Schreibkick #60: Zeitkapsel

Hallo ihr lieben, 

ich bin wieder spät dran 🙂

Der November ist bei mir grundsätzlich ziemlich stressig, aber dieses Jahr kam irgendwie alles zusammen. Eine Idee für den Schreibkick hatte ich schon sehr früh, doch dann wurde ich von einem hartnäckigen Plotbunny verfolgt. 
Zunächst hatte ich eine schöne Familiengeschichte im Kopf, bei der eine junge Frau eine Zeitkapsel ausgräbt, die sie als Kind vergraben hat und dann mit einigen Erinneurungen beschäftigt ist. Doch die Idee war mir vom Konzept her zu nah an einem anderen Text dran, den ich dieses Jahr schon geschrieben habe (der demnächst übrigens in einer Anthologie erscheint), so dass ich darauf eigentlich nicht wirklich Lust hatte (auch wenn mir die Idee gefällt) und über den ersten Vorschlag des Plotbunnys ganz froh war: Eine Zeitreisegeschichte über eine Zeitmaschine in einer Toilettenkabine am Flughafen Heathrow (ja, die Idee kam mir, als in Heathrow auf dem Klo saß und das Licht flackerte). Der Anfang war schon geschrieben, als ich letztes Wochenende den Prototypen eines Brettspiels von einem Freund testen durfte, in dem es unter anderem um die Folgen des Klimawandels geht. 
Das wiederum ließ erneut mein Plotbunny auf den Plan treten, das der Meinung war, ich müsste doch endlich mal diese Geschichte fertig machen, die ich für einen Schreibwettbewerb im Genre Climate Fiction schonmal geplant hatte – und obwohl ich eh schon zu spät dran war, schmiss ich meine Pläne nochmal um. 

Hier jetzt also das Ergebnis eines langen Kampfes mit einem hartnäckigen Plotbunny. 

Life 2.0

Mit einem tiefen Atemzug sauge ich Luft in meine Lungen und muss husten. Es fühlt sich an, als hätte ich jede Menge Wasser geschluckt. Ich bekomme Panik. Was ist passiert? Bilder eines Krankenhauses blitzen in meinem Bewusstsein auf. Schläuche, Nadeln, piepende Monitore. Mir wird etwas auf die Nase und den Mund gedrückt. Ich kann meine Augen nicht öffnen.
»Ganz ruhig. Atmen.« Eine weibliche Stimme.
Ich versuche, die Luft tief in meine Lungen zu saugen, ohne erneut zu husten. Es geht.
Wird immer leichter.
Muss nicht mehr husten.
Mein Körper wird ruhiger.
Bekomme Kontrolle zurück.
Eine neue Erinnerung. Eine Frau beugt sich über mich. »Wir wünschen ihnen eine gute Reise mit Life2.0.« Dann Dunkelheit.
Die letzten Worte, die ich gehört habe. Gestern. Wirklich gestern?
Mühsam öffne ich die Augen. Krankenhaus. Eine Pflegerin, hellgrüne Kleidung, zusammengebundene Haare, über mich gebeugt. Reise? Bin ich abgestürzt? Wo wollte ich hin?
»Ich hoffe, sie hatten eine gute Reise mit Life2.0 Willkommen im Jahr 2617«
Life2.0? Langsam sickern die gesagten Worte in mein Gedächtnis. Kryonik. 500 Jahre Schlaf. Es hat funktioniert. 500 Jahre in gefrorenem Stickstoff, mit Frostschutzmitteln statt Blut in meinem Körper – vereinfacht gesagt. Mit einem Schlag wird mir kalt. Eine Decke wird über mich geworfen.
»In wenigen Stunden sind sie wieder vollkommen fit.« Sie lächelt mir zu und streicht mir über die Stirn.
»Ruhen sie sich aus.«
Dann verschwindet sie aus meinem Blickfeld. Kurz danach verfalle ich wieder in einen tiefen Schlaf.

Ich erwache erneut. Mein Blick fällt auf einen Nachttisch mit einer Uhr. Es ist 8:00 Uhr. Ob morgens oder abends kann ich nicht sagen. Durch das Fenster sehe ich nur Himmel und blassorange eingefärbte Wolken. Ich weiß nicht, wo ich bin. War das noch Philadelphia, wo ich mich hatte einfrieren lassen? Eine Welle der Euphorie durchfährt mich. Es hat geklappt. Ich setze mich auf und betrachtete meine Hände. Sie sind glatt. Weniger faltig, als gestern, Nein. Weniger faltig als vor 500 Jahren, korrigiere ich mich. Die Technologie hatte sich also entsprechend weiterentwickelt.
Die Tür geht auf und eine Schwester kommt herein. Ich bin mir nicht sicher, ob es dieselbe ist, die mich bereits vorhin begrüßt hatte, als ich aus meinem Jahrhunderte langen Schlaf erwacht war.
»Guten Morgen Mrs. Mason. Mein Name ist Mary.«
Mary. Auch 500 Jahre später noch hatte sich dieser Name wohl gehalten.
»Guten Morgen.«
»Ich wollte ihnen mitteilen, dass ihre Wünsche den Vertragsbedingungen entsprechend umgesetzt wurden. An ihrer Haut haben sie vermutlich bereits gesehen, dass wir in dem Bereich der Telomertherapie beachtliche Fortschritte gemacht haben. Auch ihr Haarwuchs dürfte sich in den kommenden Monaten verbessern, so dass sich ihr Aussehen ihrem biologischen Alter von ca. 35 Jahren anpassen wird. Sobald sie sich erholt haben, nehmen sie an unserem Startfuture-Programm teil. Wir vermitteln ihnen eine neue Wohnmöglichkeit und sie werden eine Schulung über unser aktuelles politisches System, gesellschaftliche Gepflogenheiten, Sprache und Kultur erhalten.«
Die letzten Worte dringen nur noch am Rande bis zu meinem Verstand vor. 35. Ich hatte 41 Jahre meines Lebens wieder gutgemacht. Eine neue Chance. Viel Zeit, um mir den Traum, die Zukunft mitzuerleben, zu erfüllen. Wie alt wurden die Menschen heutzutage? Ich schüttele den Kopf und versuche, mich wieder auf die Worte der Krankenschwester zu konzentrieren.
»Die Firma, mit der sie den Vertrag ursprünglich abgeschlossen haben, ›Beginning‹, wurde inzwischen aufgelöst. Ihre Verträge wurden zwischenzeitlich zwei Mal an andere Träger überschrieben. Wir freuen uns aber, ihnen mitteilen zu können, dass die Leistungen jedoch dieselben geblieben sind.«


Heute ist es so weit, ich darf die Station verlassen. Zwei Nächte hatte ich noch im Krankenhaus verbracht. Verschiedene Ärzte hatten mich durchgecheckt und eine Physiotherapeutin hatte meinen Körper wieder halbwegs in Schwung gebracht. So ganz war es bei meinem Körper noch nicht angekommen, dass ich wieder 35 war. Die Muskelmasse fehlte. Sollte sich aber schnell wieder regenerieren. Schneller als mit 76 Jahren. Ich hatte die Zeit nur in meinem Zimmer verbracht, aber dank meines vollen ›Stundenplanes‹ war die Zeit nur so verflogen. Während dieser Zeit war mir klar geworden, dass sich in den 500 meines Schlafes Jahren so einiges verändert hatte. Auch die Sprache. Das »echte« englisch dieser Zeit war härter als meines und das, in dem die Schwestern mit mir sprachen. Mary hatte mir berichtet, dass alle Mitarbeiter bei Life2.0 einen Kurs machen mussten, um sich mit den »aufgetauten« Patienten unterhalten zu können.
Aufgeregt blicke ich auf die Uhr. Um 3 Uhr würde Mary mich abholen. Noch 5 min. Wenigstens hatte sich daran nichts geändert. Der Tag besaß nach wie vor 24 Stunden.

Endlich geht die Tür auf und Mary kommt herein. »Kommen sie. Ich bringe sie nun zu ihrer persönlichen Zukunftsbegleiterin.« Freudig rutsche ich von meinem Bett runter und folge ihr in den Gang. Der Flur ist weiß gestrichen, bunte Bilder hängen an den Wänden, die verzweifelt versuchen, etwas Wohnlichkeit in die sterile Umgebung zu bringen. Wir biegen um eine Ecke und am Ende des Ganges sehe ich eine große Panoramascheibe. Was ich dort sehe, verschlägt mir den Atem. Wie in Trance trete ich näher an die Scheibe heran und betrachte die Welt, die vor mir liegt. Genau so hatte ich mir die Zukunft erträumt. Wir befinden uns im – vielleicht – fünfzigsten Stock eines Hochhauses, das von anderen Hochhäusern umgeben ist. Flugkapseln surren draußen auf unserer Höhe in festgelegten Flugbahnen vorbei, aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Die Häuser sind jedoch keine sich in der Sonne spiegelnden Glasbauten mit klaren Fassaden. Jedes Gebäude ist zu großen Teilen begrünt. Die Pflanzen kenne ich auf den ersten Blick nicht. Aber mir ist klar, dass hier einige der Konzepte, an denen ich damals unter wichtig klingenden Namen wie ›future cities‹, ›green urbanism‹ usw. mitgearbeitet hatte, umgesetzt wurden. Natürlich nicht exakt die Konzepte meines Teams, aber das hier war die Zukunft, von der wir geträumt hatten und für die wir die ersten Grundsteine gelegt hatten.
»Faszinierend oder?«, reißt Mary mich aus meinen Gedanken.
»Unglaublich.«
»Die Fassaden sind mit Solarbeton beschichtet. Die Hochhäuser produzieren ihren eigenen Strom. Flächendeckend, neben ein paar Wind- und Wasserturbinen.«
Solarbeton – das Konzept war zu meiner Zeit schon bekannt gewesen, aber noch nicht effektiv genug um es in großem Maße einzusetzen.
Zwischen einigen Hochhäusern sehe ich, wie sich ein Fluss den Weg durch das begrünte Erdreich schlängelt. Straßen gibt es keine, nur Fußwege. Autos, Züge und Busse scheint es keine mehr zu geben. Die Hochhäuser haben Landeplattformen auf verschiedenen Ebenen. Ganze Parkanlagen schmiegen sich terrassenförmig an die Fassaden. Was früher ein Stadtbezirk war, scheint hier auf mehreren Stockwerken eines Hochhauses abgebildet.
Das hier war wunderbar. Als ich mich in das Kryonikcenter von »Beginning« begeben hatte, hatte die Erde mit massiven Folgen des Klimawandels zu kämpfen gehabt. Zerstörte Städte, Klimaflüchtlinge, Dürren, Überschwemmungen. Davon war hier nichts mehr zu sehen.
Ein Kribbeln durchfährt mich. Ich kann es kaum erwarten, den Rest der Welt zu entdecken. Wenn das hier möglich war, welche Wunder mochten im letzten halben Jahrhundert dann noch entstanden sein?
»Wir sollten langsam weiter«, erinnert Mary mich an den anstehenden Termin.
»Okay.« Links von uns befinden sich mehrere Aufzüge. Mary hatte den an der Außenfassade gelegenen bereits gerufen, während ich die Umgebung betrachtet hatte. Als sie meinen fragenden Blick auffängt, lächelte sie. »So geht es am Anfang hier jedem.«
Wir steigen in den Aufzug. Nun wird mir klar, warum sie diesen gewählt hat. Er hat eine gläserne Außenwand, so dass ich für ein paar weitere Sekunden meine Umgebung bestaunen kann.
Einige Stockwerke weiter unten steigen wir aus. Die Räume hier erinnern eher an einen Bürokomplex. Sanfte Brauntöne an der Wand, goldene Verzierungen, Landschaftsbilder. Eine warme, dennoch sachliche Atmosphäre. Nach ein paar Metern bleibt Schwester Mary stehen und klopft an eine Tür. ›Tuvarie Calae‹ steht auf dem Schild, das daneben hängt.
»Herein«, meldet sich eine Stimme von drinnen.
Mary öffnet die Tür und lässt mich rein. Eine junge Frau, vielleicht Mitte 20 erhebt sich hinter ihrem Schreibtisch.
Mary streckt mir die Hand entgegen. »Ich wünsche ihnen alles Gute in ihrer Zukunft.«
»Danke«, antwortete ich.
Als Mary die Tür hinter sich geschlossen hat, gehe ich auf die blonde Frau hinter dem Schreibtisch zu.
»Calae«, begrüßt sie mich und reicht mir ebenfalls die Hand.
»Sie sind Emily Mason?«, fragt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
»Ja«, antworte ich.
Sie weist auf einen der Stühle, der auf meiner Seite des Schreibtisches steht und wir setzten uns.
»Also gut. Sie haben bei unserem Vorgänger das volle Paket gebucht. Wohnortberatung, -organisation, Transfer und den Einführungs- sowie Aufbaukurs, richtig?« Ihr breites Lächeln weicht nun sachlicher Freundlichkeit. Sie ist mir sympathisch.
»Ja.«
»Gut. Ihr aktueller Kontostand beträgt 125.983$. Zuzüglich einer Wohnung im Wert von bis zu 100.000$. Damit werden sie einige Zeit gut über die Runden kommen, bis sie sich für einen aktuellen Beruf ausreichend requalifiziert haben. Es hat sich doch ein bisschen was verändert.«
»Okay.« Ich bin etwas überfordert mit so vielen Informationen. Es fühlt sich an, als hätte ich die Verträge gestern erst unterschrieben und trotzdem habe ich das Gefühl, in meinem Kopf lange nach den Informationen suchen zu müssen. Als wäre zwischenzeitlich jemand in mein Gehirn eingedrungen und hätte alles umsortiert.
»Sie hatten auf ihrem Fragebogen angegeben, dass sie mitteleuropäisches bis subtropisches Klima bevorzugen?«
Ich nicke.
»Da können wir ihnen die Westküste von Kanada empfehlen.«
Fragend sese ich sie an. »Westküste von Kanada?«
Sie dreht ihren Schreibtischstuhl leicht zur Seite und weist mit der linken Hand auf eine Karte, die hinter ihr an der Wand hängt.
»Ja. Die Klimazonen haben sich etwas verschoben.«
Ich blicke die Karte an. Etwas? Mein Herz beginnt zu rasen. Ich folgte ihrem Blick zur Karte. Auf den ersten Blick sieht alles aus, wie ich es kenne. Doch dann fällt mir auf, dass einige Bereiche der Kontinente wie abgeschnitten erschienen.
»Wir haben leider einige Metropolen und Landstriche verloren, dafür aber andere, sehr lebenswerte Regionen hinzugewonnen.« Sie sagt das, als hätten sie eine Sorte Milch im Supermarkt aus dem Sortiment genommen. Ich versuche, meinen Ärger zu verbergen. Sie konnte schließlich nichts dafür. Sie kennt die Welt nicht anders. Das hier ist ihre Realität. Ich bin es, die momentan noch in der Vergangenheit lebt. Egal. Mit den Klimafolgen konnte ich mich später beschäftigen. Wissenschaftlich.
»Aha. Und … wie war das jetzt mit Kanada?«
»Nun, eigentlich heißt die Region nicht mehr Kanada. Ich kann ihnen die Küstenstadt Portland empfehlen. Die Zone zu der sie gehört ist die A-Zone – ein Zusammenschluss von dem was sie al Nord- und Südamerika, Kanada und Grönland kennen. Portland ist mit der Kapsel nur wenige Flugminuten vom Meer entfernt. Sie tippt etwas in den riesigen Bildschirm, der in die Schreibtischoberfläche eingelassen ist.
Bisher dachte ich, er sei aus, denn ich konnte nichts erkennen. Mit einer kleinen Wischbewegung ihrerseits klärt das Bild für mich jedoch auf – es scheint vorher irgendwie verspiegelt gewesen zu sein, so dass die Informationen von meinem Blickwinkel aus nicht erkennbar waren. Die Karte eines Landstrichs erscheint.
»Portland als Universitätsstadt ist spezialisiert auf ›Urban Oxigen- and Energyarchitecture‹ und hat ein Qualifikationsprogramm für neu Erwachte, die in ähnlichen Gebieten früher tätig waren.«
Ich habe keine Idee, was es mit diesem Studienfach auf sich hat. Doch es klingt zumindest nach einer Fortsetzung dessen, was ich früher gemacht habe, also schonmal interessant.
»Das klingt gut. Gibt es Alternativen?«
»Laut Algorhythmus keine so treffenden. Von der Qualifikationsfähigkeit her würde Mumbai noch passen. Wenn sie sich vorstellen können, in einer Stadt mitten im Meer, die durch Dämme geschützt ist, zu leben. Es hat seinen Reiz. Aber der permanente Aufenthalt in Gebäuden ist nichts für jeden.«
Ich schüttle den Kopf. »Dauerhafter Aufenthalt in Räumen?«
»Das Wetter dort ist enorm unbeständig. Stürme, Regen, Hagel, extrem heiße Perioden. Fast immer ist irgendwas, das den Aufenhalt außerhalb der Gebäude sehr unangenehm macht. Außerdem ist die Stadt komplett von Wasser umgeben. Dafür ist es innen umso wohnlicher und lebenswerter.« Sie tippt ein paar Befehle in den Bildschirm und schon erscheinen Bilder von einem riesigen Einkaufszentrum. Nein. Einem Hotel. Einem Mix aus Hotel, Einkauf-, und Erlebniszentrum. Parks unter Kuppeln, gläserne Tunnel, hunderte Meter hohe Glasdecken, glückliche Menschen vor überdimensionalen Panoramafenstern, durch die sie über einen Damm hinweg auf die ewige Weite des Meeres blicken.
»Von der Klimazone her – aber ohne entsprechende Qualifikationsmöglichkeiten – käme auch Prag, die Hauptstadt der B-Zone in Betracht.«
»Tschechien?« Subtropisches Klima in Mitteleuropa?
»Ja. Moment. Ja, genau, Tschechien.«
Das war zwar nicht meine Frage gewesen, aber ich lasse es unkommentiert.
»Okay. Ich glaube, dann wird es wohl Portland werden.«
»Eine ausgezeichnete Wahl.«
Schnell tippt sie wieder etwas auf dem Bildschirm.
Sie zeigt mir verschiedene Wohnungen zu unterschiedlichen Preisen. Alle in meinem Budget. Ich entscheide mich für eine etwas teurere zwei Zimmer Wohnung (zwei recht kleine Zimmer), dafür zentral und in der Nähe der Universität. Denn wenn ich das richtig verstanden hatte, würde ich demnächst wieder studieren. Den Flyer für einen Infoabend hielt ich bereits in der Hand. Dann überreicht sie mir ein kleines Smartphone.
»Hier sind ihre Personendokumente.« Sie wischt zwei Mal über das Display. »Das, was früher ihr Ausweis war. Das Personal Memo hat noch viele andere Funktionen. In dieser Broschüre finden sie alles Nötige. Sie händigt mir ein kleines Büchlein aus. Das können sie aber in ihrer Wohnung in Ruhe durchlesen. Wichtig für den Transfer ist nur diese Dokumentenfunktion, die im Moment als Einzige auf ihrem Startdisplay abgelegt ist.«
Ich nicke. Die Hälfte der Informationen hatte ich vermutlich bereits wieder vergessen. Das war alles ein bisschen viel für einen Tag.
»Okay.«
»Ich bringe sie zu ihrer Kapsel.« Sie tritt um den Schreibtisch herum.
»Brauche ich nicht … irgendwie Tickets?«
»Sind in ihren Personendokumenten hinterlegt, wie ich es ihnen eben gezeigt habe.«
»Ahja.« Mir wird mulmig zumute.
Ich befinde mich in einer neuen Zeit, in der die Menschen zwar Englisch sprechen, aber in einer Version, die ich noch nicht verstehe, in einer Welt, deren Regeln und Geographie ich noch nicht kenne und bin auf dem Stand der Technik von vor 500 Jahren. Ein echtes Fossil. Gleichzeitig bin ich wieder junge 35 Jahre alt.
Ich reibe mir über die Augen. Langsam wird es etwas viel.
Mrs Calae lächelt mich an und legt eine Hand auf meinen Unterarm. »Wenn sie nachher in der Langstreckenkapsel sind, können sie sich etwas ausruhen.«
»Okay, danke.«
»Kommen sie.«
Ich folge ihr auf den Gang. Wir fahren mit dem Aufzug, diesmal einem ganz normalen ohne Fensterscheibe, wieder einige Stockwerke nach oben. Dort angekommen führt sie mich auf eine Plattform. Mehrere Flugkapseln stehen bereit. Sie öffnet eine davon. »Okay, sie können einsteigen.«
Fragend sehe ich sie an. »Fliege ich alleine?« Mir wird ganz anders. Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass das alles ein Fehler war. Ich versuche, mich zu beruhigen, und atmete tief durch.
»Nur ein kleines Stück«, sagt Mrs Calae. »Öffnen sie ihren PM.«
»Hm?« Fragend sehe ich sie an.
»Das Personal Memo.«
Achso. Ich komme mir idiotisch vor. Smartphones mit Apps hatte es zu meiner Zeit schon gegeben. Dieses Ding hier wird wohl kaum schwieriger zu bedinen sein. Ich wische über den Bildschirm, wie früher über das Dislplay meines Spartphones.
»Genau«, bestätigt Mrs Calae mich. »Jetzt auf ›aktuelle Reise‹«.
Ich klicke. Ein buntes, psychedelisches Muster erscheint.
»Einfach hier an die Oberfläche halten.« Sie zeigte auf eine Stelle des Ablagebrettes vor mir, die durch ein rechteckiges Symbol gekennzeichnet ist.
Es piepst. »Philadelphia Long Distance Terminal«, sagt eine freundliche Computerstimme. »Schließen sie die Türen.«
Mrs Calae lächelt wieder ihr breites Lächeln. »Am LDT wird sie eine Mitarbeiterin von uns abholen und sie bis in ihre neue Wohnung begleiten. Alles gute für ihre Zukunft!« Mit den Worten schließt sie die Tür.
Die Kapsel gibt zweimal einen summenden Ton von sich, dann hebt sie, beinahe nicht spürbar, ab.
Ich fühle mich alles andere als sicher, alleine in diesem Ding. Aber es ist ja nicht für lang. Nur kurz. Ich spüre, wie sich meine Hände vor Aufregung in den Sitz krallen. Ich hasse es, keine Kontrolle zu haben.
»Nur eine kurze Strecke«, murmle ich vor mich hin.
Ich schließe die Augen.


Zu zweit fühle ich mich in diesen Flugkapseln gleich wohler. Am Long Distance Terminal – das in etwa eine Bushaltestelle für Flugkapseln ist, an der man von regionalen auf Fernkapseln umsteigt – hatte mich, eine junge Frau abgeholt und zu einer größeren Flugkapsel gebracht.
Sie hatte sich als Mrs Yiyen vorgestellt. Wir steigen senkrecht in die Höhe und nun traue ich mich, die Umgebung genauer zu betrachten, anstatt, wie in der kleinen Kapsel, nur ab und an einen Blick zu riskieren, um zu sehen, ob das Ziel schon in Sicht war. Unter uns bleibt die grüne Stadt schnell zurück.
Der Anblick des Umlands raubt mir erneut den Atem.
Was ich als grünes, fruchtbares Land kannte, ist nun auf der einen Seite überschwemmt – die Stadt und die umliegende Region wird durch einen massiven, meterhohen Damm geschützt – und auf der anderen Seite karges Grasland. Trockene Büschel recken sich aus den Rissen des ausgetrockneten Bodens. Wir fliegen ein Stück in nördliche Richtung an der Küste entlang.
»Sie kennen das hier noch anders, richtig?«
Ich nicke. »Was ist passiert?«
»Der Meeresspiegel ist angestiegen, und das Wasser ins Grundwasser gelangt. Das hat die ursprüngliche Flora nicht verkraftet. Zudem ist das Wetter hier immer extremer geworden. Wir haben sehr schöne, verregnete Sommer, in denen blüht hier draußen alles. Aber momentan leiden wir seit drei Jahren unter einer Dürreperiode.«
Ich lasse meinen Blick über das Land streifen. In der Ferne, im Meer, sehe ich ein paar Wolkenkratzer, die bis zum ersten oder zweiten Stockwerk im Wasser stehen.
»Ist das?«
»Es hieß New York zu ihrer Zeit. Lange haben sie sich gegen das Wasser behaupten können, doch dann ist einer der Dämme gebrochen. Philadelphia ist eine der wenigen Oasen, die hier an der Küste noch besteht.«
Fragend sehe ich sie an. »Oasen?«
»Oh. Entschuldigung. Das sind Städte, die in eigentlich lebensfeindlicher Umgebung bestehen können.«
Da fällt mir noch etwas anderes ein, was ich auf der Karte in Mrs Calaes Büro gesehen hatte. »Auf der Karte im Reisebüro waren einige Gegenden rot markiert. Sind das diese lebensfeindlichen Areale?«
»Oh«, verlegen sah sie zum Fenster raus. »Nein. Das sind die verbotenen Zonen.«
»Und das bedeutet?«
»Der Atomkrieg. Die roten Gegenden waren entweder Testgebiete für Waffen oder Kampfgebiete.«
Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Atomkrieg. Schon zu unserer Zeit gefürchtet, oft vorhergesagt und dann doch nicht eingetroffen. Im vierten Weltkrieg hatten sich die Nationen immerhin so weit verständigt, dass Atomwaffen kaum zum Einsatz gekommen waren. Inzwischen war es so weit und die Folgen waren anscheinend schlimmer, als wir sie uns damals hätten ausmalen können.

Ich komme mit meinen Überlegungen nicht weit, da zieht eine seltsame Formation unter uns meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie sieht aus wie ein riesiger Pilz, der sich aus der Erde erhebt. »Was ist das da unten?«
Mrs Yiyen blickt hinunter. »Oh, das sind Nomaden.«
Wieder blicke ich sie fragend an.
»Aussteiger. Sie leben hier draußen, fast ohne Strom, als Protest gegen den Kapitalismus und die Industrie. Wenn sie mich fragen, sind sie damit ein wenig arg spät dran. Jetzt ist es, wie es ist. Vor 700 Jahren hätte das vielleicht noch was geändert. Aber heute?«
Beim Anblick dieser weitreichenden Zerstörung drängt sich mir eine ganz andere Frage auf. »Wie viele Menschen gibt es auf der Welt?«
»2,5 Millionen.«
»Und … und die anderen?« Meine Stimme überschlägt sich. »Also ich meine … wir waren mal über 11,8 Milliarden.«
»Atomkrieg, Klimaflucht, Seuchen, Reproduktionsregulationsprogramme … Das werden sie alles auf ihren Schulungen lernen.«
Im Moment ist ich mir nicht sicher, ob ich das alles wissen will. Mir wird schlecht. Wir waren doch so kurz davor gewesen. Der CO2 Ausstoß war eingedämmt, nachhaltige Energiegewinnung war beinahe flächendeckend möglich gewesen. So vieles, was die Generationen vor uns versäumt hatten, hatten wir wieder geradegebogen. Es hatte so verdammt gut ausgesehen. In meinem Kopf rasten die Gedanken. Wie hatte das passieren können. Was hätten wir damals noch alles anders machen können? Was hätte ich anders machen können?
Eine Weile ist es ruhig zwischen uns. Dann reißt Mrs Yiyen mich erneut aus meinen Gedanken. »Erzählen sie mir von den Eisbären.«
»Eisbären?«
»Ja. Sie haben doch sicher noch welche gesehen.«
»In Zoos, ja. Schöne Tiere, imposant. Wenn sie jung sind, sehen sie aus wie kuschelige Teddybären. Dann entwickeln sie sich zu großen, mächtigen, gefürchteten Jägern. Es gab viele Auswilderungsprogramme damals, in der Hoffnung, ihren Bestand retten zu können.«
»Das muss toll gewesen sein mit dieser Artenvielfalt damals.«
Ihre Worte treffen mich, doch ich frage nicht nach. Noch mehr Hiobsbotschaften über unseren Planeten kann ich heute nicht mehr verkraften.

Dann, endlich, nach einer halben Ewigkeit über trockenem Boden, kommen saftige grüne Wiesen und Wälder in Sicht. Ich setze mich auf und richtete meinen Blick wieder nach unten. Dörfer und Städte ziehen unter uns her. Ich lächle. Ein Stück Normalität, wie ich sie kenne.
»Willkommen im Norden der A-Zone. Früher Kanada.«
Wenig später kommt die Küste in Sicht, davor eine riesige Metropole. »Ist das?«
»Ja, Portland. Ihre neue Heimat.«
Hier gibt es zu meiner Erleichterung keinen Damm, das Meer kommt ein paar Kilometer weiter, hinter einem – vermutlich aufgeschütteten – Sandstrand in Sicht. Flugkapseln umschwirren die Stadt, überqueren einige hundert Meter unter uns das Land.
Wir landen und steigen wieder in eine kleine Kapsel um. Ich bin inzwischen so müde, dass ich von dem Flug durch meine neue Stadt nicht mehr viel mitbekomme.
Wir landen auf der Plattform eines Wolkenkratzers und Mrs Yiyen begleitet mich bis zu meiner Haustüre, die sich ebenfalls mit meinem PM öffnen lässt.
»Sie werden in ihrer Wohnung alle nötigen Informationen sowie eine Erstausstattung finden. Ich wünsche ihnen alles Gute für ihre Zukunft. Über unseren Voice Service steht ihnen jederzeit jemand zur Verfügung, wenn sie Hilfe brauchen.«
Wie benommen betrete ich meine neue zwei Zimmer Wohnung und lasse mich auf mein Bett fallen. »Willkommen in ihrem neuen Zuhause«, begrüßt mich eine freundliche Stimme und beginnt, mir die einzelnen Funktionen der Wohnung zu erklären. Kurz versiche ich, den Ausführungen zu folgen, doch schon nach wenigen Sekunden gebe ich auf, schließe die Augen und döse vor mich hin. Irgendwie werde ich das Ding schon dazu bekommen, mir das alles nochmal in Ruhe zu erklären.Mir schwirrt der Kopf. Die Erlebnisse des heutigen Tages reichen wohl für ein ganzes weiteres Leben. Dabei bin ich gerade erst dabei, mein Zweites zu beginnen.

Diesen Monat waren dabei:

Nicole Vergin

Rina

Veronika

Corly

Surf your inspiration

Das Thema für den 01.01.2019 ist: Das Märchen der guten Vorsätze

Wer Lust auf ein Weihnachtsspecial hat: Das Thema für den 24.12.2018 ist: Die Sache mit dem Rentier

7 Gedanken zu „Schreibkick #60: Zeitkapsel

  1. Pingback: Schreibkicks – die vererbte Zeitkapsel – Geschichtszauberei

  2. Nicole

    Wie? Was? Wo gehts denn hier weiter?? Das ist doch nicht Dein Ernst, liebe Sabi! Ich hoffe es gibt bald eine Fortsetzung – sowas von spannend!!!

    Liebe und hoffnungsvolle Grüße
    Nicole

    Antworten
    1. Sabii Beitragsautor

      Hey Nicole,

      😀 freut mich, dass die Geschichte spannend ist. Eigentlich ist die Geschichte so fertig, das offene Ende war Absicht. Aaaaber das muss nichts heißen. Wenn irgendein passender Gedanke kommt, wie ich die Geschichte weiterschreiben kann, kann es gut sein, dass es eine Fortsetzung gibt. Mal sehen 🙂 Geplant ist nichts, aber man weiß ja nie.

      Liebe Grüße,
      Sabi

      Antworten
  3. Rina.P

    Eine interessante Sichtweise auf unsere Zukunft und gar nicht so unrealistisch. So könnte sie tatsächlich mal aussehen.
    Eine Fortsetzung würde mich hier auch ziemlich interessieren.

    Liebe Grüsse

    Antworten
    1. Sabii Beitragsautor

      Hallo Rina,

      jaaa, dass das nicht so unrealistisch ist, finde ich echt beängstigend. Daher lag mir auch so viel an der Geschichte, weshalb ich die Gelegenheit, sie zu schreiben, jetzt ergriffen habe.
      Jaaa, das mit der Fortsetzung … wenn eine passende Idee kommt schreibe ich gerne weiter 🙂

      Liebe Grüße,
      Sabi

      Antworten
  4. Elke

    Hallo Sabi,

    das klingt sehr vielversprechend. Bin mit dem Lesen noch nicht durch.
    Muss ich unbedingt fertig lesen.

    Das offende Ende ist gut. Bin jetzt schon gespannt ob es irgendwann eine
    Fortsetzung gibt.

    Liebe Grüße,
    Elli

    Antworten
  5. Pingback: Schreibkick: Die Zeitkapsel. | vro jongliert

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