Kategorie-Archiv: Schreibkick-Texte

Schreibkick #30 : Der Wasserfall

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Hallo ihr lieben,

mein Text wird wieder eine Fortsetzungsgeschichte. Ich hatte das Bild von dem Grashüpfer die ganze Zeit im Kopf, wusste aber nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Daher hier ein ziemlich planloser Anfang einer etwas längeren Geschichte. Mal sehen, was dann draus wird.

Gerhard der Grashüpfer

Gerhard schob das Blatt, welches er an den Seiten etwas nach oben gebogen hatte, ins Wasser. Sanft wippte es auf den plätschernden Wellen. Er holte einmal tief Luft, dann machte er zwei schnelle Schritte auf sein Floß und versuchte, es so gut wie möglich auszubalancieren. Er stand sicherer, als er gedacht hätte. Probeweise schaukelte er ein wenig nach rechts und links, doch das Blatt reagierte kaum darauf. Nur die Dellen unter seinen Beinchen wurden jeweils etwas tiefer. Er lächelte. Seinem Vorhaben stand nun nichts mehr im Weg.
Mit einem kleinen Stock stieß er sich vom Ufer ab und begann zu rudern. Sachte glitt er auf den Fluss hinaus. Nach wenigen Sekunden hatte er den Schatten der Bäume verlassen. Er freute sich schon auf die saftigen Wiesen auf der anderen Seite, die Farben der Obstbäume und die Sonne. Seine Brüder, Schwestern, Onkel und Tanten erzählten ihm immer wieder begeistert davon.
„Weißt du Gerry, die Wiesen sind so grün, viel grüner, als die Blätter dieses Waldes.“
„Und Gerry, dort blühen Blumen, die viel schöner sind, als alles, was man unter diesem Blätterdach finden kann.“
Gerry hatte die Wiesen und Blumen selber noch nie gesehen, da seine Flügel zu kurz waren zum Fliegen. Sie trugen ihn keinen Meter weit. Da konnte er auch gleich hüpfen. Aber über den Fluss kam er so nicht. Heute früh waren sie wieder aufgebrochen. Doch dieses Mal war Gerry vorbereitet. Das Floß lag bereits gut versteckt zwischen zwei Steinen bereit. Er würde sie nachher alle überraschen.

Gerry hatte ungefähr die Mitte des Flusses erreicht, als er merkte, dass er nicht mehr richtig vorwärts kam. Stattdessen wurde er nun seitwärts, das Gewässer hinab getrieben. „Nein. Nein, da will ich doch gar nicht hin!“
Er beobachtete das Wasser um sich herum. Es floss viel schneller als am Ufer und das kleine Blatt, auf dem Gerry stand, begann gefährlich zu wackeln. Panisch versuchte er, schneller zu rudern. Doch das Ufer zog ungerührt an ihm vorbei. So sehr er auch ruderte und paddelte, es änderte nichts. Mal hatte er kurz das Gefühl, dem Ufer etwas näher zu kommen, doch dann wurde er wieder in die Mitte des Flusses gezogen.
Immer schneller und schneller flitzten die Bäume und Hügel an ihm vorbei. Er hörte ein Rauschen. Es war nicht mehr länger nur das leise Plätschern des Baches. Lauter und lauter wurde das Geräusch. Gerry trieb immer weiter darauf zu. Als er sich umwandte, um den Ursprung des Rauschens zu erkennen, sah er, dass dort vorne die Welt endete. Das Wasser schäumte, türmte sich auf, und stürzte dann über eine Kante ins Nichts.
Der Wasserfall, kam es ihm in den Sinn. So weit war er schon getrieben? Verzweifelt versuchte er, der Strömung entgegenzurudern, die ihn unerbittlich in Richtung des Abgrunds zog.
„Nein.“ Er hatte doch nur die Wiesen und Blumen sehen und die ganze Pracht endlich gemeinsam mit seiner Familie genießen wollen. Auf einmal fühlte er sich schrecklich kraftlos. Das ohrenbetäubende Tosen, das Schaukeln des Blattes und die Gischt, die ihm in die Augen spritzte, ließen ihn in sich zusammensacken. Dann kippte das Floß. Gerry krallte sich so gut es ging an den Rändern fest.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Conny

Das Thema für den 01.08.2016 lautet: Sommerflirren

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #29: Das Eis

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Hallo ihr lieben,

hier kommt in aller Kürze mein Schreibkick:

Das Eis genießt mit voller Wonne
die wunderbare Sommersonne.
Doch ist sie ihm nicht wohlgesonnen,
so ist’s alsbald im Erdreich verronnen.

Das Thema für den nächsten Monat lautet: Wasserfall

Diesen Monat waren dabei:

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Veronika
Eva
AlltagsPoetin
Nicole
Conny

Schreibkick 28#: Die Zeit wird kommen…

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Die Raupe

Es war einmal eine kleine, dicke Raupe. Gemächlich kroch sie durch das Blätterwerk und aß ein grünes Blatt nach dem anderen.
Da entdeckte sie eine Biene, die ihren Rüssel in eine duftende Blüte steckte. Genüsslich saugte sie den süßen Nektar und sah ganz zufrieden dabei aus.
»Das will ich auch«, sagte sich die Raupe und suchte die nächste freie Blüte. Doch so sehr sie sich auch mühte, kam sie nicht an den süßen Saft. Ihr Kopf war einfach zu dick.
Da kam die Biene angeflogen, lachte herzhaft bei dem Anblick und kicherte: »Die Zeit wird kommen …«
Frustriert zog die Raupe ihren Kopf aus der Blüte und begann wieder, Blätter zu fressen.
Da entdeckte sie einen kleinen Spatz. Der saß auf einem Ast, direkt vor ihr, blickte sich um, stieß sich ab und begann zu fliegen.
»Das will ich auch«, dachte sich die Raupe. Sie stellte sich auf ihre Hinterbeine, reckte den Kopf in die Höhe und sprang. Doch anstatt über die Wiesen hinweg zu gleiten, stürzte sie hinab auf die harte Erde. Eine Amsel, die das ganze Schauspiel beobachtet hatte, flog zu ihr hinab, landete, flüsterte ihr mit einem Zwinkern zu »die Zeit wird kommen …« Und flog wieder von dannen.
Traurig und mit schmerzenden Gliedern kroch die Raupe durch den Rasen. Da sah sie vor sich einen Pfau. Der streckte sein Gefieder, so dass tausend Augen der Raupe entgegenblickten.
»Das will ich auch!« Rief die Raupe und streckte und krümmte sich mit aller Kraft. Doch nur vereinzelte kleine Härchen auf ihrem Rücken stellten sich auf.
Da kam der Pfau herbei, lächelte sanft und sprach: »Die Zeit wird kommen …« Dann ging er seiner Wege.
»Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen …«, grummelte die Raupe frustriert vor sich hin. »Die haben gut Reden.«
Da kletterte sie auf einen Baum und begann sich, genervt von der Welt, einen Kokon zu spinnen. Sie fühlte sich so müde und der Welt überdrüssig, dass sie nichts mehr von ihr mitbekommen wollte. Dort blieb sie für viele Tage.
Doch eines Morgens erwachte sie, erfüllt von neuem Lebensmut. Der Kokon, der sich einst so sicher und wohlig angefühlt hatte, war auf einmal eng und unbequem. Sie begann sich zu strecken und zu recken, bis sie ihn aufgebrochen hatte.
Erschöpft blieb sie zunächst auf dem Ast sitzen. Sie bemerkte, dass etwas anders war, und entdeckte die wunderschönen Flügel, die auf ihrem Rücken gewachsen waren. Stolz breitete sie sie aus und bemerkte die strahlenden Augen, die ihr entgegenblickten.
Dann nahm sie ihren Mut zusammen und sprang von dem Ast auf dem sie saß. Dieses Mal stürzte sie nicht, denn es gelang ihr, zu fliegen. Und so flatterte die ehemalige Raupe über Gärten und Teiche hinweg. Bei einer besonders farbenfrohen Blüte ließ sie sich nieder. Und siehe da, nun war ihr Kopf nicht mehr zu dick. Mit ihrem neuen Rüssel konnte sie endlich von dem süßen Nektar kosten.
Da entdeckte sie auf dem Boden ein kleines Menschenkind und flog hinab. Unbeholfen lag es da, als eine Katze vorbei kam. Es versuchte, sich aufzusetzen und der Katze auf allen vieren hinterherzulaufen. Doch es gelang nicht.
Da begriff der kleine Schmetterling und gemeinsam mit der Katze murmelte er: »Die Zeit wird kommen…«

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Nicole
Eva

Das Thema für den 01.06.16 lautet: Das Eis

Schreibkick #27: Geborgenheit

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Hallo ihr lieben,

ich habe es bisher nur auf facebook geteilt, aber ich glaube, ich sollte hier nun auch mal etwas Werbung machen. Die kleine Nili gibt es jetzt als Buch! Zumindest als eBook.
Wenn ihr also neugierig seid, wie sich die Geschichte, die hier als Schreibkick begonnen hat, weiterentwickelt hat, schaut mal auf Amazon vorbei. Der Blick ins Buch lohnt sich, denn ich habe die Geschichte komplett überarbeitet, sprachlich und inhaltlich. Z.B. beginnt Nili nun mit einem Kapitel, das hier auf dem Blog noch nicht zu finden ist. Die Schreibkickversion hatte ursprünglich ungefähr 27 Normseiten, die endgültige Version mit Ende und neuem Anfang ca. 123 Normseiten.

Über Rückmeldungen und Rezensionen freue ich mich!

Über das Cover gehts zum Buch:

Nili Cover blau fertig

So, aber jetzt kommen wir zum aktuellen Schreibkick. Ich habe mich entschlossen, eine Geschichte zu posten, die ich vor 2-3 Jahren geschrieben habe. Sie war mal für ein Projekt geplant, das im Moment etwas auf Eis liegt. Außerdem habe ich schon eine Idee, wie ich „mehr“ aus der Geschichte machen kann. Und zwar so viel mehr, dass es fast schon eine neue Geschichte ist. Aaaaber ich mag den Text so gerne, auch wenn er nur so kurz und knapp ist, dass ich ihn euch nicht vorenthalten möchte <3. Gut, dass es jetzt ein passendes Schreibkickthema dazu gibt.

Guffy

Ich liege im Bett und meine Gedanken drehen sich im Kreis. Anstatt abzuschalten und einzuschlafen denke ich an die Arbeit. All die unerledigten Aufgaben, die morgen noch auf mich warten. Da spüre ich auf einmal, wie sich eine schwere, flauschig weiche Tatze auf meine Schulter legt. „Guffy“, denke ich erleichtert.
Guffy ist ein Monster. Aber keines von diesen fiesen, die die ganze Nacht gruselige Geräusche von sich geben, sich im Wandschrank oder unter dem Bett verstecken und einen nicht schlafen lassen. Das heißt, doch, eigentlich war er so ein Monster. Aber die Dinge haben sich irgendwie anders entwickelt. Ich kenne Guffy schon sehr lange. Damals war ich sechs Jahre alt und wurde jede Nacht von Monstern unter meinem Bett heimgesucht. Zunächst war Guffy für mich nur ein Plagegeist von vielen, die ungefragt in meinem Zimmer auftauchten. Doch dann fiel mir auf, dass er sich mindestens genau so sehr vor mir erschreckte, wie ich mich vor ihm. Wenn er unter meinem Bett hervorlugte und mich erblickte, sprang er meistens erschrocken auf und sprintete auf die andere Seite des Zimmers, wo er sich unter dem Schreibtisch oder in einem der Regale zu verstecken versuchte. Damals war er noch kleiner als ich. Er ging mir gerade bis zum Knie, und wenn man sein riesiges Maul mit den spitzen Zähnen ignorierte, sah er eigentlich ganz knuffig aus, mit seinem zotteligen dunkel lila Fell, den großen Augen und seinen vier riesigen Tatzen.
Meine Neugier wuchs. Dieses Monster schien wirklich anders zu sein. Eines Abend, als ich mich schlafend stellte, bemerkte ich, wie Guffy sich über die Kekse hermachte, die meine Mutter mir am Abend noch ins Zimmer gebracht hatte. Das brachte mich auf eine Idee. In der nächsten Nacht hatte ich mir eine der Kekspackungen aus der Küche stibitzt und wartete darauf, dass Guffy unter meinem Bett hervorkommen würde. Und tatsächlich, da war er wieder. Wie immer verschwand er blitzschnell in der anderen Zimmerecke, als er bemerkte, dass ich wach war. Ich nahm die Kekspackung, riss sie auf und holte den ersten Keks heraus. Vorsichtig streckte ich ihm den Keks entgegen. Zunächst tat sich nichts. Guffy blieb hinter dem Mülleimer unter meinem Schreibtisch verborgen. Ich beschloss, ihm den Keks zu zuwerfen. Er landete genau neben dem Mülleimer. Und tatsächlich, nach wenigen Sekunden erschien eine lila Pfote und angelte nach dem Keks. Nachdem ich noch ein paar Kekse geworfen hatte, beschloss ich, abzuwarten. Es dauerte ein bisschen, doch dann streckte er vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Aufmunternd hielt ich ihm den nächsten Keks hin. Er blickte mich fragend und etwas ängstlich an, kam dann aber langsam auf mich zu. Er zögerte, aber  nahm er mir blitzschnell den Keks aus meiner Hand und verschwand so schnell es ging wieder hinter dem Mülleimer. Das war meine erste freundschaftliche Begegnung mit Guffy. Es dauerte noch ein paar Nächte, und ich bekam immer wieder Ärger von meiner Mutter, weil ich so viele Kekspackungen alleine aß, doch schließlich vertraute er mir und es brauchte keine Kekse mehr, um ihn in meine Nähe zu locken. Wir haben seit dem so Einiges zusammen erlebt. Er half mir im Kampf gegen die anderen Monster, die sich zu der Zeit in meinem Zimmer herum trieben und leistete mir Gesellschaft beim Einschlafen. Ich wüsste gerne, was die anderen Monster dazu sagten, dass er Menschen nicht erschreckte, sondern sich mit ihnen anfreundete und ihnen sogar dabei half, andere Monster zu vertreiben.
Auch heute ist Guffy noch ab und an bei mir. Kekse sind immer noch seine Leibspeise, aber auch Marzipan und Käsespätzle isst er gerne. Inzwischen ist er allerdings um einiges größer als ich. Wenn ich nicht schlafen kann, nimmt er mich in seine zotteligen, weichen Arme, wo ich mich sicher und geborgen fühle. Oft summt er ein Schlaflied für mich mit seiner tiefen, brummeligen Stimme. Es gibt nichts schöneres, als in den Armen dieses riesigen, kuscheligen Stofftieres zu liegen, seiner Monstermelodie zu lauschen und langsam ins Reich der Träume zu wandern.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Nicole
Eva
Birgit
Surf Your Inspiration
Conny

Das Thema für den 01.05.2016 lautet: „Die Zeit wird kommen …“

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #26: Asche – Gastbeitrag von Veronika

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Hallo ihr lieben,

diesen Monat gibt es zusätzlich zu meinem Beitrag auch noch einen Gastbeitrag, da Veronika einen wunderschönen Text geschrieben hat, aber leider noch keine eigene Seite hat, um ihn zu veröffentlichen.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Asche – Ein Ende und doch kein Ende

Asche. Ungefähr 3 Kilo davon. Vorwiegend Oxide und (Bi-)Karbonate. Kalziumoxid. Eisenoxid. Magnesiumoxid. Manganoxid. Phosphoroxid. Kaliumoxid. Siliziumoxid.

Natriumcarbonat und Natriumhydrogencarbonat. Ein paar Knochenreste. Das was halt noch so übrig ist. Von mir. Nach einem langen Leben. Meine sterblichen Überreste im Muffelofen bei 1200 °C auf ein Minimum reduziert.

Und jetzt?

Ich lach mir eins. Ihr Würmer und Maden, ihr Bakterien und Pilze – ätsch! Ihr bekommt mich nicht.

Natürlich wird mich auch keiner exhumieren können. In ferner Zukunft. Zufällig oder gewollt. Und womöglich feststellen, wie außergewöhnlich ich gewesen sei. Wie der Zustand meiner Zähne war. Wie alt ich war und wie weit fortgeschritten meine Arthritis. Nein. Keiner kann das dann noch feststellen.

Die letzten Wochen waren schwer. Für mich und auch für meine Lieben. Wobei ich ja schon gar nicht mehr wirklich in diesem Leben war. Ich war am Loslassen. Meine Liebsten nicht. Das geht ja nicht. Natürlich weiß jeder, dass der Tod unausweichlich ist und es einen jeden früher oder später (be)trifft. Aber wenn es dann wirklich soweit ist, dann klammert sich ein jeder daran. Keiner mag Veränderungen. Oder die Ungewissheit, wie es jetzt weitergehen wird.

Aber wie schon gesagt, das ist vorbei. Ich als menschliche Existenz bin fort. Was bleibt, ist ein Teil meiner Bausubstanz. Jene Stoffe, die wir im Boden finden und in Tieren und Pflanzen, selbst in der Luft und im Wasser ohnehin. Man nehme eine Handvoll Zutaten, mische gut durch und es entsteht immer wieder etwas Neues. Tröstlicher Gedanke!

Ich wollte durchs Feuer gehen. Und danach zum Wasser. Ins Wasser. Verstreut meine Asche dort beim See. Dort, wo ich immer so gern gewesen bin …

Ach wie schwer haben sie es sich gemacht, meine Liebsten. Mein Mann, meine Kinder. Weil ich sie um diesen letzten Gefallen gebeten habe. So viel Trauer, so viele Tränen, so viel Verzweiflung.

„Wie sollen wir damit klar kommen, wenn es kein Grab gibt, wo wir dich besuchen können?“

„Aber ich bin ja da! Ich bin überall. Am allermeisten in euren Gedanken und Erinnerungen. Was braucht es da ein Grab oder ein Schild mit meinem Namen? In hundert Jahren bin ich ein Hauch einer Erinnerung. In tausend Jahren vergessen.“

Also sind sie zum See gefahren mit meiner Asche und haben sie ins Wasser gestreut. Ins immer noch winterkalte Wasser mit den letzten Eisschollen am Ufer. Still lag die Oberfläche an diesem Tag da. Die ersten Frühlingssonnenstrahlen glitzerten und funkelten und blendeten in den Augen, dass sie zu tränen begannen. Die trockene Asche bildete einen feinen Film auf dem Wasser, nur langsam drang das Nass hindurch und färbte die feinen Staubpartikel dunkler. In der Nähe löste sich ein Stein aus der Böschung und holperte ins Wasser. Platsch! Der Stein erzeugte eine Welle und diese schwappte herüber und zerteilte die Ascheeinheit. Ein Motorboot fuhr in einiger Entfernung vorbei und wieder wurde die bisher so stille Oberfläche aufgewühlt. Wellen kräuselten sich und die Asche, meine Asche, wurde immer mehr verteilt.

Meine Liebsten verschlossen ihre unendliche Trauer tiefer in sich, sie trockneten ihre Tränen und machten sich auf den Heimweg. Das Leben ging unbarmherzig weiter, verlangte nach alltäglichen Beschäftigungen, verlangte nach Essen und Trinken. Eine weniger. Nicht großartig genug, dass irgendwo ein Vorhang in der Mitte durchreißt oder sich die Sonne verdunkelt. Das Leid und der Schmerz am größten in meiner kleinen Familie, abnehmend nach außen hin zu den näheren und den ferneren Verwandten, dann zu den Bekannten, guten welchen und in weiterer Folge ferneren welchen. Vergleichbar mit einem Kiesel, der ins Wasser fällt. Zuerst bildet er große Wellen, die aber nach außen hin immer kleiner und flacher werden. So stelle ich mir das vor. Und auch, dass meine Wellen nicht so riesig groß waren.

Meine Asche treibt also auf dem Wasser in verschiedene Richtungen davon. Manches setzt sich gleich noch am Seeufer fest. Andere Partikel treiben weiter. Eine Ente landet mit leisem Platschen mitten drin und nimmt beim Wegfliegen auch einen Teil mit. Später kommt ein Reh ans Ufer und stillt seinen Durst. Diesmal trinkt es ein paar Staubkörnchen mit und geht seiner Wege. So verteilt sich mein irdischer Rest. Manchmal nur in der Nähe, manchmal auch sehr viel weiter fort. Die Zeit geht weiter. Jahreszeiten wechseln.

Dann kommt ein neuer Frühling. Meinen Lieben fehle ich noch immer. Das wird sich so auch nie mehr ändern. Tomaten haben sie ausgesät. So wie ich auch immer um diese Zeit. Zart sprießen die Pflänzchen. Endlich wird es warm und sie dürfen nach draußen in den Garten. Eine ordentliche Portion Komposterde bekommen sie, damit sie stark und kräftig wachsen.

Der Sommer zieht ins Land. Die Tomaten blühen mit zarten gelben Blüten und endlich reifen die ersten Früchte.

Meine Lieben ernten erste Tomaten und während sie in die sonnenwarmen runden Paradiesäpfel beißen, überkommt sie eine eigenartige Ruhe. Still werden sie und Friede erfüllt sie. Zauberparadiesäpfel müssen das sein! Zu dritt stehen sie beisammen und genießen. Früchte, die aus der Erde gewachsen sind. Die in ihren satten Farben von rot und grün das Auge erfreuen. Wo der rötliche Saft zwischen den Fingern runterrinnt, als sie in die runden Kugeln beißen. Während die Sonnenstrahlen sanft ihre Rücken wärmen. Als wäre alles wieder gut.

Es ist ja alles gut.

Ich bin zurückgekommen. Vielleicht an den Füssen dieser Ente. Oder mit dem Wind, der mich hierher geweht hat. Oder auch mit dem Regen. Ich bin zurück im Garten und bei den Tomatenpflanzen. Denen habe ich Kraft gegeben. Gemeinsam mit der Sonne habe ich das Beste geschaffen, was möglich war. Wunderbar knackig-saftige Paradeiser, die meinen Lieben in all ihrer Süße zeigen sollen, wie schön das Leben ist. Wenn sie hinterher beim Schlucken noch ein wenig scharf und herb im Abgang sind so ist das nur ein weiterer Beweis, dass auch das Leben seine nicht so glücklichen Momente hat. Dass man trotz aller Schönheit auch immer ein wenig Schärfe und Wehmut dabei hat. Dass nichts zu hundert Prozent nur gut oder schlecht ist, sondern dass es immer auch feine Nuancen gibt.

Es ist alles gut.

Ich bin da.

Immer.

(Veronika Weinberger)

Diesen Monat waren dabei: 

Evas Geschichten
Nicole Vergin
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Das Thema für den 01.04.16 lautet: Geborgenheit

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #26: Asche

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Sternenklare Nacht Teil 2

Karlson durchbrach die Wolkendecke. Das Schweben durch den rosa Nebel war seltsam gewesen. Nur die Instrumente hatten ihm verraten, dass er nicht direkt auf einen Felsen zusteuerte, sondern noch einige Kilometer über dem Erdboden flog.

Jetzt erstreckte sich ein türkises Meer unter ihm, das von Landmassen gesäumt war, welche jenen des Planetensystems Dryagon sehr ähnlich waren. Sandstrände, Klippen und dahinter grünes Land, Felsen, Wüsten. Doch am Horizont entdeckte er etwas Ungewöhnliches. In einem Bergmassiv befanden sich rosa Schemen. Karlson schaltete die Steuerung seines Raumschiffes auf manuell um und steuerte auf die rosa Flecken zu. Als er näher kam, erkannte er, dass es sich um riesige Kreise handelte, die drei Bergspitzen umrundeten. Die Masse befand sich an den Hängen und dem flachen Gebiet darunter. Wenn ihn nicht alles täuschte, handelte es sich bei den Bergspitzen um Vulkane. Allerdings kannte er sich mit diesen Dingen nicht so gut aus.

Karlson beschloss, in der Nähe der Gipfel zu landen, und hielt nach einem geeigneten Plateau Ausschau. Vorsichtig senkte er sein Schiff an einer passenden Stelle auf den Erdboden herab. Der Blick auf die Instrumente verriet ihm, dass die Atmosphäre für ihn ungefährlich war. Theoretisch könnte er dort draußen atmen.  Sicherheitshalber schraubte er trotzdem den Helm auf seinen Raumanzug. Dann öffnete er die Schleuse und betrat den fremden Planeten.

Der Anzug zeigte ihm eine angenehme Temperatur von 22°C, die Schwerkraft war normal, er konnte sich einigermaßen bequem fortbewegen.

Das Naturschauspiel, das ihn umgab, war atemberaubend. Spitze Gipfel reckten sich den rosa Wolken entgegen, die von hier unten gesehen um einiges dunkler wirkten. Einige nahmen sogar einen lila Schimmer an. Wie graue Gewitterwolken vor weißen Wolken. Das Plateau, auf welchem er sich befand, war unglaublich weitläufig. Der rosa Streifen bedeckte ungefähr die Hälfte. Schritt für Schritt ging Karlsson auf die Masse zu. Überwältigt von der rauen Schönheit um sich herum, beschloss er, nach einem erneuten Kontrollblick auf die Instrumente, seinen Helm abzuziehen. Mit einem tiefen Atemzug, sog er die frische Luft ein. Es war herrlich, nach Monaten in einer Metallkapsel, wieder Wind im Gesicht zu spüren und frische Luft zu atmen.

Karlsson erreichte die rosa Fläche nach wenigen Minuten. Vorsichtig beugte er sich hinunter und fuhr mit den Fingern hindurch. Sofort wirbelten kleine Partikel auf. War das Staub? Nein, es waren eher kleine, sehr dünne, papierartige Blättchen. Asche. Vermutlich von den Vulkanen.

„Unglaublich“ er lächelte. Einen Planeten wie diesen zu finden, war immer sein Traum gewesen. Doch dann entdeckte er etwas zwischen der Asche. Etwas rundes. Langsam ging er darauf zu. Die aufwirbelnde Asche drang ihm in die Nase. Dann konnte er erkennen, was es war. Es waren Schädel. Karlson musste lachen. Schädel! Was für eine Ironie, in rosa Puderzucker bei einem Vulkanausbruch zu sterben. Er schüttelte sich vor lachen so sehr, dass ganze Aschewolken um ihn herum aufstoben. Die Berge waren hinter dem Staub kaum noch zu sehen.

„Wenn das nur meine Kollegen sehen könnten“, dachte sich Karlson. Seine Augen tränten bereits vor Lachen und sein Bauch schmerzte. Da sah er auf einmal Silhouetten im Nebel und verstummte. Da. Er konnte sie ganz deutlich sehen.
„Karlson, hey, gut gemacht!“
Als er sich umdrehte, stand Merrek vor ihm, der Leiter der Flugbehörde, der zwar nie an seine Mission geglaubt, ihn aber trotzdem hatte starten lassen. Er trug ein Hawaiihemd und hatte einen Cocktail in der Hand. Er grinste. Auch Karlson musste wieder lachen. „Ich weiß.“ Auch die übrigen Umrisse wurden nach und nach schärfer und er erkannte, dass alle seine Kollegen gekommen waren, die alle an ihm gezweifelt hatten. Aber er hatte es ihnen bewiesen. Es gab andere, bewohnbare Planeten. Und sie waren alle da, um ihn und seine Entdeckung zu feiern. Sie alle standen in Hawaiihemden im rosa Nebel und lachten und klatschten. Auch Karlson lachte und lachte, auch wenn er schon gar nicht mehr wusste, warum. Sein Hals wurde langsam trocken vom Lachen und von der Asche. Eines wusste er ganz sicher: Hier wollte er bleiben, hier wollte er sterben.

The End

🙂 So, nachdem sich Nicole ja eine Fortsetzunggeschichte gewünscht hat, ist es auch eine geworden. Aber damit sie nicht ebenso ausartet wie Nili, habe ich vorgesorgt 😀

 

Diesen Monat waren dabei: 

Evas Geschichten
Nicole Vergin
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Veronika Weinberger

Das Thema für den 01.04.16 lautet: Geborgenheit

Schreibkick #25: Sternenklare Nacht

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Unterwegs

Sternenklare Nacht. Wie ihn das ankotzte. Zu gerne hätte Karlson mal wieder eine dicke Wolkendecke über sich gesehen, anstatt diese unendliche, funkelnde Dunkelheit. Vier Jahre war es nun her, seit er zuletzt festen Boden unter den Füßen und jeden Abend die vertrauten Sternenkonstellationen über sich gesehen hatte. Seit dem dümpelte er in seinem kleinen Raumschiff durchs Weltall. Er hatte eigentlich damit gerechnet, bereits viel früher auf weitere, belebte Planeten zu stoßen.
»Wo sind denn nur alle?« Diese Frage hatte er sich in den letzten Monaten häufiger gestellt. Bereits vor Jahrzehnten hatten die Physiker des kleinen Planetensystems Dryagon Funksignale von ferneren Planeten erhalten. Doch es hatte niemanden gegeben, der sich getraut hätte, die drei Planeten, welche in geringer Entfernung um zwei verschiedene Sonnen kreisten, zu verlassen. »Zu gefährlich«, hieß es. »Wir wissen ja nicht, was das für Kreaturen sind!«
Karlson verstand die Einwände nicht. Den Geschichtsbüchern war zu entnehmen, dass es die gleichen Diskussionen auch auf den einzelnen Planeten von Dryagon gegeben hatte, bevor Ev Ustassen damals aufgebrochen war, um die Nachbarplaneten zu besuchen. Und was war passiert? Nichts. Es gab neue Handelsrouten und anstatt nur auf Gerreta, wurde nun auch auf den beiden übrigen Planeten Kurnaschnaps getrunken.
So hatte Karlson beschlossen, seine eigene kleine interstellare Mission zu planen. Doch niemand hatte ihn begleiten wollen. Raumschiffe bauen – ja. Eine Startrampe anmieten – klar. Mitfliegen? Auf gar keinen Fall!
»Verbohrte Vollidioten.« Wenn Karlson ehrlich war, gestand er sich ein, dass der größte Teil seines Ärgers inzwischen gar nicht mehr den Leuten von Dryagon galt, sondern sich selbst. Mittlerweile war er sich sicher, dass er niemals hätte alleine aufbrechen dürfen. Die Einsamkeit zermürbte ihn. Genervt öffnete er einen der Wandschränke und zog eine kleine Plastikpackung hervor. Das Astronautenessen hing ihm langsam zum Hals raus.
Als er die Packung geöffnet hatte, ließ er sich in seinen inzwischen ordentlich durchgesessenen Pilotensessel fallen. Hier schlief er, aß und starrte hinaus in die Dunkelheit. Lustlos nuckelte er an der Plastikpackung, als er auf einmal ein Blinken sah. Karlson zwinkerte erstaunt. Das konnte doch nicht sein, oder? Gebannt starrte er auf die Stelle, an der das Licht eben erschienen war. Da war es schon wieder.
»Was zum …« Erneut tauchte das Leuchten auf. Dann nochmal. Es befand sich schräg rechts vor ihm. Sofort griff er nach dem Steuerknüppel und richtete die Nase seines Raumschiffes darauf aus.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er erkannte, dass es nicht nur ein einzelnes Licht war, das dort rhythmisch aufleuchtete. Es waren mehrere. Karlson begann, seinen Flug zu bremsen, denn er wollte sich das Phänomen auf jeden Fall aus der Nähe ansehen. Mit der jetzigen Geschwindigkeit würde er innerhalb von Sekunden an den blinkenden Lichtern vorbei rasen.

Karlsons Finger kribbelten, als er langsam aber sicher auf den Monitoren erkennen konnte, auf was er da genau zu flog. Was aus seiner Perspektive zunächst ausgesehen hatte, wie zufällig angeordnete Lichter, stellte sich aus einem anderen Winkel als Kreis heraus, in dessen Mitte sich ein Planet befand. Die Leuchtmarkierungen waren auf Kometen oder Monden angebracht, welche den Planeten in einer kreisrunden Umlaufbahn umflogen. Karlson hatte den Boardcomputer bereits eine geeignete Landeroute berechnen lassen. Inzwischen konnte Karlson den ersten Kometen unter sich erkennen. Er war über und über mit riesigen Scheinwerfern bedeckt. Karlson sah sich um. Diese Lichter mussten dafür gemacht sein, anderen Ankömmlingen den Weg zu weisen. Doch es befand sich kein weiteres Raumschiff im Anflug.
»Oder sie sind eine Warnung,« murmelte er vor sich hin, verdrängte den Gedanken aber sofort wieder.
Der Planet, auf dem er landen wollte, war nicht mehr weit entfernt. Was bis vor wenigen Minuten noch eine blasse, rosa-blaue Kugel vor schwarzem Hintergrund gewesen war, wurde jetzt immer deutlicher. Er konnte bereits Landmassen, blaues Wasser und – rosa Wolken erkennen. Bei dem Anblick musste er grinsen. So lange hatte er von einem wolkenbedeckten Himmel geträumt und dabei die graue Brühe vor Augen gehabt, die er von seinen Heimatplaneten kannte. Und hier erstrahlten die Wolken in einem kitschigen rosarot. Das war fast zu gut, um wahr zu sein.
Quälend langsam näherte sich das Raumschiff nun in einem Parabelflug der Wolkendecke. Karlsons Herz raste, seine Hände waren schweißnass. Er wollte unbedingt wissen, was ihn auf dem neuen Planeten erwartete. »Lebewesen« hatte der Computer gemeldet und »künstlich erschaffene Strukturen«, wobei Karslos das bereits dank der erleuchteten Kometen hatte erahnen können. »Ausreichend Sauerstoff« war auch noch eine wichtige Info, die ihn ermutigt hatte, den Planeten anzusteuern. Langsam aber sicher sank das Schiff dem rosa Plüschmeer entgegen. Kurz bevor es eintauchte, blickte Karlson noch einmal dem Sternenhimmel entgegen.
»Mal sehen, wie lange es dauert, bis ich diese unendliche Weite vermisse.«
Dann tauchte er in die zarte, rosa Masse ein und wartete gespannt darauf, was darunter zum Vorschein kam.

Das Thema für den 01.03.2016 lautet: Asche

Diese Mal waren dabei:
Nicole Vergin

Schreibkick #24: Familienglück zu Weihnachten

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Hallo ihr lieben,

ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht und wünsche euch ein glückliches, erfolg- und geschichtenreiches Jahr!
Ich habe es zum 01.01.16 leider nicht geschafft, einen Text zu schreiben. Dafür hat die liebe Nicole aber einen Schreibkick zustande gebracht, den ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte:
Familienglück an Weihnachten

Außerdem gibt es für den 01.02.2016 selbstverständlich wieder ein neues Thema: Sternenklare Nacht

Ich wünsche euch einen guten Start ins neue Jahr und viel Spaß beim Lesen und Schreiben.

Liebe Grüße,
Sabi

Kategorie: Schreibkick-Texte

Schreibkick #23 : Verliebt, verlobt, ermordet

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Hallo ihr lieben,

diesen Monat gibt es einen Schreibkick zum Thema „verliebt, verlobt, ermordet“. Ich habe ziemlich lange überlegt, was ich aus dem Thema mache.
Meine erste Idee war es, einen Serienkiller zu beschreiben, der anfangs selbst „Auftragsarbeiten“ angenommen hat, dann schließlich nur noch in beratender Funktion für die Mafia tätig war (er kennt die besten Orte, um Leichen unauffällig verschwinden zu lassen) und momentan im „Scheidungs-“ beziehungsweise „Wittwengeschäft“ ist und unser Thema als Werbeslogan hat. Allerdings hat mir eine konkrete Geschichte für den Charakter gefehlt und ihn nur zu beschreiben, dazu fehlte mir die Motivation.
Die zweite Version wäre eine „typische“ Weihnachts-Familiensituation gewesen, bei der alle versuchen, nett zu sein und den anderen toll zu finden, obwohl sie sich nicht ausstehen können. Meine Protagonistin wäre Schriftstellerin gewesen und hätte am Ende des Abends dank des verhassten Verlobten ihrer Schwester den Titel für ihren neuen Roman gefunden: Verliebt, verlobt, ermordet. Aaaber auch darauf hatte ich keine Lust.

Jetzt ist es wieder ein Songtext geworden. Darauf bin ich gekommen, weil das Thema in drei verschiedene Abschnitte gegliedert ist. Ich habe vor ein paar Jahren einen Songwritingkurs gemacht. Und unser Lehrer, Pat Pattison hat Songs in drei „Boxen“, also drei Abschnitte gegliedert. Jede dieser Boxen enthält eine zusätzliche Information. Beispiele hierfür wären:

Früher – Jetzt – Zukunft
(Ich habe dich kennengelernt – Wir lieben uns – wirst du mich verlassen?)
Du – Ich – Wir
(du bist so toll – ich bin so schüchtern – wir sind so glücklich zusammen)
Verliebt – Verlobt – Verheiratet/Ermordet

Die drei Boxen müssen nicht auf die unterschiedlichen Verse aufgeteilt werden, wobei das natürlich eine gute Möglichkeit ist. So bin ich auch auf meine Songidee gekommen.
Den Songtext gab es vorher schon in abgewandelter Form. Pat erklärt in einem seiner Videos die Rhythmik von Sprache mit dem Satz „I love the way you look at me“. Diesen Satz wiederholt er in dem Video gefühlt hunderte Male, was dazu geführt hat, dass ich diesen Satz tagelang als mega nervigen Ohrwurm im Kopf hatte. Nach einigen Tagen stand ich super genervt unter der Dusche, immer noch mit diesem Satz im Ohr, und hatte aus dem Nichts weitere, passende Zeilen im Kopf. Gut eine Stunde später hatte ich einen fertigen Songtext niedergeschrieben. Genial!
Meine jetzige Schreibkickversion ist ebenso schnell entstanden. Heute mittag hatte ich die Idee, vor ca. einer Stunde habe ich mich mit Reimlexikon und den wichtigsten Stichwörtern hingesetzt und jetzt ist er fertig 🙂 Natürlich ist er nach so kurzer Zeit nicht perfekt, aber darauf kommt es beim Schreibkick ja nicht an. 🙂

Verliebt, verlobt, ermordet

Verse:
Wir trafen uns in einem kleinen Café
An Tischen gegenüber, ein erster Blick
Du kamst zu mir, „Ist der Platz noch frei?“
Ich lächelte,
Ein Schwarm Schmetterlinge startete in Hektik,
Ich sagte „Ja“.

Chorus:
Ich liebe es, wie du mich ansiehst,
mit warmem, aufgeregtem Blick,
Ich weiß, dass du mich liebst,
einfach nur, weil du mich ansiehst.

Verse:
Am Strand, bei Nacht, unter Vollmond
gehst du in die Knie, zeigst den Ring
Und du fragst: „Heiratest du mich?“
Ich lächle,
dich zu teilen ist eh nicht so mein Ding
Ich sage „Ja“.

Chorus:
Ich liebe es, wie du mich ansiehst,
leuchten in den Augen, immer noch
Ich weiß, dass du mich liebst ,
einfach nur, weil du mich ansiehst.

Bridge:
Doch leider ist dein Blick nicht nur bei mir,
ich seh’s genau, auch Andere gefallen dir,
der Frau auf der Straße schaust du hinterher
und auch beim Fernsehn fällt dir das Wegschauen schwer

Verse:
Die Tropfen hinein in den Wein,
Ich stelle ihn auf den Tisch, beobachte dich,
Und du fragst: „Ist der für mich?
Ich lächle,
ein letzter Kuss, dann hab ich dich für mich.
Ich sage „Ja“.

Chorus:
Ich liebe es, wie du mich ansiehst,
mit kaltem, gebrochenem Blick.
Jetzt weiß ich, dass du nur mich liebst,
einfach nur, weil du nur noch mich ansiehst.

Diesen Monat dabei:
Nicole Vergin

Das Thema für den 01.01.2016 lautet: Familienglück an Weihnachten

Schreibkick #22 Grau in grau

Veröffentlicht am von 5 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich habe meinen Schreibkick-Text für diesen Monat rechtzeitig fertig bekommen und dank Nicole sogar daran gedacht, ihn zu posten 🙂

Für alle, die neu hier sind (es sind ja doch ein paar Follower auf fb dazu gekommen in den letzten Tagen). Die Schreibkicks sind ausdrücklich zum mitmachen gedacht! Schreibt also einfach euren Text zum aktuellen Thema (siehe unten) und postet mir dann den Link dazu entweder im Gästebuch unter meinen aktuellen Text, oder in die facebook-Gruppe, damit ich ihn in die Liste der Teilnehmer aufnehmen kann.

Viel Spaß damit!

Grau in grau

Der alte Mann mit den grauen Haaren saß in einem ausgebeulten Ohrensessel an der breiten Fensterfront seiner Penthousewohnung. Doch sein Blick war nicht auf die atemberaubende Skyline Frankfurts gerichtet, sondern auf eine schwarz-weiß Fotografie in seinen Händen.

Die Konturen des Bildes verblassten langsam, wurden immer mehr zu einem eintönigen grau. Doch noch konnte er klar und deutlich die blonden Locken und das freudige Lächeln des Mädchens erkennen. Das Bild war an den Rändern abgegriffen. Knicke und Risse zogen sich durch das alte Papier.  Aber Luise war noch zu erkennen. Er hatte sie heiraten wollen. Damals, als er noch ebenso jung und blond war wie sie. Doch dann war er weggezogen. Um etwas aus sich zu machen. So, wie sein Vater es gewollt hatte. „Junge, aus dir wird mal was werden. Du wirst noch genug andere Mädchen kennen lernen.“ Und beides ist schließlich auch eingetroffen. Aus ihm war etwas geworden. Projektleiter bei einem großen Technikunternehmen. Auch Mädchen hatte er genug getroffen. Drei Mal war er verheiratet gewesen. Und doch, in einsamen Stunden am Abend hörte er immer wieder dieses glockenklare Lachen, sah die strahlenden Augen vor sich und wünschte, noch einmal durch das goldene Haar streichen zu können.

Gedankenverloren sah er auf und blickte sich um. Seine Wohnung war stilvoll eingerichtet. Von einem Architekten. Vor 20 Jahren, als er in Rente gegangen war, war sie vermutlich mal modern gewesen. Seitdem hatte er nichts verändert. Die großen Designermöbel standen ungenutzt herum und verstaubten langsam. Er war nur noch hier, weil er zu faul war, etwas zu ändern. Und weil er nichts mehr hatte, wonach er sich sehnte. Außer die Vergangenheit.

Er steckte das Bild in seine Westentasche und stemmte mühsam seine alten Glieder aus dem Sessel. Für einige Sekunden musste er stehen bleiben. Das Aufrichten schmerzte ihn im Kreuz. Dann streckte er sich vorsichtig, was nicht wirklich half, und tappte hinüber zum Aufzug. Neben der Tür stand sein Gehstock. Vermutlich der einzige Gegenstand, der in den letzten Jahren dazu gekommen war. Josef steckte sein Portemonnaie ein, griff nach der Gehhilfe und drückte auf den Knopf. Er musste noch einmal dorthin. An den Ort, an dem alles angefangen, und geendet hatte.

***

Als er aus dem Bus stieg, hatte es begonnen zu regnen. Graue Nebelwolken zogen über den Himmel. Er war seit über 65 Jahren nicht mehr hier gewesen. Einiges hatte sich verändert. Und doch erkannte er das kleine Örtchen, in dem er aufgewachsen war wieder. Die Bäckerei und der Metzger waren sogar noch an derselben Stelle. Sein Herz begann zu rasen. Er fühlte sich, als sei er in der Zeit zurück gereist. Langsam ging die Hauptstraße hinunter. Die Menschen beachteten ihn nicht. Keiner schien ihn zu erkennen. Aber auch er erblickte keine bekannten Gesichter.

Dann bog er in die Straße ein, in der sie gelebt hatten. Josef am einen Ende, Luise am anderen. Er erkannte ihr Haus. Es war noch da. Genauso, wie damals. Vor Jahren musste es mal einen neuen Anstrich bekommen haben, aber inzwischen zogen sich wieder Risse durch den Putz und die Farbe blätterte ab. Es sah heruntergekommen aus. Die Farbe des Hauses vermischte sich fast mit dem Wolkendunst am Himmel. Alles grau in grau. Schritt für Schritt ging er darauf zu. Auf der Veranda stand ein Schaukelstuhl. So einen hatte Josef sich auch immer gewünscht. Aber er hatte nie die Energie gefunden, sich einen zu kaufen. Das Gartentor quietschte, als er es vorsichtig öffnete. Im Haus brannte kein Licht. Es schien nicht so, als würde hier noch jemand leben. Langsam durchquerte er den Garten. Seine Schuhe quietschten. Mittlerweile war die Feuchtigkeit bis zu den Socken durchgedrungen. Doch das störte ihn nicht. Die drei Stufen die Veranda hinauf bereiteten ihm einige Schwierigkeiten. Aber schließlich stand er vor der Tür. Ungläubig strich er über das Holz. Genau hier waren sie sich begegnet. Als sie gerade neu eingezogen war und Josef die Nachbarn begrüßen sollte. Gedankenverloren starrte er auf die blätternde Farbe.

Die Tür schwang auf. Ungläubig hielt Josef seine Hand ein paar Sekunden länger an der Stelle, an der sie soeben noch das Holz berührt hatte. Dann ließ er sie sinken.

„Josef. Bist du es?“

Er nickte. Ihre Haare waren noch genauso lockig wie damals. Doch nun waren sie ebenso grau wie seine.

Sie streckte eine Hand nach ihm aus und strich mit zittrigen Fingern über seine Wange. Er legte seine Hand auf ihre und atmete tief durch. Das war es, wonach er sich gesehnt hatte. Der Blick in ihre Augen verriet ihm, dass hinter der Fassade einer alten Frau immer noch die Luise steckte, in die er sich in seiner Jugend verliebt hatte.

„Bleibst du jetzt hier?“

Wieder nickte er. Eine einsame Träne tropfte auf den ausgetretenen Parkettboden. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie machte einen unsicheren Schritt auf ihn zu und schloss ihn in ihre Arme.

„Aber, hast du kein Gepäck?“

„Nein. Alles, was ich brauche, habe ich schon hier.“

Diesen Monat waren dabei:
Nicole Vergin
Conny
Surf Your Inspiration

Das Thema für den 01.12.15 lautet: Verliebt, verlobt, ermordet
(„gespendet“ von der lieben Conny)

Kategorie: Schreibkick-Texte