Schreibkick #65: Im Spiegel

Hallo ihr lieben,

es ist wieder Schreibkick-Zeit und ich bin mal pünktlich fertig. Diese Woche gibt es hier aber nicht nur meinen Beitrag zu lesen, sondern auch einen eingesandten Gastbeitrag, dessen Autor aber anonym bleiben möchte. Den Text findet ihr direkt nach meinem.
Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen!

Spiegelung

Meine Oberschenkel brannten höllisch, als ich mich weiter den schmalen Pfad hinauf quälte. Chris lief wenige Meter vor mir.
»Wenn wir am See sind müssen wir Holz suchen und Feuer machen, unsere Gasflasche ist gestern leer gegangen.«
»Was?« Ich hatte ihn zwar verstanden, wollte aber nicht wahrhaben, was er gesagt hatte.
»Wir müssen Feuer machen, unsere Gasflasche ist leer.« Er blieb stehen und blickte mich über die Schulter hinweg an.
»Aber ich kann jetzt schon nicht mehr.«
Bei dem Gedanken, nachher noch durch den Wald stolpern und Äste zusammensuchen zu müssen, zog sich mein Magen zusammen. Ich wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Warum nur hatte ich mich auf diesen Trip eingelassen? Warum nur machte ich immer wieder so einen Blödsinn mit, zu dem ich überhaupt keine Lust hatte.
»So ist das eben in der Natur«, meinte Chris altklug. »Man muss sich anpassen, die Dinge nehmen, wie sie sind.«
»Nein, man kann auch einfach vernünftig planen«, schnaubte ich. Ich war wütend.
»Was meinst du?«
»Du hast doch ach so viel Erfahrung, warum kannst du dann nicht einschätzen, wie lange unsere Gasflasche reicht?«
»Warum macht dich das so wütend? Wir sind frei, ungebunden, tun nur, wonach uns der Kopf steht.«
Ich verzog das Gesicht, als ich merkte, dass ich vom Reden jetzt auch noch Seitenstechen bekam. Als ob ich nicht eh schon genug Schmerzen hatte. Ich fühlte mich nicht frei, seit Tagen hier draußen, ohne eine vernünftige Möglichkeit zu duschen, dauernd Essen aus Dosen und nasse Kälte am Morgen. Zugegeben, der Moment, wenn am Morgen die Sonne über den Horizont kroch und die ersten Strahlen die Haut wärmten, war bezaubernd. Aber nach mehreren wenig erholsamen Nächten auf einer Isomatte, konnte ich nun selbst das nicht mehr wirklich schätzen. Ich mochte die Natur. Aber nicht in diesem Ausmaß.
Als Antwort brachte ich nur ein resigniertes Schnauben zustande.
»Du wirst schon noch sehen«, meinte Chris. »Wenn wir nachher gemütlich am warmen Feuer sitzen wirst du mir Recht geben.« Dann drehte er sich um und setzte seinen Weg fort.
Auch ich setzte mich langsam wieder in Bewegung. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Er schien immer noch der Überzeugung zu sein, mich zum Wanderfreak bekehren zu können. Aber ich hatte keine Kraft mehr, zu wiedersprechen.

Ich atmete auf, als vor uns der See in Sicht kam, an dem wir unser Zelt aufstellen wollten. Die Sonne stand schon dicht über den Baumwipfeln, bald würde es dunkel werden. Die letzten Schritte liefen wir bergab, trotzdem taten meine Füße höllisch weh und mir fiel ein Stein vom Herzen, als Chris letztendlich stehen blieb, seinen Rucksack abnahm und meinte: »hier ist eine gute Stelle.«
Auch ich streifte mein Gepäck ab und ließ es ins Gras fallen. »Ganz ehrlich, bei unserem nächsten Urlaub freue ich mich darauf, die Füße hochlegen zu können und immer nur zwischen Appartement, Frühstücksbuffet und Strand hin und her laufen zu müssen.«
»Haha, ja genau«, lachte Chris spöttisch.
»Ähm, was meinst du damit?«
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich in irgend so eine Bettenburg bekommst.«
»Ich rede nicht von Bettenburgen. Ich meine vielleicht eine kleine, abgelegene Pension oder eine gemütliche Anlage mit separaten Ferienwohnungen.«
»Ja, träum weiter.«
Ich runzelte dir Stirn. »Als wir das letzte Mal darüber geredet haben, hatte ich noch das Gefühl, dass du das auch mitmachen würdest.«
Er zuckte mit den Schultern und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. »Ich war mir sicher, dass dir das nach einem Urlaub wie diesem auch zu langweilig erscheint.«
»Ist das dein Ernst?« Ich konnte es nicht glauben.
»Mich bekommst du jedenfalls nicht in so eine Anlage für neureiche Schnösel.«
Ich wollte etwas erwidern, doch ich war sprachlos.
»Hier, lauf runter zum See und hol Wasser. Ich sammle so lange Holz.«
Er schien meinen Ärger gar nicht zu bemerkten und streckte mir zwei große Thermoskannen entgegen. Wütend riss ich sie ihm aus den Händen und stapfte hinunter zum Ufer. Erst langsam begriff ich, was er mir da eben gesagt hatte. Ich hatte mich für ihn tagelang durch die Wildnis geschleppt, ab dem zweiten Tag mit einem nicht enden wollenden Muskelkater und mit schmerzhaften Blasen an den Füßen. Ich hatte mir Campingausrüstung gekauft, die ich selbstverständlich selber gezahlt hatte, zusammen mit teurer Thermo- und Outdoorkleidung und er erzählte mir, dass er sich zu fein war, mich im Gegenzug in ein gemütliches Hotel zu begleiten und sich ein paar Tage lang zu entspannen?
Erschöpft und verzweifelt ließ ich mich am Seeufer auf die Knie fallen, öffnete eine der Kannen und beugte mich nach vorne, um Wasser zu schöpfen. Die Oberfläche des Sees lag ruhig da, kaum eine Welle kräuselte das Wasser. Ich hielt inne, als ich mein Spiegelbild sah. Wilde, trotzige Augen blickten mir entgegen. Mein Gesicht wirkte härter als sonst. Statt dem dezenten Make-up, das meine Haut rein und glatt erscheinen ließ, hatte ich eine Spur von Dreck unter dem linken Auge, die ein wenig aussah, wie eine einseitige Kriegsbemalung. Meine Haare, die ich normalerweise geglättet trug, standen in wilden Locken von meinem Kopf ab. Der Anblick war ungewohnt, aber er gefiel mir. Die Frau, die mir dort entgegenblickte war unabhängig, wusste, wer sie war, und stand für sich ein. Warum nur ließ sie sich immer wieder so behandeln? Ich schloss die Augen und spürte, wie mir vor Wut eine Träne über die Wange lief.
Damit war jetzt Schluss. Ich öffnete die Augen wieder und betrachtete mich in der Spiegelung. Die Träne hatte eine Spur in der Dreckschicht hinterlassen. Das wars mit Campingurlaub, um einem Kerl zu gefallen. Oder dem Gegenteil bei meinem Exfreund damals: Keine wöchentlichen Opernbesuche und Geschäftsessen mehr, bei denen ich brav lächeln daneben sitzen und mich angemessen zurückhalten musste. Aus und vorbei.
Nach dieser Nacht würde ich gleich morgen früh meine Sachen packen und mich auf den Rückweg machen. Gegen Mittag hatten wir heute aus der Entfernung ein kleines Dorf passiert. Den Weg würde ich mit Sicherheit finden und von dort aus eine Möglichkeit, in die nächste Stadt zu kommen.
Ich füllte die zwei Thermoskannen, warf dann noch einen letzten Blick auf mein Spiegelbild im Wasser, wischte die Spuren der Tränen weg, stand auf und machte mich entschlossen auf den Weg zurück zu unserem Nachtlager.

Gastbeitrag

Im Spiegel

Er sieht in den Spiegel. Doch was er sieht, ist nicht, was er erwartet hatte. Der Mensch, der ihn aus dem Spiegel ansieht, ist jemand ganz anderes.

Ihm wird klar, dass die Realität von dem, was er meint zu sein, meilenweit entfernt ist von dem, was er ist. Er selbst sieht sich als treuen und loyalen Menschen, wie der, der er früher immer war. Nett, ein wenig schüchtern und eher zurückhaltend. Um die Aufmerksamkeit und Liebe anderer Menschen ständig bemüht.

Sein Spiegelbild sieht ihn als vom Leben Gezeichneten und sich in kurzer Zeit sehr veränderten Menschen. Als Egoist und mit den Gefühlen anderer Menschen spielend. Doch diese Spiele enden meist immer in Schmerz.

Das Zwiegespräch mit dem Spiegelbild bringt ein wenig Klarheit in seine Gedanken und Struktur in seine Welt. Es wirft Fragen auf. Fragen wie „was bin ich wirklich“ und „will ich das, was ich da sehe wirklich sein“.

Der Spiegel zeigt uns nicht nur, wie wir aussehen, sondern auch, wer wir sind. Wir müssen genau hinsehen und wir sehen unsere Seele. Und dann müssen wir uns die Frage stellen: wollen wir das sein, was wir sehen?

Diesen Monat waren dabei:

Das Thema für den 01.05.2019 ist: Der Clown

5 Gedanken zu „Schreibkick #65: Im Spiegel

  1. Pingback: Schreibkicks – Im Spiegel lauert die Gefahr – Geschichtszauberei

  2. Christine Rieger

    Ja, manchmal wirkt ein Blick in den Spiegel Wunder – man sieht etwas, das man eigentlich nicht sehen wollte, nämlich – seine Seele! Gut so, dass die Protagonistin erkannt hat, dass das Leben nicht daraus besteht, einem Mann zu gefallen, sondern sie selbst zu sein!

    Und zu dem Gastbeitrag: Nicht umsonst sieht man sich im Spiegel „seitenverkehrt“ und entdeckt dabei, dass man eigentlich NICHT so ist wie man gegalubt hat …

    Antworten
  3. Nicole

    Liebe Sabi,
    ich war richtig erleichtert, dass Deine Prota den „Dreh“ gefunden hat – Spiegelbild sei dank! Ja, manchmal – oft??? – tut man Dinge die man gar nicht möchte und zeigt sich soweit Kompromissbereit, dass man sich nur noch selbst verbiegt. Und der andere bleibt einfach locker so wie er ist… Da kann ein Blick in den Spiegel durchaus helfen. Denn da erkennt man oft so einiges…
    Liebe Grüße
    Nicole – die so ein Outdoor Abenteuer auch nicht braucht!

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