Schreibkick #25: Sternenklare Nacht

Unterwegs

Sternenklare Nacht. Wie ihn das ankotzte. Zu gerne hätte Karlson mal wieder eine dicke Wolkendecke über sich gesehen, anstatt diese unendliche, funkelnde Dunkelheit. Vier Jahre war es nun her, seit er zuletzt festen Boden unter den Füßen und jeden Abend die vertrauten Sternenkonstellationen über sich gesehen hatte. Seit dem dümpelte er in seinem kleinen Raumschiff durchs Weltall. Er hatte eigentlich damit gerechnet, bereits viel früher auf weitere, belebte Planeten zu stoßen.
»Wo sind denn nur alle?« Diese Frage hatte er sich in den letzten Monaten häufiger gestellt. Bereits vor Jahrzehnten hatten die Physiker des kleinen Planetensystems Dryagon Funksignale von ferneren Planeten erhalten. Doch es hatte niemanden gegeben, der sich getraut hätte, die drei Planeten, welche in geringer Entfernung um zwei verschiedene Sonnen kreisten, zu verlassen. »Zu gefährlich«, hieß es. »Wir wissen ja nicht, was das für Kreaturen sind!«
Karlson verstand die Einwände nicht. Den Geschichtsbüchern war zu entnehmen, dass es die gleichen Diskussionen auch auf den einzelnen Planeten von Dryagon gegeben hatte, bevor Ev Ustassen damals aufgebrochen war, um die Nachbarplaneten zu besuchen. Und was war passiert? Nichts. Es gab neue Handelsrouten und anstatt nur auf Gerreta, wurde nun auch auf den beiden übrigen Planeten Kurnaschnaps getrunken.
So hatte Karlson beschlossen, seine eigene kleine interstellare Mission zu planen. Doch niemand hatte ihn begleiten wollen. Raumschiffe bauen – ja. Eine Startrampe anmieten – klar. Mitfliegen? Auf gar keinen Fall!
»Verbohrte Vollidioten.« Wenn Karlson ehrlich war, gestand er sich ein, dass der größte Teil seines Ärgers inzwischen gar nicht mehr den Leuten von Dryagon galt, sondern sich selbst. Mittlerweile war er sich sicher, dass er niemals hätte alleine aufbrechen dürfen. Die Einsamkeit zermürbte ihn. Genervt öffnete er einen der Wandschränke und zog eine kleine Plastikpackung hervor. Das Astronautenessen hing ihm langsam zum Hals raus.
Als er die Packung geöffnet hatte, ließ er sich in seinen inzwischen ordentlich durchgesessenen Pilotensessel fallen. Hier schlief er, aß und starrte hinaus in die Dunkelheit. Lustlos nuckelte er an der Plastikpackung, als er auf einmal ein Blinken sah. Karlson zwinkerte erstaunt. Das konnte doch nicht sein, oder? Gebannt starrte er auf die Stelle, an der das Licht eben erschienen war. Da war es schon wieder.
»Was zum …« Erneut tauchte das Leuchten auf. Dann nochmal. Es befand sich schräg rechts vor ihm. Sofort griff er nach dem Steuerknüppel und richtete die Nase seines Raumschiffes darauf aus.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er erkannte, dass es nicht nur ein einzelnes Licht war, das dort rhythmisch aufleuchtete. Es waren mehrere. Karlson begann, seinen Flug zu bremsen, denn er wollte sich das Phänomen auf jeden Fall aus der Nähe ansehen. Mit der jetzigen Geschwindigkeit würde er innerhalb von Sekunden an den blinkenden Lichtern vorbei rasen.

Karlsons Finger kribbelten, als er langsam aber sicher auf den Monitoren erkennen konnte, auf was er da genau zu flog. Was aus seiner Perspektive zunächst ausgesehen hatte, wie zufällig angeordnete Lichter, stellte sich aus einem anderen Winkel als Kreis heraus, in dessen Mitte sich ein Planet befand. Die Leuchtmarkierungen waren auf Kometen oder Monden angebracht, welche den Planeten in einer kreisrunden Umlaufbahn umflogen. Karlson hatte den Boardcomputer bereits eine geeignete Landeroute berechnen lassen. Inzwischen konnte Karlson den ersten Kometen unter sich erkennen. Er war über und über mit riesigen Scheinwerfern bedeckt. Karlson sah sich um. Diese Lichter mussten dafür gemacht sein, anderen Ankömmlingen den Weg zu weisen. Doch es befand sich kein weiteres Raumschiff im Anflug.
»Oder sie sind eine Warnung,« murmelte er vor sich hin, verdrängte den Gedanken aber sofort wieder.
Der Planet, auf dem er landen wollte, war nicht mehr weit entfernt. Was bis vor wenigen Minuten noch eine blasse, rosa-blaue Kugel vor schwarzem Hintergrund gewesen war, wurde jetzt immer deutlicher. Er konnte bereits Landmassen, blaues Wasser und – rosa Wolken erkennen. Bei dem Anblick musste er grinsen. So lange hatte er von einem wolkenbedeckten Himmel geträumt und dabei die graue Brühe vor Augen gehabt, die er von seinen Heimatplaneten kannte. Und hier erstrahlten die Wolken in einem kitschigen rosarot. Das war fast zu gut, um wahr zu sein.
Quälend langsam näherte sich das Raumschiff nun in einem Parabelflug der Wolkendecke. Karlsons Herz raste, seine Hände waren schweißnass. Er wollte unbedingt wissen, was ihn auf dem neuen Planeten erwartete. »Lebewesen« hatte der Computer gemeldet und »künstlich erschaffene Strukturen«, wobei Karslos das bereits dank der erleuchteten Kometen hatte erahnen können. »Ausreichend Sauerstoff« war auch noch eine wichtige Info, die ihn ermutigt hatte, den Planeten anzusteuern. Langsam aber sicher sank das Schiff dem rosa Plüschmeer entgegen. Kurz bevor es eintauchte, blickte Karlson noch einmal dem Sternenhimmel entgegen.
»Mal sehen, wie lange es dauert, bis ich diese unendliche Weite vermisse.«
Dann tauchte er in die zarte, rosa Masse ein und wartete gespannt darauf, was darunter zum Vorschein kam.

Das Thema für den 01.03.2016 lautet: Asche

Diese Mal waren dabei:
Nicole Vergin

3 Gedanken zu „Schreibkick #25: Sternenklare Nacht

  1. Nicole

    Hallo Sabi,

    wie zu Ende? Ich will MEHR!!! Total spannend Deine Geschichte, ich war gleich wieder mittendrin und bin an Karlsons Seite durchs All gedüst. Ich geh jetzt mal positiv denkend davon aus, dass es eine Fortsetzung gibt!!!

    Liebe Grüße
    Nicole

    Antworten
  2. Pingback: Schreibkick: Sternenklare Nacht | Nicole Vergin - Autorin

  3. Sabi

    Huhu,

    mal sehen, ob mir was einfällt, wie ich das passend zum neuen Thema fortsetzen kann. Ich hab da schon so eine Idee… aber ich hab für das neue Thema auch schon eine andere Idee… hmm… das wird schwierig… 😀 😀

    Alles liebe,
    Sabi

    Antworten

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