoch ein kleiner Punkt. Dafür kam die Kante des Wasserfalls immer näher. Schon konnte er den Wald sehen, in dem er aufgewachsen war. Er überflog die Wipfel in weiten Kreisen und blickte hinüber über den großen Fluss, wo weite Wiesen und seine Familie auf ihn warteten. Dann flog er sicherheitshalber noch ein kleines Stück höher, nahm all seinen Mut zusammen und surrte hinaus über das Wasser.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Nicole
Eva
Anita
Surf Your Inspiration

Das Thema für den 01.12.2016 lautet: Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

6 Kommentare zu “Schreibkick #34: Höhe

  1. […] Sabrina […]

  2. Oh wie schön, den kleinen Grashüpfer beim fliegen begleiten zu dürfen. Es geht doch bestimmt noch weiter mit Gerry oder?! <3

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Haha, danke 🙂

      Mal sehen, ob es irgendwann weiter geht. Vorläufig habe ich es mal nicht geplant. Und bei Lila Locken und karierten Socken wüsste ich jetzt auch nicht so richtig, wie ich das einbauen soll. Aber wer weiß, vielleicht gibt es mal noch eine kurze Fortsetzung 😀

      Liebe Grüße,
      Sabi

  3. Ich mag deine Geschichten mit Gerry so sehr. Ich sollte sie mal meinem Jüngeren vorlesen. Die würden ihm sicher gefallen. Und jetzt fliegt er auch noch. Was nicht alles geht mit einem großen Zufall, Selbstvertrauen und einem guten Freund!
    Liebe Grüße
    Veronika

  4. […] Eva  Anita Conny Sabi […]

  5. […] ================= Die Idee stammt von Sabrina. Mitgemacht haben diesmal:NicoleAnitaEvaSabrinaConnyAlicjaBiankaDas Thema für den nächsten Monat lautet: Lila Locken, karierte Socken, […]

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