Schreibkick #35: Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

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Hallo ihr lieben,

meine Geschichte ist dieses Mal etwas länger ausgefallen, deswegen werde ich sie in drei Teilen posten. Ich wünsche euch viel Spaß 🙂

Teil 1

Silas stand mit dem Rücken zur Wand. Seine Lunge brannte und sein rechtes Knie schmerzte. Vermutlich hatte er eine Schürfwunde, doch er hatte nach seinem Sturz keine Zeit gehabt, nachzusehen, da seine Verfolger direkt hinter ihm waren. Jetzt hatten sie ihn eingeholt.
»Na, Brillenschlange, machst du dir wieder in die Hose?«
Er wusste nicht, was er sagen sollte, suchte panisch nach einem Fluchtweg. Doch die drei Jungs aus der Klasse über ihm, hatten ihn umzingelt.
»Gib mir dein Handy!«, forderte Matheo, der Anführer der drei.
Ängstlich schüttelte Silas den Kopf. Das würde Ärger geben zuhause, wenn seine Eltern das bemerkten. Er konnte nicht sagen, dass es Matheo und seine Bande waren, denn dann würden sie ihn verprügeln.
»Ich habe euch doch nichts getan«, jammerte er.
»Du hast Recht«, meinte Matheo. »Du bist ein lieber Junge. Deswegen sei jetzt so gut und gib mir dein Handy.« Drohend trat er einen Schritt auf ihn zu. Panisch schüttelte Silas den Kopf, woraufhin auch die anderen beiden Jungs näher kamen. Schritt für Schritt näherten sie sich ihm. Er schloss die Augen und hob die Hände vors Gesicht, erwartete das Reißen an seinem Rucksack und ihre Tritte, wenn sie ihre Beute hatten.
»Hey, Jungs, verzieht euch!«
Silas öffnete die Augen. Die drei Typen standen immer noch vor ihm. Doch hinter ihnen war jemand aufgetaucht. Silas konnte im Gegenlicht einer Laterne nur den Umriss einer Person erkennen. Ihre Stimme klang weiblich, aber streng. Vielleicht eine der Anwohnerinnen hier? Sie befanden sich in einer dunklen Seitenstraße, in der Silas sich hatte verstecken wollen. Dummerweise hatte er das Sackgassenschild nicht gesehen.
Matheo drehte sich um. »Du hast mir Garnichts zu sagen.«
»Meinst du?«
Sie zog etwas aus der Tasche – es sah aus wie eine Dose – und schüttelte es. Dann zielte sie damit auf Matheos Gesicht. »Verzieh dich, sonst bist du gleich grün.«
»Verpiss dich, du dumme …«
Weiter kam er nicht, denn sie machten einen schnellen Schritt nach vorne und sprühte ihm Farbe ins Gesicht. Metheo zuckte zusammen. »Ah, das brennt.«
Jetzt konnte Silas das Mädchen besser erkennen. Sie war vielleicht 15 oder 16, also ungefähr sechs Jahre älter als er, trug eine weite, dunkelgrüne Jacke und eine enge, schwarze Jeans. Aber das auffälligste an ihr waren eindeutig die lila Locken, die sie auf dem Kopf trug. Einer der anderen Jungs ging einen Schritt auf sie zu und hob die Fäuste vors Gesicht.
»Wirklich? Du willst auch?« Sie klang gelangweilt, fast schon herablassend.
Der Junge hingegen blieb verunsichert stehen.
»Macht, dass ihr wegkommt!«
Matheo hatte sich in der Zwischenzeit wieder gefangen und ging erneut auf sie zu. »Du dämliche Kuh, das wirst du mir …«
Sie holte aus, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen, doch er wehrte ihre Bewegung ab. Als hätte der Lockenkopf damit gerechnet, holte sie zur selben Zeit mir der anderen Hand aus und schlug ihm mit der Spraydose auf den Kopf. Dieses Mal schrie Matheo auf und Tränen stiegen ihm in die Augen.
»Also ich verschwinde jetzt«, meinte der Junge, der bisher unbeteiligt dabei gestanden hatte. Auch der mit den erhobenen Fäusten ging wenige Schritte zurück. Er schien unentschlossen, ob er fliehen, oder seinem Freund beistehen sollte.
Matheo warf ihr zwischen seinen Schluchzern einen bösen Blick zu. »Das gibt Rache.« Seine Stimme klang jedoch nicht allzu überzeugend. Dann rannte er los. Seine Kumpels folgten ihm.
Völlig perplex blieb Silas stehen. Er hatte nicht damit gerechnet, ungeschoren davon zu kommen. Wortlos starrte er das Mädchen an, das ihn gerettet hatte.
»Was ist? Hats dir die Sprache verschlagen?«
Silas wusste nicht, was er sagen sollte. In dem Moment begann es zu schneien. Die ersten Flocken in diesem Jahr. Wurde auch Zeit, in einem Monat war schließlich Weihnachten. Der Schnee blieben in ihrer Mähne hängen.
»Die Jungs scheinen dir ja ganz schön zugesetzt zu haben.«
Ihre Worte rissen Silas aus seinen Gedanken. »Äh. Ja. Danke für deine Hilfe.«
»Schon gut.«
»Wie heißt du?«
»Die meisten nennen mich Kitty.«
So einen seltsamen Namen hatte Silas noch nie gehört. »Ist das dein richtiger Name?«
»Nein.«
»Und wie heißt du richtig?«
»Ist doch egal. Ich muss jetzt weiter.«
»Halt! Warte!«, Silas wollte sie noch so viel fragen: wie sie so selbstbewusst geworden war, woher sie ihren coolen Namen hatte, wie sie gelernt hatte, sich so zu verteidigen und vieles mehr. Aber Kitty drehte sich um und lief die Straße hinunter. Silas folgte ihr.
»Bitte warte doch.«
Sie drehte sich um. Doch auf einmal wirkte ihr Gesicht nicht mehr freundlich und weich. Aus kalten Augen funkelte sie ihn an. »Lass mich. Ich habe dir geholfen. Das wars. Ich bin nicht auf der Suche nach einem neuen Freund.«
Wie angewurzelt blieb er stehen. Ein zweites Mal an diesem Abend fing sein Herz wie wild an zu klopfen.
»Tut mir leid, ich …«
»Das interessiert mich nicht.« Ihr Ausdruck wurde wieder etwas weicher. »Jetzt geh heim zu deiner Mama.« Mit den Worten wandte sie sich erneut ab. Silas blieb stehen und sah ihr hinterher. Immer wieder verschwand sie beinahe zwischen den Lichtkegeln der Straßenlaternen, dann tauchte sie im hellen Licht der nächsten wieder auf, bis sie einige Straßen weiter um eine Ecke bog und vollends aus seinem Blickfeld verschwand. Entgegen seiner Hoffnung drehte sie sich nicht noch einmal um.

Silas lief die Einfahrt zum Haus seiner Eltern hinauf. Drinnen brannte Licht. Seine Mutter tauchte mit vollen Händen vor dem Küchenfenster auf und verschwand auch gleich wieder. Die Vorbereitungen für das Abendessen waren wie immer in vollem Gange. Vor der Haustüre blieb er stehen um seinen Schlüssel aus der Jackentasche zu friemeln. Garnicht so einfach mit den dicken Handschuhen an den Fingern. Von drinnen ertönte Jazzmusik. Sein Vater war also schon zuhause und hatte eine seiner geliebten Schallplatten aufgelegt. Endlich hatte er seinen Schlüssel gefunden und schob ihn ins Schloss.
»Bin zuhause!«, rief er, als er in der Garderobe stand und die Türe hinter sich geschlossen hatte. Seine Mutter streckte ihren Kopf durch den Türrahmen, voll beschäftigt, wie immer. »Silas! Wie siehst du denn aus, was hast du denn angestellt?« Silas holte gewohnheitsmäßig nicht mal Luft, um ihr zu antworten, da er wusste, dass sie ihn ohnehin nicht zu Wort kommen lassen würde. »Du sollst doch auf deine Sachen aufpassen. Das sage ich dir doch immer wieder.« Sie hatte sich bereits wieder umgedreht und Silas hörte das Geklapper von Geschirr und Töpfen, während er sich die Schuhe auszog. Trotzdem plapperte sie ununterbrochen weiter. »Ich kann dir doch nicht ständig neue Klamotten kaufen. Sieh dich doch mal an. Ja, wir sind nicht arm, aber trotzdem musst du lernen, auf die Dinge Acht zu geben. Oder willst du in einer der Fabriken arbeiten, in denen die Sachen hergestellt werden? Das ist harte Arbeit. Vielleicht würdest du die Dinge dann zu schätzen lernen. Hörst du, Silas?«
»Ja, Mama. Tut mir Leid«, rief er beiläufig zurück.
»Jetzt geh nach oben und zieh dich um. Es gibt gleich essen. Nicht, dass dein Vater dich so sieht.«
Silas schüttelte den Kopf, als er die Treppe nach oben lief. Seinem Vater würde die Hose vermutlich Nichtmal auffallen. Der redete ohnehin nur über geschäftliches Zeugs. Bei dem Gedanken daran, wie sein Vater das Gesicht verziehen würde, wenn er ihm von dem lila Lockenkopf erzählen würde, musste Silas schmunzeln. Lila Locken, wie unzivilisiert, die Jugend von heute, wären vermutlich die Worte, die er darüber verlieren würde, bevor das Thema beendet wäre. Doch Silas wusste, dass das Thema für ihn noch lange nicht erledigt war. Er wollte wissen, wer sie war und sich zumindest nochmal richtig bedanken. Jetzt konnte er nur hoffen, dass er ihr irgendwann wieder über den Weg lief. Schließlich kannte er noch nicht mal ihren richtigen Namen.

Das Thema für unser Weihnachts-Special lautet: Zwischen Tannenbäumen

Das Thema für den 01.01.2017 lautet: Vorsatz

Diesen Monat waren dabei:

Eva
Veronika
Conny

5 Kommentare zu “Schreibkick #35: Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

  1. Oh! Und wann geht’s weiter? Wie oft noch schlafen?
    Toll! Danke!
    LG, Veronika

    • Huhu 🙂 Noch acht mal schlafen, dann geht es weiter 😀 😀 😀
      Liebe Grüße,
      Sabi

  2. Wer ist Kitty, was wird noch geschehen? Ich bin echt gespannt und freu mich schon auf die Fortsetzung 🙂
    Lieben Gruß,
    Conny

    • 😀 freut mich, wenn dir die Geschichte bisher gefällt. 😉 Am 11.12. geht es weiter 🙂
      Liebe Grüße,
      Sabi

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