Schreibkick #63 (imaginäre Freunde) und #64: Die Welt bei Nacht

Hallo ihr lieben,

besser spät als nie, hier mein Schreibkick zum Thema „Die Welt bei Nacht“:

Im Gegenlicht der Abendsonne, die kurz davor war hinter den Bergen zu versinken, konnte ich seinen Gesichtsausdruck kaum erkennen. Und doch war ich mir sicher, zu wissen, was sich dort in diesem Moment abspielte. Ein bedauernder Blick, die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepresst. Eine Mischung aus Ärger, und Trauer. Genau dasselbe empfand ich in diesem Moment auch und merkte, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
»Es tut mir leid, ich kann das nicht mehr.« Seine Stimme klang hart.
Die Sonne verschwand hinter der Felswand. Nun nicht mehr geblendet, konnte ich für einen Moment sehen, wie sehr ich Recht hatte. Auch er hatte Tränen in den Augen.
Dann drehte ich mich um, und ging. Es gab nichts mehr zu sagen, denn es war bereits alles gesagt worden. Wir beide hatten gewusst, dass es so kommen würde und trotzdem tat es unheimlich weh.

Ich lief durch die kleinen Gassen unseres Dorfes, das immer schneller in der Dunkelheit versank. Hier und da gingen die Lichter hinter Fensterscheiben und Gardinen an, flackernd begannen auch die Laternen zu leuchten. So vertraut und doch surreal. Es war alles wie immer und gleichzeitig ganz anders.
Für mich war alles anders.
Durch ein gekipptes Fenster hörte ich das Zischen einer Pfanne und Geschirrgeklapper. Hier und da sah ich Silhouetten von Menschen am Fenster vorbei huschen. Ich stellte mir vor, dass Familien gemeinsam den Tisch deckten, Paare zusammen den Fernseher einschalteten, eine Schüssel Chips auf den Tisch stellten oder jeder einfach seinen eigenen Interessen nachging, bis sie dann zusammen Zähne putzten und ins Bett gingen. Das Leben hinter diesen Fensterscheiben ging so weiter wie bisher.
Mein Leben hatte sich jedoch eben auf den Kopf gestellt. Mit einem einzigen Satz war alles anders geworden. Meine kleine Welt hielt kurz inne, während sich drumherum alles weiter bewegte, als wäre nichts gewesen. Und wahrscheinlich wusste kaum einer diese Ereignislosigkeit zu schätzen.
Ich spürte, wie sich meine Hände in den Jackentaschen zu Fäusten ballten. Ich hatte es selber nie zu schätzen gewusst. Doch, vielleicht ganz am Anfang.
Aber aus den gemütlichen Abenden vor dem Fernseher und den liebevoll gemeinsam zubereiteten Mahlzeiten war erst Gewohnheit geworden, dann irgendwann Langeweile und Schweigen. Und nun hatten all diese Menschen all das, was ich mal gehabt hatte und ahnten nicht, wie wertvoll das war. Ich fühlte mich plötzlich furchtbar einsam.
Ich erreichte die Straße, in der ich wohnte und an deren Ende der Wald begann. Dort endete die künstliche Beleuchtung und es wurde einfach nur dunkel. Nur die Silhouetten einiger Tannen konnte ich noch erkennen. Es war schon beeindruckend, wie dunkel es in der Nacht werden konnte.
Bevor ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, blickte ich hinauf zum Nachthimmel. Dort strahlten millionen kleiner Punkte um die Wette, doch keiner schaffte es, mit seinem Licht die Erde zu erreichen. Sie waren da und irgendwie auch nicht. Ganz weit weg, manche aus einer anderen Zeit, längst verglüht, umhüllt von der unendlichen, stillen Dunkelheit des Alls. Und ich hier unten, klein und unbedeutend, aber ebenso in der Dunkelheit, wie sie.

Kaum hatte ich meine Wohnung betreten und die Schuhe abgestreift, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Eve.
»Hey, alles klar? Was machst du heute?«
Ein kleines, zartes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und gleichzeitig spürte ich, wie Tränen begannen, über meine Wangen zu laufen. Ich wusste, dass ich ihr gleich mit zittrigen Fingern schreiben würde, wie es mir ging, dass sie sich daraufhin sofort auf den Weg machen würde und in weniger als zehn Minuten mit einem Becher Eis in den Armen vor meiner Tür stehen würde. Und dann würde auch mein Leben irgendwie weiter gehen, erstmal allein, aber irgendwie nicht einsam.

Diesen Monat waren dabei:

Rina

Veronika

Nicole Vergin

Corly

Letzten Monat bei „imaginäre Freunde“ waren dabei:

Nicole Vergin

Das Thema für den 01.04.2019 lautet: Im Spiegel

2 Gedanken zu „Schreibkick #63 (imaginäre Freunde) und #64: Die Welt bei Nacht

    1. Sabi Lianne Beitragsautor

      Hallo Nicole,

      dankeschön 🙂 mir ging es beim Schreiben ähnlich. Freut mich, dass die Geschichte beim lesen auch berührt. <3

      Liebe Grüße,
      Sabi

      Antworten

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