Kategorie-Archiv: Schreibkick-Texte

Schreibkick-Special Weihnachten: Unter dem Weihnachtsbaum (und Nachtrag “Stille Straße”)

Veröffentlicht am von 11 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und hoffe, ihr habt ein paar entspannte, erholsame Feiertage gemeinsam mit euren Liebsten.
Letzten Monat habe ich hier ganz heimlich eine kleine Pause eingelegt. Wenn auch unfreiwillig. In einem meiner Brotjobs waren wir unterbesetzt, was zeitlich ziemlich stressig war. In dem anderen hatte ich vor Weihnachten noch eine Menge zu erledigen. Ich habe meine letzten Wochen also mit arbeiten, schlafen und essen verbracht. In meiner wenigen Freizeit habe ich Cthulhuabenteuer vorbereitet und geleitet, die schon länger geplant waren, und Gilmore Girls geschaut, wenn mein Kopf weder zum einen oder anderen noch getaugt hat (Netflix sei Dank :D). Entsprechend waren meine Ideen für den Weihnachtsschreibkick sehr geprägt von dunklen Wesen, die in den Wurzeln des Christbaumes leben könnten oder Tannennadeln, die an Heiligabend die glückliche Familie durchbohren (inspiriert durch Cthulhu), sowie Dialoge am Weihnachtstisch in feinem Hause, die nur so gespickt sind von versteckter Kritik und Vorhaltungen (Gilmore Girls). Die Gilmore Girls haben sich wohl in gewisser Weise durchgesetzt … aber lest selbst.
Vorher möchte ich hier aber noch alle Teilnehmer des Schreibkicks vom November verlinken. Das Thema war “Stille Straße” und es sind wieder wunderbare Beiträge entstanden.
Alice Japa
Frau Vro
Rina P.
Eva
Corly
Nicole
Ich hoffe, ich habe niemanden übersehen, sonst gebt mir doch bitte in den Kommentaren schnell Bescheid 🙂

Wunschwünsche

“Schaff das Ding aus der Wohnung!”, schrie ich, als ich das grüne Monster im Eck unseres Wohnzimmer stehen sah, noch bevor ich meine Tasche und meinen Mantel ablegen konnte. Leon war gerade dabei, große rote Kugeln anzuhängen.
“Aber Susi, du …”
“Nein … ich sagte: Schaff das Ding weg.”
Er legte die Kugel aus der Hand, kam auf mich zu, legte die Arme um mich und küsste mich auf die Stirn. Ich liebte es, wenn er das tat.
“Es ist Weihnachten, Schatz. Und wir feiern so, wie wir es wollen. Gleich morgens am 24.”
“Du Rebell”, knurrte ich, schon etwas versöhnlicher.
“Unsere eigene, kleine Feier, bevor der Stress los geht. Mit Marmorkuchen, starkem Kaffee, jeder Menge Schokolade und Orangensaft.”
Ich spürte, wie mein Ärger gegen meinen Willen verrauchte. “Also gut …” gab ich nach. “Aber wir erzählen keinem davon.”
“Ist okay.” Er grinste. “Und jetzt mach deine Wunschliste fertig.”
“Arsch!”, knallte ich ihm an den Kopf, während ich ihm mit meiner Tasche einen Hieb versetzte.
“Dein Vater hat schon drei Mal angerufen. Demnächst schickt er die Weihnachtselfenpolizei.”
Genervt schmiss ich Mantel und Tasche in den Flur und lief in Richtung meines Schreibtischs. “Ich hasse dich”, ließ ich meinem Liebsten noch zwischen Tür und Angel zukommen.
“Ich weiß, ich dich auch”, rief er aus dem Wohnzimmer.

Schneller als erhofft, war mein PC hochgefahren. Ich stand trotzdem noch einmal auf und machte mir einen Tee. Wunschlisten, Weihnachtsbäume, Festessen. Wer brauchte diesen Mist eigentlich?
Während das Wasser im Kocher begann erste kleine Bläschen zu formen, überlegte ich, was ich alles auf meine Liste packen sollte. Ich wünschte mir eine neue Hülle für meinen Kindle. In pink. Aber das konnte nicht drauf. Das letzte Mal, als ich mir eine Handyhülle in pink gewünscht hatte, hatte ich diese zwar bekommen, aber mein Vater hatte mir zusätzlich die Freude gemacht, mich beim Auspacken zu fragen, ob das denn wirklich das richtige für mich wäre, oder ob es nicht langsam Zeit wäre, erwachsen zu werden. Pink kam also nicht in Frage.
Außerdem brauchte ich etwas Günstiges. Mein Cousin Phil und seine Frau waren äußerst sparsam. Mehr als 10 € durfte ein Geschenk nicht kosten.
Mit einer Tasse dampfenden Tees mit dem Namen Kaminfeuer, trottete ich zurück an den Schreibtisch.
Socken, tippte ich in die Suchleiste ein. Ich fand ein paar hübsche mit Schneeflocken darauf, die aber auch erwachsen genug aussahen, um hoffentlich keinen entsprechenden Kommentar meines Vaters zu verursachen.
Nachdenklich trippelte ich mit den Fingern auf der Tastatur herum. Fielen Socken in eine ähnliche Kategorie wie Staubsaugerbeutel? In meiner Verzweiflung hatte ich mir vor drei Jahren Staubsaugerbeutel gewünscht. Praktisch, erwachsen, nicht pink, und U18. Aber die waren für Phil wieder zu praktisch. In diesem Jahr hatte er mir ein selbst gebasteltes Bild aus Blättern geschenkt. “Auf der Liste waren nurnoch Staubsaugerbeutel. Das schien mir nicht richtig passend für einen solchen Anlass.”
Schnell löschte ich die Socken wieder.
Bücher … Bücher wären gut. Die würden auch für Phil passen. Aber ich las am liebsten Thriller. Nicht die blutigen Splatter, sondern die spannenden Psychothriller, in denen der Irre jederzeit im Wohnzimmer stehen und das Licht einschalten konnte, wenn man zur Haustüre rein kam. Die, in denen Intrigen gesponnen und Menschen intelligent gegeneinander ausgespielt wurden. Aber das ging nicht. Denn auch meine Mutter würde von dieser Liste bestellen. “So etwas blutrünstiges will ich einfach nicht schenken. Das ist nichts für unter dem Weihnachtsbaum”, hörte ich sie bereits in meinem Kopf jammern.
Socken, tippte ich erneut ein und packte die mit den Flocken wieder auf die Liste.
Am einfachsten wäre es, einfach jedem separat einen Wunsch zu sagen. Aber das ging nicht. Denn Geschenke sollten eine Überraschung sein (laut Oma Lucinda).
Oder sich Geld zu wünschen. Aber Geld verschenkte man ja nicht (laut so gut wie allen, außer Oma Sophia, die immer Geld verschenkte).
Thriller tippte ich ein, in der Hoffnung, etwas zu finden, das mich in den Augen meiner Mutter nicht wie eine Psychopathin wirken ließ. Aber nachdem ich mich zwanzig Seiten lang durch Cover mit blutroten Lettern, gruseligen Augen und bedrohlichen Titeln gekämpft hatte, gab ich auf. Ich probierte ein wenig mit den Suchbegriffen herum und setzte letztendlich einen englischen Spionageroman auf meine Liste. Im Stil von Sherlock Holmes. Da ging doch so weit alles gesittet zu. Und ich packte noch einen weiteren darauf, falls Onkel Phil mit dem Bestellen schneller sein sollte. Der  zweite Roman klang sogar richtig gut. Falls ich ihn nicht bekommen sollte … oder nein.
Ich nahm ihn wieder runter. Das war genau das richtige für meinen Bruder Johann. Er verabscheute das Internet. Diese online-Wunschlisten fand er doof. Wenn ich ihm den Link zur Liste schicken würde, würde er es vermutlich erst Tage später bemerken und mich dann darum bitten, ihm etwas anderes zu sagen, das nicht auf der Liste stand. Oder er würde Leon bitten, ihm etwas zu empfehlen, das ich mir wünschte. Wenn ihm dieser Wunsch dann nicht passte, würde er trotzdem zähneknirschend etwas von der Liste bestellen und Leon hatte sich umsonst das Hirn zerbrochen. Aber dieses Jahr war ich vorbereitet.
Die Tür unseres Arbeitszimmers öffnete sich einen Spalt breit. “Und? Alle Wunschwünsche erfüllt?”
“Neieiein”, jammerte ich. “Das ist komplizierter als Integralrechnung. Bitte, bitte hilf mir.”
“Hm … ich weiß nicht …” Er grinste wieder.
“Biiiiiiitteeeeee.”
“Sonst willst du doch immer so viele Dinge haben.”
“Jaaahaaa, aber vor lauter Wunschvorgaben aus unserem schrägen Wunsch-Verhaltenscodex fällt mir nichts mehr ein.”
“Du wolltest einen Brotbackautomaten und unser Spargelschäler ist verrostet. Außerdem hat uns am letzten Racletteabend bei den Nachbarn der Dekantierer so gut gefallen.”
“Oh, oh, du bist gut.” Ich notierte mir alles auf einem kleinen Post-it. Spargelschäler passte für jeden. Brotackautomat für meine Mutter (Haushalt, praktisch und nicht blutrünstig), Dekantierer für meinen Vater (erwachsen, nicht pink). Dann schob ich Leon einen Post-it mit dem Titel meines gewünschten Spionageromans zu.
Er nickte. “Ich werde es Johann ausrichten.”
“Danke.”
Gefühlte Stunden später hatte ich noch einige andere unverfängliche Haushaltsgegenstände auf die Liste gesetzt, sowie einen Reiseführer für Korsika, wo wir unseren nächsten Sommerurlaub verbringen wollten.
Im Wohnzimmer raschelte es. Ich gähnte und fuhr den PC herunter. Vermutlich packte Leon schon die ersten Geschenke für unsere Verwandtschaft ein.
Ich stand auf und lief hinüber, um ihm zu helfen. In der Tür zum Wohnzimmer blieb ich stehen und wich zurück. Dann spickte ich wieder vorsichtig ums Eck. Leon hatte mich noch nicht bemerkt. Er war gerade dabei, eine übergroßes pinkes Etwas in Einhorn-Geschenkpapier zu hüllen. Auf dem Wohnzimmertisch lagen Bücher. Eines mit einer blutigen Axt und eines mit einem knallroten Motorradhelm darauf.
Der Baum in der Ecke war inzwischen fertig geschmückt. Neben den roten Kugeln hing dort allerlei rosa und pinker Schnickschnack. Ich musste mich bremsen, um vor lauter Freude nicht lauthals zu quietschen. Ich war mir sicher, dass in diesem Moment zwei lavendelfarbene Herzen anstelle der Pupillen in meinen Augen zu sehen waren.
Leon blickte hoch. “Verschwinde!” rief er, und schmiss mit irgendeinem Packpapier nach mir. Quietschend verschwand ich aus der Tür, welche er hinter mir zuknallte.

Beim Weihnachts-Special waren dabei:
Veronika
Eva
Rina
Corly
Nicole

Am 01.01.2018 gehts dann weiter mit dem Thema “Jahresuhr“.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest mit leckerem Essen, gutem Wein, liebevollen Geschenken und einem zugedrückten Auge für die Macken der lieben Verwandschaft. Genießt die gemeinsame Zeit.

Außerdem natürlich einen guten Rutsch ins neue Jahr <3

Alles liebe,
Sabi

Schreibkick #47: Nebelschwaden

Veröffentlicht am von 10 Kommentare

Hallo ihr lieben,

es ist Schreibkick-Zeit! Bei mir geht es diesen Monat wieder weiter bei Miley, Hannah und Fred. Was glaubt ihr, hat Miley ihre Partynacht gut überstanden?

Nebelschwaden

Ich stapfte über die kurz geschnittenen Wiesen, die zwischen dem Strand und dem Dorf lagen. Ich lief querfeldein, denn der Trampelpfad war ohnehin nicht zu erkennen und ich hatte es aufgegeben, den richtigen Weg mit den Füßen zu ertasten. Langsam wurde es heller um mich herum, aber über den Feldern lag ein dichter Nebelteppich. Ich war todmüde und hatte keine Ahnung, warum ich es noch vor einer Stunde für eine gute Idee gehalten hatte, den Rückweg alleine anzutreten. Wir hatten die halbe Nacht geredet. Hannah, Fred und ich. Er hatte sich vor einiger Zeit verabschiedet. Sein Vater würde ihn in weniger als 5 Stunden zum Golfen abholen, hatte er gesagt. Golfen – was für ein elitärer Snobsport. Aber ihm konnte ich das verzeihen. Er hatte mir zum Schluss seine Nummer gegeben.
Hannah und ich hatten noch auf der Baumbank gesessen und ohne Unterbrechung gekichert. Sie hatte bereits begonnen, unsere Hochzeit zu planen. Dann hatte ihr Exfreund vor uns gestanden und ihr zu verstehen gegeben, dass er gerne am Strand ein wenig Spaß mit ihr haben würde. Das war nichts Neues, wenn die beiden Single waren trafen sie sich häufiger.
Und so lief ich nun alleine über dieses gottverlassene Feld. Meine Füße waren nass und ich begann langsam zu frieren. Ich war mir noch nicht mal mehr sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Der weiße Dunst um mich herum erstrahlte immer heller, aber wirkliche Anhaltspunkte hatte ich nicht. Auf diesen Feldern war weit und breit einfach Nichts. Nur Wiese.
Da schälte sich vor mir eine Kontur aus dem Nebel. Hüfthoch lag auf einmal eines der Felder von Plant2.0 vor mir. Mein Blick reichte dank des Nebels nicht sonderlich weit. Es waren irgendwelche Blumen, deren gelbe Blüten zu dieser Tageszeit noch geschlossen waren.
Ich seufzte, als ich erkannte, dass ich einen ganz schönen Umweg gemacht hatte. Mein Kopf fing an zu wummern und meine Beine wurden auf einmal so schwer, dass ich mich kaum noch aufrecht halten konnte. Das war keine normale Müdigkeit. Das musste der Alkohol sein, von dem ich an diesem Abend anscheinend viel zu viel getrunken hatte. Kenn dein Limit. Der Werbeslogan fiel mir in dem Moment wieder ein. Zu spät. Ich würde morgen, also nachher, wenn ich wieder wach war, einen fürchterlichen Kater haben. Ich setzte mich ins Gras. Nur einen Augenblick …, dachte ich bei mir und schloss für einen Moment die Augen.

Ich erwachte davon, dass ich niesen musste. Benommen setzte ich mich auf. Ich war von gelben Blüten umgeben. Mist …, dachte ich. Stand hier nicht irgendwo ein Schild, dass man das Feld nicht betreten sollte? Ich hatte mit meinem Oberkörper eine kleine Schneise in das Feld gewalzt, als ich beim Einschlafen hineingefallen war.
Nocheinmal musste ich niesen. Ich wollte mir die Hand vor die Nase halten, doch als ich meine Finger sah, zuckte ich erschrocken zurück. Sie waren grün. Diese dämlichen Blumen mussten wohl abgefärbt haben. Schnell zog ich mein Handy aus der Tasche und öffnete die Kamera, um mich im Selfiemodus selbst sehen zu können. Die Sonne, die mittlerweile dicht über den Bäumen stand und die leichten Nebelschwaden, die sie noch übrig gelassen hatte, erstrahlen ließ, blendete mich. Ich musste mich ein Stück weit drehen, um auf dem Display etwas erkennen zu können. Tatsächlich, ich war irgendwie grün im Gesicht. Blassgrüne Flecken breiteten sich auf meiner Haut aus. Hoffentlich war das nicht irgendeine Art von allergischer Reaktion. Ich sah furchtbar aus. Meine Haare waren zerzaust und mein Make-up verschmiert. Schnell kämmte ich mir mit den Findern durch die Haare und versuchte, so gut es ging sie verschmierten Schminkereste abzuwischen. Dann stand ich schwankend auf. Ich konnte nur hoffen, dass alle anderen im Dorf einen ähnlichen Kater hatten wie ich und noch im Bett lagen. Bitte lieber Gott, lass mich niemanden begegnen, betete ich entgegen meiner sonstigen spirituellen Einstellung und machte mich auf den Weg nach Hause.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Corly
Rina

Das Thema für den 01.12.2017 lautet: Stille Straße

Es wird dieses Jahr übrigens wieder ein Weihnachtsspecial geben!

Das Thema für den 24.12.2017 lautet: Unter dem Weihnachtsbaum

Schreibkick #46: Herbstfarben

Veröffentlicht am von 8 Kommentare

Hallo ihr lieben,

heute gibt es etwas außerhalb der Fortsetzungsgeschichte. Dieser kleine Text ist während einer Schreibaufgabe bei einem Treffen mit meiner Schreibgruppe entstanden und ich finde, er passt ganz gut zum Thema.

Kicki

Kicki hüpfte flink und geschickt von Ast zu Ast. Unter ihr rieselten gelbrote Blätter zu Boden. In einer Astgabel blieb sie sitzen. Hatte sie hier nicht vor kurzem ein paar Nüsse liegen lassen, als sie von der dämlichen Krähe belästigt worden war? Doch. Da waren sie. „Das schwarze Ungetüm hat sie also nicht gefunden“, dachte Kicki voller Genugtuung.
Sie griff sich eine  der Nüsse und drehte sie in ihren Pfötchen. Als sie gerade hineinbeißen wollte, hörte sie von unten Kindergeschrei.

„Gugg mal Mami, ein Eichhörnchen!“

Genervt hielt Kicki inne.

„Pssst“, machte die Mutter. Du verscheuchst es sonst.“

Kicki beobachtete, wie die Familie sich langsam an den Baum heranpirschte. „Für wie blöd halten die mich eigentlich?“, dachte sie bei sich. Sie hasste es, beim Essen begafft zu werden. Schnell nahm sie Anlauf über einen der ausladenden Äste und hüpfte hinüber auf die große Tanne. Dort schraubte sie sich am Stamm entlang in die Höhe und blieb, außerhalb der Sichtweite der Familie ganz oben sitzen und machte es sich bequem. In Gedanken ging sie all ihre Verstecke noch einmal durch. Unter dem Kastanienbaum, bei der Parkbank, hinter dem „Rasen nicht betreten”-Schild und so weiter. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Der Winter konnte kommen. Die Berge in der Ferne trugen bereits weiße Mützen aus Schnee. Weit konnte der Winter also nicht mehr sein.

Diesen Monat waren dabei:
Anita (in der facebook-Gruppe gepostet)
Eva
Vro
Corly
Rina
Alice

Das Thema für den 01.11.2017 lautet: Nebelschwaden

Schreibkick #45: Sommerausklang

Veröffentlicht am von 9 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich bin wieder einen Tag zu spät dran. Ich hoffe, ihr habt trotzdem Spaß an der Fortsetzungegeschichte. Denn jetzt geht es weiter mit Miley, Hanna und … ja … und wem wohl?

Sommerausklang

Zögerlich mischten wir uns unter das Volk. Gitarrensound und Trommelrhythmen drangen aus den Lautsprechern. Unser erster Gang führte uns zu der aufgebauten Theke.
»Hey, willst du auch Bowle?«, fragte Hanna.
Ich nickte. »Gerne.«
»Soll ich versuchen, die mit Alkohol zu bekommen?«
Ich sah sie mit großen Augen an. Alkohol hatte ich bisher nur an meinem 16. Geburtstag getrunken, als mein Vater mir erlaubt hatte, zur Feier des Tages ein kleines Gläschen Rotwein zu probieren. Geschmeckt hatte es mir nicht, aber das warme Gefühl danach war ganz angenehm gewesen.
»Hm.«, antwortete ich daher.
»Ich probiere es einfach.«
»Hm«, sagte ich wieder.
Ich beobachtete, wie Hanna zielstrebig auf den Kellner hinter der Theke zuging. Sie zeigte auf eine der großen Schüsseln und sagte etwas. Der Mann jedoch zog eine Augenbraue hoch, grinste dann und füllte ihr schließlich zwei Becher aus der anderen Schüssel voll.
Als Hanna mir den Becher in die Hand drückte, zuckte sie nur mit den Schultern und meinte: »Hat nicht geklappt.«
Mit meiner alkoholfreien Erdbeerbowle in der Hand sah ich mich um. Bisher standen die meisten Leute an den Stehtischen herum, unterhielten sich und nippten an ihren Getränken. Ein paar Mädchen ließen ihre Hintern leicht zu der Musik wippen. Die übrigen Leute hatten sich ein wenig abseits mit Bier, Sekt und Bowle in den Sand gesetzt. Die meisten waren schick, sommerlich gekleidet, aber nicht wirklich aufgetakelt. In meinem Look fühlte ich mich daher einigermaßen wohl.
Hanna stieß mich mit dem Ellbogen an. »Komm, setzen wir uns auf die Baumbank.«
»Okay.«
Am Strand war vor einigen Jahren ein riesiger Stamm angespült worden. Von ersten Tag an, war er ein beliebter Aufenthaltsort gewesen. Und da keiner sich zuständig fühlte, oder es für nötig hielt, ihn wegzuräumen, hatte er einige Jahre so verbracht. Dann kam auf einmal von irgendwem im Stadtrat die Idee, dass man etwas damit machen müsse. Verschönerung des Stadtbildes und so. Und da jeder den Baum behalten wollte, wurde ein Künstler des Nachbarortes beauftragt, eine Bank daraus zu machen. Er hatte in die Oberseite des Baumes ein paar kleine Sitzkuhlen gefräst – oder wie man dazu sagt. Um die natürliche Ästhetik mit modernem Minimalismus zu vereinen, hieß es damals, glaube ich. Jetzt haben wir einen stinknormalen Stamm mit leichten Kuhlen – unsere Baumbank. Und der Künstler ist vermutlich um ein paar tausend Euro leichter.
»So lässt es sich doch leben«, meinte Hanna, als wir uns auf die Baumbank hievten.
»Ja, das stimmt.«
Leise drang das Rauschen der Wellen zwischen der Musik zu uns vor. »Trotzdem würde mich interessieren, wer diese Party veranstaltet«, sagte ich.
»Wir können ja nachher mal rumfragen«, antwortete Hanna. Dann runzelte sie die Stirn und stieß mich mit dem Ellenbogen an. Sie nickte in eine bestimmte Richtung und ich folgte ihrem Blick. Dort stand ein Junge. Oder eher ein junger Mann. Wahrscheinlich so um die 18. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er war auch etwas fülliger, sah aber ganz nett aus in seinem hellblauen Poloshirt und den schwarzen Shorts. Einen Pullover hatte er locker über die Schultern geworfen. Das war gut. Die meisten banden sich ihre Pullover um ihre Hüften. Aber das betont unsere Problemzonen nur unnötig. Er hatte drei Becher in der Hand und kam zögerlich auf uns zu, als er unsere Blicke bemerkte.
»Hi«, sagte er, und hätte er die Hände frei gehabt, hätte er sich bestimmt verlegen am Kopf gekratzt.
»Hi«, antworteten wir im Chor.
»Ich … ähm … also ich habe vorhin gehört, wie ihr. Also wie du …« er sah Hanna an. »Wie du die Bowle mit Alkohol bestellen wolltest. Was dann ja nicht geklappt hat.« Er lächelte nervös. »Also ich habe euch welche mitgebracht, wenn ihr wollt?«
Wieder einer von Hannas Verehrern. War ja klar. Genervt starrte ich auf den Sand unter meinen Füßen, als hätte der mit etwas wichtiges zu sagen. Wieder bemerkte ich einen Stoß in der Rippengegend. Als ich aufblickte, sah ich, dass der Kerl nicht Hanna, sondern mich verlegen angrinste. Mein Herz begann zu rasen.
»Ich … äh … ja. Also klar doch.«
Er atmete erleichtert aus und drückte mir und Hanna jeweils einen Becher in die Hand. »Ich bin übrigens Fred.« Er sprach den Namen englisch aus. »Also eigentlich Ferdinand. Aber alle nennen mich Fred.«
Auch wir stellten uns ihm vor. Dann stießen wir an und ich nahm einen Schluck von meiner Bowle. Sie schmeckte sehr süß. Kein Vergleich zu dem Rotwein, den ich damals getrunken hatte. Wenn Alkohol so schmeckte, konnte ich mich wohl doch daran gewöhnen. Vor allem, wenn er mir von einem so netten Typen gebracht wurde. Jetzt galt es, irgendwie diese Konversation am Laufen zu halten. Ich musste mir etwas einfallen lassen.
»Ähm. Warum haben wir dich denn noch nie hier im Ort gesehen? Eigentlich kennt man sich hier ja.«
»Ich bin gerade mit meinem Vater hergezogen. Er hat hier einen Job bekommen. Ich hätte auch bei meiner Mutter in Berlin bleiben können. Aber in einem Jahr, nach meinem Abi, wollte ich eh weg aus der Stadt. Also habe ich die Chance genutzt, um jetzt schonmal was Neues zu sehen.«
»Dann haben sich deine Eltern getrennt?«, frage Hanna neugierig.
»Ja. Aber schon vor Jahren.«
»Und wo arbeitet dein Vater jetzt?«, mischte ich mich wieder ein. Ich wollte nicht, dass Hanna ihn zu seiner gesamten Familiengeschichte ausfragte, wie sie es so gerne tat.
»Bei Plant 2.0.«
»Dem Genpflanzenunternehmen?«
»Ja genau. Er ist Mikrobiologe und untersucht die Zellen der unterschiedlichen Züchtungen.«
»Cool«, sagte ich.
»Cool?«, keifte Hanna schrill. »Ich finde, unsere Natur bekommt das ganz gut alleine hin mit den Pflanzen. Ich verstehe nicht, warum alles immer noch besser, größer und effizienter werden muss!«
Diese Diskussion wurde in unserem Ort bereits hunderte Male geführt, seit Plant 2.0 ihr Fabrikgebäude und die Versuchsfelder am Stadtrand eingeweiht hatte. Sogar im Schulunterricht war Gentechnik ein Thema geworden. Hanna war eine der erbittertsten Gegnerinnen und würde sich bei Protesten vermutlich freiwillig an das Fabriktor ketten lassen. Das konnte heute Abend ja noch ein spannender Sommerausklang werden.

Fortsetzung folgt …

Das Thema für den 01.10.2017 lautet: Herbstfarben

Diesen Monat waren dabei:
Eva
Vro
Rina

Schreibkick #44: Strandparty unter Vollmond

Veröffentlicht am von 9 Kommentare

Hallo ihr lieben,

es ist wieder Schreibkick-Zeit. Bei mir ist wieder eine Fortsetzungsgeschichte draus geworden.

Strandparty unter Vollmond

Strandparty unter Vollmond
Samstag, 21 Uhr, Bootshaus

Sprachlos starrte ich auf den Zettel. Dann knüllte ich ihn zusammen und warf ihn in den Papierkorb neben meinem Schreibtisch. Samstag. Das war heute. Da wollte mich doch nur wieder jemand verarschen. Ich war seit der Grundschule auf keine Party mehr eingeladen worden. Mit jemandem wie mir, einer verpickelten, schwer übergewichtigen 16-jährigen wollte keiner was zu tun haben. Warum auch? Ich konnte mich ja selber nicht leiden. Ich bekam selten blöde Sprüche zu hören. Vordergründig waren die meisten Menschen nett und tolerant. »Jeder so, wie er sich wohlfühlt«. Das dumme war nur, dass ich mich 1. nicht wohlfühlte und 2. die Wahrheit an ihren Gesichtern sah. Ich sah, wie sie mich musterten, wenn ich vorbei lief. Wenn ihr Blick erst auf meine runden Hüften und dann auf mein aufgequollenes Gesicht fiel. Ich beobachtete aus den Augenwinkeln, wie sie sich nach mir umdrehten. Hörte hinter meinem Rücken, wie sie plötzlich zu kichern anfingen oder ungläubig über meine Figur stöhnten. All das bekam ich mit. Und es machte mich traurig. Dann versuchte ich, mir zu sagen, dass mir das egal sei. »Jeder so, wie er sich wohlfühlt«, und aß eine Pizza mit Käserand. Wenn ich dann vollgegessen und mit fettigen Fingern auf meinem Sofa saß, hasste ich mich wieder dafür und schob aus Frust eine Tüte Chips hinterher. Dann versuchte ich es mit einer Diät. Ich hatte schon beinahe alles probiert. Aber auch das frustrierte mich immer so, dass ich hinterher wieder 5 Kilo zunahm. Also habe ich das mit den Diäten auch aufgegeben. Warum also, sollte mich jemand auf eine Strandparty einladen?
Eine Lösung gab es vielleicht noch. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und begann zu tippen.

Miley:
»Hast du auch so eine Einladung zur Strandparty bekommen?«

Hanna:
»Ja. Gehst du hin?«

Miley:
»Weiß nicht. Wenn du gehst?«

Hanna:
»Wenn du mitkommst, gehe ich hin.«

Ich überlegte kurz. Mit Hanna konnte es lustig werden. Und falls nur die ganzen Surferboys da sein sollten und es uns zu blöd wurde, konnten wir ja wieder umdrehen.
Miley:
»Okay. Dann gehen wir wohl hin.«

Hanna war die Einzige mit der ich mich ab und zu traf. Sie war in meiner Parallelklasse und auch dick. Aber nicht so schlimm wie ich. Sie wurde sogar manchmal angeflirtet von Jungs, was sie mir dann grinsend erzählte. Das freute mich für sie, aber machte mich auch neidisch.
Ich ging zu meinem Schrank. Was ich anziehen sollte, war einfach. Eigentlich hatte ich nur ein passendes Outfit für diesen Anlass. Das Wickelkleid, das ich mit meinen Eltern bei unserem letzten gemeinsamen Sommerurlaub in Spanien gekauft hatte. Normalerweise trug ich immer Jeans und T-shirts. Aber wenn ich mich schon überwand zu dieser Party zu gehen, wollte ich wenigstens versuchen, etwas aus mir zu machen.

Um kurz vor 9 stand ich vor dem geschlossenen Aldi, wo ich mich mit Hanna treffen wollte. Von hier waren es nur 100 m bis zum Bootshaus. Ich hörte die Musik bereits herüberschallen. Es war schon eine ganze Menge los. Schien so, als sei der ganze Ort zu dieser Party eingeladen worden. Und da waren sie wieder. Die Blicke der aufgehübschten Mädels, die sowas wie eine Taille besaßen. Ich fühlte mich unwohl, wie ich hier alleine stand, und begann, nervös an meinen Fingernägeln rumzuknibbeln. Wo blieb denn nur Hanna? Zu zweit waren solche Situationen leichter zu ertragen. Da war ich abgelenkt und hatte anderes zu tun, als zu beobachten, wer mich alles musterte und mir vorzustellen, was die Leute über mich dachten.
»Naaa, bereit für die Party?« Hanna kam freudestrahlend auf mich zu. Dafür bewunderte ich sie. Sie hatte auch ihre Phasen, in denen sie schlecht drauf war und genervt. Aber wenn wir dann zusammen unterwegs waren, oder bestimmt auch, wenn sie alleine unter Menschen war, war sie lustig und immer guter Laune. Außerdem war sie schlagkräftig, während ich meistens über ein »Äh« nicht hinauskam, wenn mich jemand blöd anmachte.
»Ja. mal sehen«, erwiderte ich.
Sie hakte sich bei mir unter und gemeinsam liefen wir in Richtung strand. Schon von weitem konnten wir sehen, dass jemand Lampions über die sonst eher schlichte Terrasse des Bootshauses gehängt hatte. Am Strand brannten Feuer in Schalen. Da wir fast Herbst hatten, dämmerte es auch schon, was dem ganzen eine zauberhafte Atmosphäre verlieh. Ich lächelte Hanna zu und sie lächelte zurück. So langsam begann ich, mich auf den Abend zu freuen.

Fortsetzung folgt …

 

Das Thema für den 01.09.2017 lautet: Sommerausklang

Diesen Monat waren dabei:
Vro
Eva
Rina
Corly

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #43: Abkühlung

Veröffentlicht am von 9 Kommentare

Halli hallo meine lieben,

ich habe bis gestern nicht mehr daran geglaubt, dass ich noch einen Text schaffen werde. Doch am Abend lag ich im Bett und habe überlegt, was ich tun könnte … mein Hirn hatte irgendwann die Idee: “Schreib doch ein Haiku”. Gleichzeitig war mir aber klar, dass das ja gewisse Regeln hat und ich keine Ahnung davon habe. Trotzdem habe ich dann gegoogelt, ein bisschen was gelesen, ein paar Beispiele angesehen und dann einfach mal drauflos geschrieben.

Hier also kurze Texte zum Thema “Abkühlung”. Was für eine Textgattung sie auch immer sein mögen …

Meine erste Idee war Folgendes:
Eine Flamme
Wasser bringt Erfrischung
Asche

Dann habe ich irgendwo gelesen, dass heute auch gerne moderne Dinge, z.B. aus dem Großstadtleben verwendet werden. Daraus entstand das:
Klimaanlage
Ein Bikini flattert
Im Sommerwind

Nachdem ich diese zwei “Meisterwerke” im Dunkeln in mein Handy getippt hatte und mein Hörspiel eingeschalten hatte, um zu schlafen, fiel mir Folgendes ein (Wer errät, welches Buch ich gerade höre?)
Müdigkeit
Das Hörspiel spricht vom Ozean
Mein Kätzchen

Die letzte Zeile könnte auch “bodenloser Eimer” heißen … oder “Loch im Fuß”. Naaa, kennt es jemand? Passend wäre auch:
Opalschürfer
Im Eimer ein Ozean
Mein Kätzchen

Die Idee mit dem Eimer hat mich dann nicht mehr losgelassen:
Gartentraum
Im Eimer ein Ozean
Süße Früchte
(im Halbschlaf hatte ich hier noch eine andere letzte Zeile, die fällt mir nicht mehr ein).

Mein Hirn hat dann noch ein wenig weiter gemacht … der Gedanke, moderne Erscheinungen in Haikus zu verarbeiten hat mir große Freude bereitet. Irgendwie bin ich bei Schönheitschirurgie gelandet. Ich habe aber nichts mehr aufgeschrieben, da es mittlerweile 00:30 Uhr war und ich echt schlafen sollte … Dabei kamen so Sachen raus wie:
Faltenfrei
glatt wie Seide
Danke Botox

😀 😀 😀 zu anderer Zeit vielleicht mal mehr davon 😀

So … jetzt schnell Kaffee trinken, dann muss ich auch schon los.

Diesen Monat waren dabei:
Vro
Eva

Das Thema für den 01.08.17 lautet: Strandparty unter Vollmond

Liebe Grüße,
Sabi

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #41: Kuriose Geschichten aus dem Freibad

Veröffentlicht am von 22 Kommentare

Halli hallo,

es ist wieder Schreibkick-Zeit. Meiner ist kurioser geworden, als ich es mir beim Ausdenken des Themas hätte vorstellen können. Wer mich kennt, weiß, dass ich Verschwörungstheorien sehr gerne habe … Aber lest selbst 😀

Kuriose Geschichten aus dem Freibad

»Ja? Was gibts?« Joe hatte die Tür aufgerissen und sah mich an, als hätte ich ihn bei irgendwas ertappt.
»Ähm. Ich wollte dich nur fragen, ob du eine Schere hast. Ich finde meine in dem Umzugschaos nicht.«
»Klar, warte kurz.« Er drehte sich um, lehnte die Tür an und begann, den Geräuschen nach zu urteilen, in seinen Sachen zu kramen. Als die Tür von selbst wieder ein wenig aufschwang, konnte ich einen Blick in sein Zimmer erhaschen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass mein Mitbewohner mich noch nie hineingebeten hatte. An seiner Wand hing ein großes Poster. Ich konnte einige Politiker, aber auch Promis darauf erkennen. An oberster Stelle die deutsche Bundeskanzlerin, darunter der amerikanische Präsident, dann amerikanische Promis, der russische Präsident und deutsche Comedians. Leider konnte ich die Überschrift nicht lesen. Neugierig stupste ich die Tür ein wenig an, zuckte im selben Moment aber zusammen. Vielleicht war es nicht so klug, seinen neuen Mitbewohner gleich am zweiten Tag zu verärgern. Doch Joe war über den Schreibtisch gebeugt und hatte nichts bemerkt. Ich trat einen kleinen Schritt nach rechts, um das Poster in seiner vollen Größe betrachten zu können. »Reptiloide« stand in großen Buchstaben darauf. Ich runzelte die Stirn.
In dem Moment fuhr Joe herum. Als sich unsere Blicke trafen, erschrak er. Hastig eilte er zur Tür und drückte mir die Schere in die Hand.
»Viel Spaß damit«, meinte er und schloss die Tür. Unentschlossen starrte ich auf das Holz. Dann klopfte ich. Meine Neugier war geweckt.
Zunächst reagierte Joe nicht. Doch dann hörte ich seine Schritte, die sich näherten, kurz darauf erschien sein Gesicht im Spalt. »Brauchst du noch was?«
»Nein. Ähm. Ich wollte eigentlich nur wissen, was das da für ein Poster ist.«
Joe kaute auf seiner Unterlippe. »Also gut. Komm rein.«
Er ließ mich ein. Die Regale an seinen Wänden reichten bis unter die Decke und waren mit Büchern, Ordnern und losen Blättern vollgestellt. Dazwischen standen seltsame Kunstobjekte. Drachen, nackte Frauen, Dreiecke mit Kreisen. Nichts davon hatte ich jemals zuvor gesehen.
»Willkommen in meinem Reich«, meinte Joe und setzte sich auf ein dunkelbraunes Sofa, das den Anschein erweckte, als würde es von den Regalen neben sich erdrückt.
»Was ist das hier alles?«, fragte ich.
»Meine bescheidene Sammlung.«
»Von was?«
»Irgendwie von allem.«
Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich von den Regalen loszureißen und mich meinem Mitbewohner zuzuwenden. »Und was ist mit dem Poster?«
Joe atmete tief durch. »Ach das … das ist … hast du den Begriff Reptiloid schon mal gehört?«
»Nein.«
»Es gibt da so eine Theorie, die besagt, dass es seit vielen Jahrhunderten bereits extraterrestrisches Leben auf der Erde gibt. Sie erforschen uns, haben uns unterwandert und führen teilweise sogar Handel mit den Menschen.«
Unweigerlich musste ich grinsen. »Und wie soll das gehen, ohne, dass wir es merken?«
»Gestaltwandler«, sagte Joe.
»Gestaltwandler«, wiederholte ich.
»Ja.« Er seufzte erneut. »Es ist schwer, das zu erklären, wenn sich jemand noch nicht lange damit beschäftigt hat. Aber überleg mal: Unsere Erde gibt es seit 4,6 Milliarden Jahren. Vor ca. 2 Millionen Jahren entstanden die ersten Vorfahren der Menschen. Vor 250.000 Jahren der Homo Sapiens. Und in den letzten Jahrzehnten haben wir uns technologisch unglaublich weiterentwickelt. Der Flug zum Mond, Computer, Smartphones. Das ging alles unheimlich schnell. Setzt man voraus, dass es das Universum noch viel länger gibt, als unsere Erde, müsste es jede Menge anderer Planeten mit Leben geben, die bereits Jahrhunderte vor uns auf unserer Entwicklungsstufe gewesen sein müssen – und die inzwischen viel weiter sind als wir. Warum also, sollte es keine davon bisher bis zu uns geschafft haben? Es gibt Ufosichtungen. Wir haben Videos. Aber die Regierungen halten sie klein, vernichten Beweisen, dementieren. Damit es keiner mitbekommt.«
»Und warum verschweigen sie es vor uns?«
»Weil sie selbst diese Reptiloiden sind. Sie haben die einflussreichen Familien auf dieser Welt unterwandert.«
»Und das glaubst du wirklich?« Ich konnte die Verwunderung in meinem Tonfall nicht verbergen.
Joe kratzte sich am Kopf, zögerte. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.«
»Aha.«
»Du hast Glück. Ich kann es dir sogar beweisen. In ein paar Tagen.«
»Und wie?« Ja – ich hielt ihn für verrückt. Und trotzdem wollte ich wissen, was mit dieser Verrückte zu sagen hatte.
»Das kann ich dir erst dann zeigen.«
»Okay, da bin ich aber gespannt.«

Wir saßen im Gebüsch des Strandbads Jungfernheideteich und beobachteten die Umkleidekabinen. Es war Mitternacht und mir war kalt. Außer uns war niemand hier. Schon am frühen Abend hatten wir die Umzäunung überstiegen. Joe hatte gesagt, das sei wichtig. Kurz darauf würden nämlich Wachen eintreffen, welche jeglichen Einbruch verhindern sollten. Ich fragte ihn, ob sie nicht auch im Bad patrouillieren würden. Er sagte nein. Auch sie dürften schließlich nicht wissen, was hier vor sich ging.
Plötzlich stieß Joe mich an und zeigte auf eine der Kabinen. Eine Tür hatte sich geöffnet. Komisch. Ich hatte niemanden hineingehen sehen.
»Es gibt einen Tunnel«, verriet er mir.
Ich fragte nicht weiter, denn in diesem Moment verließ eine Frau die Kabine. Mir bleib die Luft weg, als ich sie erkannte. Es war die deutsche Bundeskanzlerin. Ihr folgte ein Mann mit hellem Haar. Ich blinzelte. Doch. Das war er: der amerikanische Präsident, der momentan auf Deutschlandbesuch war. Zielsicher steuerten die beiden auf das Wasser zu und ließen dabei ihre Kleider fallen. Dann geschah etwas, das ich bis heute nicht verarbeitet habe. Sie verwandelten sich. Sie verwandelten sich in etwas Echsenartiges. Das Ganze geschah sehr elegant. Sie ließen sich einfach nach vorne fallen. Und als sie unten aufkamen, federten sie den Sturz spielend leicht mit ihren Vorderbeinen ab. Dann gaben sie irgendwelche Geräusche von sich – es klang wie ein Mix aus Schlangenzischen und Delfinklackern – und verschwanden im Wasser.
Mit großen Augen starrte ich auf die Wasseroberfläche. Immer wieder tauchten sie auf und unter, spielend leicht.
»Warum weiß davon keiner?«, flüsterte ich.
»Weil es keiner glaubt.«
»Und warum zeigt ihr das keinem?« Joe hatte mir erzählt, dass es viele Menschen auf der Welt gab, die Bescheid wussten.
»Naja, sie vereiteln alle Pläne, das Wissen einer größeren Masse zugänglich zu machen und schaffen es, uns als naive Verschwörungstheoretiker dastehen zu lassen.« Ich konnte Joe kaum verstehen, so leise redete er.
»Und warum hindert uns heute keiner daran?«
»Ein einzelner Mensch ist nicht wichtig genug«, lautete seine kurze Antwort.
Wir beobachteten das Treiben noch eine ganze Weile. Erst nach einer halben Stunde kamen die beiden wieder aus dem Wasser. Fließend verwandelten sie sich zurück, sammelten auf dem Rückweg ihre Klamotten ein und verschwanden wieder in der Kabine, aus der sie gekommen waren. Joe bedeutete mir, noch eine Weile sitzen zu bleiben. Wir mussten warten, bis die Wachen draußen verschwunden waren. Ich starrte noch eine Weile auf die Wasseroberfläche und war mir jetzt schon nicht mehr sicher, ob ich das Ganze soeben wirklich beobachtet hatte.

+++

Es gibt übrigens tatsächlich ganz wunderbare “Beweisvideos” über die Existenz dieser Wesen. Unter anderem von Jürgen von der Lippe. Jaa, er ist einer von ihnen 😀 Gebt mal “Reptiloid” bei Youtube oder Google ein – das macht wirklich große Freude 😉 Für alle Facebooknutzer empfehle ich zur weiteren Info “Der goldene Aluhut” <3

Liebe Grüße,
Sabi

Diesen Monat waren dabei:
Eva
Nicole
Veronika
Rina.P
Corly

Das Thema für den 01.06.2017 lautet: Hitze

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #40: Platzregen

Veröffentlicht am von 5 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich bin diesen Monat etwas zu früh dran, da ich nicht weiß, ob ich morgen zum posten kommen werde.
Ich wusste lange nicht, was ich zu diesem Thema schreiben soll, also habe ich mir überlegt, die Protagonistin meines nächsten Romans einfach mal hinaus in den Regen zu schicken. Somit bekommt ihr heute bereits die Gelegenheit, Lia ein wenig kennenzulernen. Viel Spaß beim Lesen!

Platzregen

Lia blickte durch das Fenster in ihrer Haustüre nach draußen und zog sich dabei die Kapuze ihres Regencapes über den Kopf. Sie konnte das Prasseln des Regens bereits in ihrer kuschelig warmen Wohnung hören. Als sie die Tür öffnete, wurde es mit einem Schlag lauter. Es war kein Gewitter, sie hatte zumindest noch keinen Donner gehört. Und doch regnete es in Strömen. Lia lächelte und trat hinaus. Dann blickte sie nach oben in den Himmel. Es war dunkel, die Wolken verdeckten den Himmel,  und schwere Tropfen zerplatzten auf ihrem Gesicht. Bevor ihre Kapuze sich mit Wasser füllen konnte, senkte sie den Kopf wieder und machte sich auf den Weg zum Café, wo sie ihre Freundin treffen würde. Sie wusste, wie das Gespräch beginnen würde. „Das ist ja mal ein furchtbares Wetter. Ich bin klitschnass“, würde Clara sagen. Lia würde nur lächeln. Sie liebte den Regen.

Ein paar Gestalten, in dunkle Mäntel gehüllt oder unter großen Regenschirmen schutzsuchend, huschten an ihr vorbei. Hin und wieder hob einer den Kopf und musterte sie kurz in ihrem vermutlich sehr auffälligen, türkisen Regenmantel, der ihr bis zu den Knien reichte und an der Taille mit einem Gürtel zusammengebunden war. Dann senkten sie wieder missmutig ihren Blick, als müssten sie es zwingend vermeiden, einen Tropfen abzubekommen. Lia verstand die ganze Aufregung und all die Beschwerden über das Wetter nicht. Im Sommer war es zu warm (zumindest, wenn man die Tage im Büro oder in der Uni verbringen musste, am Wannsee wäre es schon okay), im Winter zu kalt (wenn denn wenigstens richtig Schnee liegen würde!), Frühling und Herbst waren eh nichts Gescheites und kaum eine Erwähnung wert (dieses Aprilwetter!). Und der liebe Regen, der war sowieso die Hauptursache für schlechte Laune. Mitunter genügten auch ein paar Wolken am Himmel. Lia wusste bei all diesen Diskussionen nie so recht, was sie sagen sollte. Sie verstand nicht, weshalb Meteorologen mit ihrer Vorhersage eine kollektive kurze depressive Episode bei ihren Mitmenschen auslösen konnten. Sie streckte die Hand aus und spürte, wie das kühle Nass über ihre Finger rann. Sie mochte das Gefühl. Und das Geräusch des Regens, hinter dem all die anderen Laute der Stadt zurückwichen, so dass es zwischen all dem Lärm plötzlich beinahe still wirkte. Und sie mochte den Wind, der ihr im Herbst die Haare zerzauste, den knirschenden Schnee unter ihren Füßen und das platschende Geräusch von Schneematsch, wenn man schwungvoll darauf trat. Lia liebte die trockene Hitze des Sommers ebenso sehr, wie ein lautes, grelles Gewitter im Frühling.
Ein Auto fuhr an ihr vorbei und ließ eine Welle frischen Regenwassers über den Gehweg schwappen. Lia sog die Luft ein. Es duftete herrlich frisch, der Großstadtmief war wie weggewaschen. Wie konnte man das nicht lieben? Sie hatte das Café erreicht, in welchem sie sich mit Clara treffen wollte. Beim Eintreten wehte ihr der Duft von Kuchen und Kaffee entgegen. Warme Luft umfing sie. In der hinteren Ecke sah sie ihre Freundin bereits am Tisch sitzen, einen Regenschirm neben sich zum Trocknen aufgestellt. Lia lief zu ihr hinüber, während sie ihren Regenmantel abstreifte.
„Hallo Clara.“
„Hi Lia.“
Clara stand auf, um ihre Freundin zur Begrüßung zu umarmen. „Du bist ja ganz nass. Das ist aber auch ein furchtbares Wetter. Meine Hose ist klitschnass.“
Lia lächelte.

Das Thema für den 01.05.2017 lautet: Kuriose Geschichten aus dem Freibad

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Nicole

Schreibkick #39: Frühlingsblüten

Veröffentlicht am von 5 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich weiß, es ist viel zu spät für den Schreibkick. Aber die Woche war bisher etwas verrückt, daher besser spät als nie.

Ich habe keine Ahnung, wie mein Hirn den Sprung von Frühlingsblüten hin zu dieser Szene geschafft hat. Aber das Ergebnis gefällt mir ganz gut. Ich hoffe, euch auch.

Die Sanduhr

Über mir die Sterne glüh’n,
unter mir die Blumen blüh’n.
Den lauen Wind der Sommernacht
spür’ ich auf meiner Haut, ganz sacht.

Das Gras, es ist ganz nass vom Tau,
die Blüten stellen sich zur Schau.
Sie leuchten in der schönsten Pracht,
dass es mir richtig Freude macht.

Auf einem Hügel, nicht mehr weit,
steht eine Bank zum Ruh’n bereit.
Ich komme näher. Was ist das nur?
Auf der Bank steht eine Sanduhr.

Der Sand, der rieselt unentwegs,
ich spür’, dass meine Zeit vergeht.
Ich zerre, reiße, will sie drehn,
doch schwer wie Blei, bleibt sie stehn.

Erschöpft sinke ich ins weiche Gras,
die Zeit bewahr’n, wie schafft man das?
Neben mir erklingt ein Kichern,
ein weißer Fuchs, die Pfoten silbern.

“Die Zeit, die ist ein stures Ding,
läuft unentwegt vor sich hin.
Keine Chance den Weg zu ändern”,
spricht er, stupst mich an den Händen.

“Folge mir und du begreifst,
wie du dich davon befreist.”
Er schreitet fort, ich folge ihm,
so laufen wir schweigend dahin.

Er führt mich bis zu einem Strand
und setzt sich in den hellen Sand.
Erstes Licht die Welt erhellt,
Das Farbenspiel, sensationell.

Sprachlos seh’n wir übers Meer,
mein Denken, das wird leicht und leer.
fasziniert, zeitgleich geborgen,
vergesse ich all meine Sorgen.

Der Fuchs reißt mich aus den Gedanken,
blickt zurück, woher wir kamen.
Täusch ich mich? Ich seh’s ganz klar!
Die Sanduhr rieselt langsamer.

Verschmitzt der Fuchs nun zu mir blickt.
“Die Zeit, die ist eben verrückt.
Du musst nutzen, was du hast,
weil du das Beste sonst verpasst.”

 

Diesen Monat waren dabei:
Nicole Vergin
Eva
Veronika

Das Thema für den 01.04.2017 lautet: Platzregen

Schreibkick #38: Inspiration

Veröffentlicht am von 3 Kommentare

Hallo meine lieben,

als ich so über das diesmonatige Schreibkick-Thema nachgedacht habe, habe ich mir die Frage gestellt, woher wir Autoren eigentlich unsere Inspiration nehmen. Da gab es eigentlich nur eine einzige, naheliegende Antwort: Musen.
Aber wie geht es eigentlich den Musen damit, dass wir sie als reinen Quell der Kreativität nutzen, sie aber sonst kaum beachten? Was wissen wir denn ansonsten von ihnen? Was sind ihre Hobbys? Welche Musik hören sie gerne? Was ist ihr Lieblingsessen? Meine eigene Muse habe ich während eines NaNoWriMos sogar häufiger zu Nicole geschickt (dir ihr viel zu viele Kekse gegeben hat, woraufhin ich dann die Dumme war, die sie wieder auf Diät setzen musste … 😉 ). Dass sie in diesem Monat kein Burnout erlitten hat wundert mich bis heute.
Also … wie geht es den Musen so damit, auf diese einzige Aufgabe reduziert zu werden?

Rückkehr der Muse

Autor: Hey, wo warst du?
Muse: Hallo erstmal.
Autor: Ja hi. Und? Hast du mir was interessantes mitgebracht?
Muse: Das ist ja wirklich mal wieder typisch.
Autor: Was denn?
Muse: Fragst du dich auch eigentlich manchmal, wie es mir geht? Was ich sonst so mache?
Autor: Du kamst so beschwingt hier rein, da dachte ich …
Muse: Ja ja ja, jetzt komm mir nicht so. Du hast ja nicht mal vom Computer aufgesehen. Weißt du eigentlich, wie das ist, rein aufs Inspirieren reduziert zu werden? Das ist doch nicht das Einzige, das uns ausmacht!
Autor: Ähm … das tut mir leid, aber können wir da vielleicht später drüber reden, ich bin hier gerade an der Szene …
Muse: Mir fallen die Ideen auch nicht einfach so zu. Es ist harte Arbeit, sich farbenprächtige Kulissen, tiefgründige Charaktere und mysteriöse Antagonisten auszudenken. Von Spannungsbögen, die in eure neumodischen 7-Punkte-Strukturen passen ganz zu schweigen.
Autor: Okay, ist ja gut. Ich dachte immer, das macht dir halt Spaß.
Muse: Ja, tut es auch. Sonst würde ich den Job nicht machen. Aber es wäre dann doch nett, wenn ihr Autoren auch mal etwas aufmerksamer wärt. Mal habt ihr nichts zum Schreiben da, dann seid ihr zu müde, um die Ideen mitzuschreiben, euch ist zu kalt, ihr habt Hunger und verwechselt diese ganzen Ausreden einfach mit der Angst davor, bei der Umsetzung unserer Ideen zu scheitern. Euch zu inspirieren ist schwerstarbeit. Das ist frustrierend!
Autor: Schreiben ist halt auch nicht leicht. Aus euren bruchstückhaften Impulsen ganze Geschichten zu machen ist schon eine Herausforderung.
Muse: Ja klar! Könnten wir es besser, würden wir Musen die Bücher selber schreiben.
Autor: Da ist was dran.
Muse: Weißt du, was das Unwort des Jahres 2016 unter Musen geworden ist?
Autor: Was denn?
Muse: Plotbunny.
Autor: (schmunzelt)
Muse: Was ist daran lustig?
Autor: Das ist doch nett gemeint.
Muse: Kommt aber nicht immer so nett rüber.
Autor: Okay, okay. Tut mir leid. Komm erstmal an, nimm dir einen Keks, schenk dir einen Kaffee ein, ruh dich aus. Ich versuche, so lange an der Szene hier weiter zu kommen
Muse: Gut.
(Muse geht drei Schritte, dreht sich dann wieder um)
Muse: Aber weißt du was? Ich muss dir vorher schnell noch von meiner Idee erzählen …

Diesen Monat waren dabei:
Eva
Nicole
Vro

Das Thema für den 01.03. lautet: Frühlingsblüten