Archiv des Autors: Sabi Lianne

Schreibkick #65: Im Spiegel

Hallo ihr lieben,

es ist wieder Schreibkick-Zeit und ich bin mal pünktlich fertig. Diese Woche gibt es hier aber nicht nur meinen Beitrag zu lesen, sondern auch einen eingesandten Gastbeitrag, dessen Autor aber anonym bleiben möchte. Den Text findet ihr direkt nach meinem.
Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen!

Spiegelung

Meine Oberschenkel brannten höllisch, als ich mich weiter den schmalen Pfad hinauf quälte. Chris lief wenige Meter vor mir.
»Wenn wir am See sind müssen wir Holz suchen und Feuer machen, unsere Gasflasche ist gestern leer gegangen.«
»Was?« Ich hatte ihn zwar verstanden, wollte aber nicht wahrhaben, was er gesagt hatte.
»Wir müssen Feuer machen, unsere Gasflasche ist leer.« Er blieb stehen und blickte mich über die Schulter hinweg an.
»Aber ich kann jetzt schon nicht mehr.«
Bei dem Gedanken, nachher noch durch den Wald stolpern und Äste zusammensuchen zu müssen, zog sich mein Magen zusammen. Ich wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Warum nur hatte ich mich auf diesen Trip eingelassen? Warum nur machte ich immer wieder so einen Blödsinn mit, zu dem ich überhaupt keine Lust hatte.
»So ist das eben in der Natur«, meinte Chris altklug. »Man muss sich anpassen, die Dinge nehmen, wie sie sind.«
»Nein, man kann auch einfach vernünftig planen«, schnaubte ich. Ich war wütend.
»Was meinst du?«
»Du hast doch ach so viel Erfahrung, warum kannst du dann nicht einschätzen, wie lange unsere Gasflasche reicht?«
»Warum macht dich das so wütend? Wir sind frei, ungebunden, tun nur, wonach uns der Kopf steht.«
Ich verzog das Gesicht, als ich merkte, dass ich vom Reden jetzt auch noch Seitenstechen bekam. Als ob ich nicht eh schon genug Schmerzen hatte. Ich fühlte mich nicht frei, seit Tagen hier draußen, ohne eine vernünftige Möglichkeit zu duschen, dauernd Essen aus Dosen und nasse Kälte am Morgen. Zugegeben, der Moment, wenn am Morgen die Sonne über den Horizont kroch und die ersten Strahlen die Haut wärmten, war bezaubernd. Aber nach mehreren wenig erholsamen Nächten auf einer Isomatte, konnte ich nun selbst das nicht mehr wirklich schätzen. Ich mochte die Natur. Aber nicht in diesem Ausmaß.
Als Antwort brachte ich nur ein resigniertes Schnauben zustande.
»Du wirst schon noch sehen«, meinte Chris. »Wenn wir nachher gemütlich am warmen Feuer sitzen wirst du mir Recht geben.« Dann drehte er sich um und setzte seinen Weg fort.
Auch ich setzte mich langsam wieder in Bewegung. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Er schien immer noch der Überzeugung zu sein, mich zum Wanderfreak bekehren zu können. Aber ich hatte keine Kraft mehr, zu wiedersprechen.

Ich atmete auf, als vor uns der See in Sicht kam, an dem wir unser Zelt aufstellen wollten. Die Sonne stand schon dicht über den Baumwipfeln, bald würde es dunkel werden. Die letzten Schritte liefen wir bergab, trotzdem taten meine Füße höllisch weh und mir fiel ein Stein vom Herzen, als Chris letztendlich stehen blieb, seinen Rucksack abnahm und meinte: »hier ist eine gute Stelle.«
Auch ich streifte mein Gepäck ab und ließ es ins Gras fallen. »Ganz ehrlich, bei unserem nächsten Urlaub freue ich mich darauf, die Füße hochlegen zu können und immer nur zwischen Appartement, Frühstücksbuffet und Strand hin und her laufen zu müssen.«
»Haha, ja genau«, lachte Chris spöttisch.
»Ähm, was meinst du damit?«
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich in irgend so eine Bettenburg bekommst.«
»Ich rede nicht von Bettenburgen. Ich meine vielleicht eine kleine, abgelegene Pension oder eine gemütliche Anlage mit separaten Ferienwohnungen.«
»Ja, träum weiter.«
Ich runzelte dir Stirn. »Als wir das letzte Mal darüber geredet haben, hatte ich noch das Gefühl, dass du das auch mitmachen würdest.«
Er zuckte mit den Schultern und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. »Ich war mir sicher, dass dir das nach einem Urlaub wie diesem auch zu langweilig erscheint.«
»Ist das dein Ernst?« Ich konnte es nicht glauben.
»Mich bekommst du jedenfalls nicht in so eine Anlage für neureiche Schnösel.«
Ich wollte etwas erwidern, doch ich war sprachlos.
»Hier, lauf runter zum See und hol Wasser. Ich sammle so lange Holz.«
Er schien meinen Ärger gar nicht zu bemerkten und streckte mir zwei große Thermoskannen entgegen. Wütend riss ich sie ihm aus den Händen und stapfte hinunter zum Ufer. Erst langsam begriff ich, was er mir da eben gesagt hatte. Ich hatte mich für ihn tagelang durch die Wildnis geschleppt, ab dem zweiten Tag mit einem nicht enden wollenden Muskelkater und mit schmerzhaften Blasen an den Füßen. Ich hatte mir Campingausrüstung gekauft, die ich selbstverständlich selber gezahlt hatte, zusammen mit teurer Thermo- und Outdoorkleidung und er erzählte mir, dass er sich zu fein war, mich im Gegenzug in ein gemütliches Hotel zu begleiten und sich ein paar Tage lang zu entspannen?
Erschöpft und verzweifelt ließ ich mich am Seeufer auf die Knie fallen, öffnete eine der Kannen und beugte mich nach vorne, um Wasser zu schöpfen. Die Oberfläche des Sees lag ruhig da, kaum eine Welle kräuselte das Wasser. Ich hielt inne, als ich mein Spiegelbild sah. Wilde, trotzige Augen blickten mir entgegen. Mein Gesicht wirkte härter als sonst. Statt dem dezenten Make-up, das meine Haut rein und glatt erscheinen ließ, hatte ich eine Spur von Dreck unter dem linken Auge, die ein wenig aussah, wie eine einseitige Kriegsbemalung. Meine Haare, die ich normalerweise geglättet trug, standen in wilden Locken von meinem Kopf ab. Der Anblick war ungewohnt, aber er gefiel mir. Die Frau, die mir dort entgegenblickte war unabhängig, wusste, wer sie war, und stand für sich ein. Warum nur ließ sie sich immer wieder so behandeln? Ich schloss die Augen und spürte, wie mir vor Wut eine Träne über die Wange lief.
Damit war jetzt Schluss. Ich öffnete die Augen wieder und betrachtete mich in der Spiegelung. Die Träne hatte eine Spur in der Dreckschicht hinterlassen. Das wars mit Campingurlaub, um einem Kerl zu gefallen. Oder dem Gegenteil bei meinem Exfreund damals: Keine wöchentlichen Opernbesuche und Geschäftsessen mehr, bei denen ich brav lächeln daneben sitzen und mich angemessen zurückhalten musste. Aus und vorbei.
Nach dieser Nacht würde ich gleich morgen früh meine Sachen packen und mich auf den Rückweg machen. Gegen Mittag hatten wir heute aus der Entfernung ein kleines Dorf passiert. Den Weg würde ich mit Sicherheit finden und von dort aus eine Möglichkeit, in die nächste Stadt zu kommen.
Ich füllte die zwei Thermoskannen, warf dann noch einen letzten Blick auf mein Spiegelbild im Wasser, wischte die Spuren der Tränen weg, stand auf und machte mich entschlossen auf den Weg zurück zu unserem Nachtlager.

Gastbeitrag

Im Spiegel

Er sieht in den Spiegel. Doch was er sieht, ist nicht, was er erwartet hatte. Der Mensch, der ihn aus dem Spiegel ansieht, ist jemand ganz anderes.

Ihm wird klar, dass die Realität von dem, was er meint zu sein, meilenweit entfernt ist von dem, was er ist. Er selbst sieht sich als treuen und loyalen Menschen, wie der, der er früher immer war. Nett, ein wenig schüchtern und eher zurückhaltend. Um die Aufmerksamkeit und Liebe anderer Menschen ständig bemüht.

Sein Spiegelbild sieht ihn als vom Leben Gezeichneten und sich in kurzer Zeit sehr veränderten Menschen. Als Egoist und mit den Gefühlen anderer Menschen spielend. Doch diese Spiele enden meist immer in Schmerz.

Das Zwiegespräch mit dem Spiegelbild bringt ein wenig Klarheit in seine Gedanken und Struktur in seine Welt. Es wirft Fragen auf. Fragen wie „was bin ich wirklich“ und „will ich das, was ich da sehe wirklich sein“.

Der Spiegel zeigt uns nicht nur, wie wir aussehen, sondern auch, wer wir sind. Wir müssen genau hinsehen und wir sehen unsere Seele. Und dann müssen wir uns die Frage stellen: wollen wir das sein, was wir sehen?

Diesen Monat waren dabei:

Das Thema für den 01.05.2019 ist: Der Clown

Schreibkick #63 (imaginäre Freunde) und #64: Die Welt bei Nacht

Hallo ihr lieben,

besser spät als nie, hier mein Schreibkick zum Thema „Die Welt bei Nacht“:

Im Gegenlicht der Abendsonne, die kurz davor war hinter den Bergen zu versinken, konnte ich seinen Gesichtsausdruck kaum erkennen. Und doch war ich mir sicher, zu wissen, was sich dort in diesem Moment abspielte. Ein bedauernder Blick, die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepresst. Eine Mischung aus Ärger, und Trauer. Genau dasselbe empfand ich in diesem Moment auch und merkte, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
»Es tut mir leid, ich kann das nicht mehr.« Seine Stimme klang hart.
Die Sonne verschwand hinter der Felswand. Nun nicht mehr geblendet, konnte ich für einen Moment sehen, wie sehr ich Recht hatte. Auch er hatte Tränen in den Augen.
Dann drehte ich mich um, und ging. Es gab nichts mehr zu sagen, denn es war bereits alles gesagt worden. Wir beide hatten gewusst, dass es so kommen würde und trotzdem tat es unheimlich weh.

Ich lief durch die kleinen Gassen unseres Dorfes, das immer schneller in der Dunkelheit versank. Hier und da gingen die Lichter hinter Fensterscheiben und Gardinen an, flackernd begannen auch die Laternen zu leuchten. So vertraut und doch surreal. Es war alles wie immer und gleichzeitig ganz anders.
Für mich war alles anders.
Durch ein gekipptes Fenster hörte ich das Zischen einer Pfanne und Geschirrgeklapper. Hier und da sah ich Silhouetten von Menschen am Fenster vorbei huschen. Ich stellte mir vor, dass Familien gemeinsam den Tisch deckten, Paare zusammen den Fernseher einschalteten, eine Schüssel Chips auf den Tisch stellten oder jeder einfach seinen eigenen Interessen nachging, bis sie dann zusammen Zähne putzten und ins Bett gingen. Das Leben hinter diesen Fensterscheiben ging so weiter wie bisher.
Mein Leben hatte sich jedoch eben auf den Kopf gestellt. Mit einem einzigen Satz war alles anders geworden. Meine kleine Welt hielt kurz inne, während sich drumherum alles weiter bewegte, als wäre nichts gewesen. Und wahrscheinlich wusste kaum einer diese Ereignislosigkeit zu schätzen.
Ich spürte, wie sich meine Hände in den Jackentaschen zu Fäusten ballten. Ich hatte es selber nie zu schätzen gewusst. Doch, vielleicht ganz am Anfang.
Aber aus den gemütlichen Abenden vor dem Fernseher und den liebevoll gemeinsam zubereiteten Mahlzeiten war erst Gewohnheit geworden, dann irgendwann Langeweile und Schweigen. Und nun hatten all diese Menschen all das, was ich mal gehabt hatte und ahnten nicht, wie wertvoll das war. Ich fühlte mich plötzlich furchtbar einsam.
Ich erreichte die Straße, in der ich wohnte und an deren Ende der Wald begann. Dort endete die künstliche Beleuchtung und es wurde einfach nur dunkel. Nur die Silhouetten einiger Tannen konnte ich noch erkennen. Es war schon beeindruckend, wie dunkel es in der Nacht werden konnte.
Bevor ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, blickte ich hinauf zum Nachthimmel. Dort strahlten millionen kleiner Punkte um die Wette, doch keiner schaffte es, mit seinem Licht die Erde zu erreichen. Sie waren da und irgendwie auch nicht. Ganz weit weg, manche aus einer anderen Zeit, längst verglüht, umhüllt von der unendlichen, stillen Dunkelheit des Alls. Und ich hier unten, klein und unbedeutend, aber ebenso in der Dunkelheit, wie sie.

Kaum hatte ich meine Wohnung betreten und die Schuhe abgestreift, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Eve.
»Hey, alles klar? Was machst du heute?«
Ein kleines, zartes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und gleichzeitig spürte ich, wie Tränen begannen, über meine Wangen zu laufen. Ich wusste, dass ich ihr gleich mit zittrigen Fingern schreiben würde, wie es mir ging, dass sie sich daraufhin sofort auf den Weg machen würde und in weniger als zehn Minuten mit einem Becher Eis in den Armen vor meiner Tür stehen würde. Und dann würde auch mein Leben irgendwie weiter gehen, erstmal allein, aber irgendwie nicht einsam.

Diesen Monat waren dabei:

Rina

Veronika

Nicole Vergin

Corly

Letzten Monat bei „imaginäre Freunde“ waren dabei:

Nicole Vergin

Das Thema für den 01.04.2019 lautet: Im Spiegel

Frohes neues Jahr/Schreibkick #62: Das Märchen der guten Vorsätze

Hallo ihr lieben,

ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr und hoffe, ihr seid gut rübergerutscht, hattet ein paar schöne Feiertage und nun einen guten Start ins neue Jahr.

Ich hatte sehr schöne, ruhige Feiertage und habe die Zeit genutzt, um endlich mal wieder zu lesen. Ich könnte jetzt schreiben, dass ich wieder zu spät dran bin mit meinem Schreibkick und es einfach nicht geschafft habe … aber das stimmt nicht. Ich hatte zwar eine Idee, die mir auch gefällt und die bereits geplottet ist, habe die Geschichte aber nicht geschrieben, weil ich lieber lesen wollte. Dazu komme ich nämlich in meinem Alltag gerade viel zu selten. Vielleicht hole ich das Schreiben demnächst noch nach. Mal schauen. 🙂

Womit habe ich mir also die Zeit vertrieben (falls das jemanden interessiert)? Selbstverständlich mit Kai Meyer „Das Fleisch der Vielen“, das ich zu Weihnachten bekommen habe <3. Bisher gab es die Geschichte nur in einem Album von ASP zu lesen. Ich mag ASP zwar, aber hauptsächlich zum feiern, so dass ich kaum CDs zuhause habe. Daher freut es mich, dass ich die Geschichte nun endlich auch lesen konnte.
Außerdem mit „My Booky Wook“ von Russell Brand (mein inneres Fangirl glücklich machen), „The Moral Landscape“ von Sam Harris und „Why Buddhism is true“ von Robert Wright (beides Bücher, die ich seit Jahren lesen will und die auch für meinen Brotjob ganz interessant sind). Von Robert Wright gibt es übrigens einen interessanten Kurs auf coursera.org, „Buddhism and modern Psychology“, an dem man auch gratis teilnehmen kann. Darüber bin ich damals auf ihn aufmerksam geworden.
Und dann habe ich noch „Recovery – Freedom from our Addictions“ von Russell Brand gelesen (Fangirl ist glücklich und ich kann es für meinen Brotjob brauchen :D). Es gibt übrigens eine interessante Folge von „Under the Skin“ (dem Podcast von Russell Brand) in der er Sam Harris interviewt. Da schließt sich der Kreis wieder 🙂
Wem das alles jetzt nichts sagt: Macht nix. Das ist der Teil von mir, von dem ich hier sonst nicht so viel schreibe, weil es mit meinem Autorendasein nicht so viel zu tun hat. Ich liebe gute Comedy (darunter fällt auch Russell), beschäftige mich immer wieder mit Meditation und Psychologie. Und ja, in meiner Freizeit lese ich dann solche Bücher und mache coursera Kurse – einfach so, zum Spaß. Ich glaube, schon während meines Studiums habe ich mehr Zeit auf coursera, edx usw. verbracht, als an meiner eigenen Uni 🙂 Jedem, der an ähnlichen Themen interessiert ist, kann ich die oben genannten Bücher gerne weiterempfehlen – alles sehr lesenswert.

Aber kommen wir wieder zum eigentlichen Thema. Ich will euch die Teilnehmer des aktuellen Schreibkicks nicht länger vorenthalten.

Diesen Monat waren dabei:

Rina

Veronika

Nicole Vergin

Das Thema für den 01.02.2019 lautet: Imaginäre Freunde

Schreibkick #61: Die Sache mit dem Rentier

Hallo ihr lieben,

es ist so weit, Weihnachten ist da und somit unser Weihnachts-Schreibkick-Special.
Und es ist bei mir wieder nichts wirklich besinnliches geworden 😀
Ich habe die Idee zwar schon länger, habe mich aber erst gestern so richtig dran gesetzt. Also das hier ist Rohtext, noch nicht überarbeitet und daher noch etwas holprig an einigen Stellen. Aber ich wollte mal wieder pünktlich sein 🙂

Die Sache mit dem Rentier

Manchmal, da steht dieses Rentier im Raum,
zwischen Christbaum und Tafel, Küche und Kamin,
nascht unerlaubt die Plätzchen
und krümelt vor sich hin.

Manchmal, da steht dieses Rentier im Raum,
doch keiner will es sehen.
Es wird umrundet, ignoriert,
kurz gestreift, nur aus Versehen.

Es legt den Kopf auf deine Schulter,
du spürst das Gewicht, lächelst und sagst,
dir tut der Nacken so weh, keine Ahnung warum,
du solltest mal zum Arzt.

Manchmal, da steht dieses Rentier im Raum,
lässt dich über seine Hufe stolpern,
stößt dich mit dem Geweih.
„Hoppla, das war aber ungeschickt, zum Glück gabs keine Sauerei.“

Manchmal, da stubst es drich, tritt und drängt dich ins Eck.
Du nimmst deinen Mut zusammen und sagst ganz verschreckt:
„Seht ihr es nicht auch?
Manchmal, da steht dieses Rentier im Raum.
Ist das hier jetzt so Brauch?
Ich finde das ganz schön unbequem.
Geht es euch so auch?“

Das Retier schnaubt, sieht sich abwartend um.
Die Runde am Tisch wird plötzlich ganz stumm.
„Nein, ein Rentier hab ich nicht gesehn.“
„Ich kann dich gerade auch nicht verstehen.
Das ist nur die Katze, schau, wie sie schnurrt.“

„Na gut, dann habe ich mich wohl geirrt.“

Manchmal, da steht dieses Retier im Raum …

Und damit wünsche ich euch frohe Weihnachten (möglichst ohne Rentier 😉 ), besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Ach ja, wer mich auf Social Media vermisst, ich mache eine kleine Pause bis Anfang nächsten Jahres. Nur auf facebook erwischt ihr mich vielleicht kurz, weil ich da für ein paar Orgasachen immer mal rein schaue (z.B. um alle Teilnehmer am Schriebkick zu verlinken 🙂 )

Alles liebe,
Sabi

Beim Weihnachts-Special waren dabei:

Nicole Vergin

Veronika

Rina P.

Corly

Das Thema für den 01.01.2019 ist: Das Märchen der guten Vorsätze

Veröffentlichung: Luftschlossfundament

Hallo ihr lieben, 

endlich ist es so weit. Die Anthologie „Lusftschlossfundament“, an der meine Schreibgruppe die letzten Monate geschrieben hat, ist erhältlich.

Sie erscheint im Drosselfink Verlag, dessen Bücher von der Verlegerin selbst gestaltet und von Hand gebunden werden. Das Büchlein ist also eine echte, liebevoll gestaltete Besonderheit.

Derzeit ist es erhältlich auf ebay: https://www.ebay.de/itm/Buch-Luftschlossfundament-Kurzgeschichten-6-verschiedene-Autoren-Handarbeit/192759231110

Da jedes einzelne Buch von Hand gebunden wird, kann es sein, dass die Lieferung zwischenzeitlich ein wenig dauert. Je nachdem, wie groß die Nachfrage gerade ist.

Cover <3
… von Hand gebunden …

Das Thema „Luftschlossfundament“ haben wir gemeinsam festgelegt und uns dann ans Schreiben gemacht. Das schöne ist, dass es wirklich viel Interpretationsspielraum lässt. So haben wir in unserem Buch Luftschlossarchitekten, magische Bücher, Luftschlösser in Form von Lügengebäuden und vieles, vieles mehr. 


Worauf bauen Sie ihr Luftschloss auf?
Auf unbewussten Hoffnungen und Wolken? Auf geschickten Lügen und gestorbenen Träumen? Oder auf soliden Erfahrungen?

Was ist das überhaupt ein Luftschloss? 
Ein unerreichbares Ziel? Eine Vision, ein Gedanke, ein Traum? Ein digitales Objekt in der Virtual Reality oder doch eher ein mystisches Traumschloss?

Sechs Autoren und Autorinnen, sechs Antworten:
Jede der Kurzgeschichten macht sich auf ganz eigene Weise auf die Suche nach dem Luftschlossfundament: Fantastisch, mystisch, futuristisch, in fernen Welten oder im eigenen Unterbewusstsein.

Enthaltenen Kurzgeschichten:

  • Der Traum der Muse von Francesca Caratti
  • Hafenlichter von Sarah Filkorn
  • Mystische Architektur von Topaz Hauyn
  • Erinnerung von Sabi Lianne
  • Lunus von Zora Marĉinko
  • Wunschdenken von Arne Recknagel

In meiner eigenen Geschichte „Erinnerung“ geht es um eine fantastische Reise ins Unbewusste, um ein traumatisches Ereignis zu bergen. Mehr will ich hier noch garnicht verraten.

Wie ich zu meiner Geschichte gekommen bin …

Nach meinem ersten Brainstorming war mir ziemlich schnell klar, dass ich gerne irgendwas mit „Unterbewusstsein“ machen will … das Unterbewusstsein als Fundament für die Persönlichkeit, für Kreativität, das aber auch wandelbar ist, umgebaut werden kann. Der Schritt weg von Kreativität zu einem traumatischen Ereignis kam dann, als ich gemeinsam mit einer meiner Schreibkolleginnen die Persönlichkeit meiner Protaginistin mit Tarotkarten gelegt habe. Die Idee hat mich nichtmehr losgelassen und gleichzeitig war es der Text, mit dem ich bisher am meisten zu kämpfen hatte. Der Text sollte fantastisch sein, unterhaltsam, auch lustig, aber gleichzeitig das eigentliche Thema „Trauma“ ernst nehmen – ohne allzu bedrückend zu werden. Noch nie habe ich so viele Versionen einer Geschichte geschrieben. Mit dem Endergebnis bin ich, dank der vielen tollen Rückmeldungen, dafür nun unglaublich zufrieden.

Vor jeder Geschichte gibt es ein individuell getaltetes Zwischenblatt 🙂

Ich wünsche euch viel Spaß mit dem Büchlein 🙂

Alles liebe, 
Sabi

Schreibkick #60: Zeitkapsel

Hallo ihr lieben, 

ich bin wieder spät dran 🙂

Der November ist bei mir grundsätzlich ziemlich stressig, aber dieses Jahr kam irgendwie alles zusammen. Eine Idee für den Schreibkick hatte ich schon sehr früh, doch dann wurde ich von einem hartnäckigen Plotbunny verfolgt. 
Zunächst hatte ich eine schöne Familiengeschichte im Kopf, bei der eine junge Frau eine Zeitkapsel ausgräbt, die sie als Kind vergraben hat und dann mit einigen Erinneurungen beschäftigt ist. Doch die Idee war mir vom Konzept her zu nah an einem anderen Text dran, den ich dieses Jahr schon geschrieben habe (der demnächst übrigens in einer Anthologie erscheint), so dass ich darauf eigentlich nicht wirklich Lust hatte (auch wenn mir die Idee gefällt) und über den ersten Vorschlag des Plotbunnys ganz froh war: Eine Zeitreisegeschichte über eine Zeitmaschine in einer Toilettenkabine am Flughafen Heathrow (ja, die Idee kam mir, als in Heathrow auf dem Klo saß und das Licht flackerte). Der Anfang war schon geschrieben, als ich letztes Wochenende den Prototypen eines Brettspiels von einem Freund testen durfte, in dem es unter anderem um die Folgen des Klimawandels geht. 
Das wiederum ließ erneut mein Plotbunny auf den Plan treten, das der Meinung war, ich müsste doch endlich mal diese Geschichte fertig machen, die ich für einen Schreibwettbewerb im Genre Climate Fiction schonmal geplant hatte – und obwohl ich eh schon zu spät dran war, schmiss ich meine Pläne nochmal um. 

Hier jetzt also das Ergebnis eines langen Kampfes mit einem hartnäckigen Plotbunny. 

Life 2.0

Mit einem tiefen Atemzug sauge ich Luft in meine Lungen und muss husten. Es fühlt sich an, als hätte ich jede Menge Wasser geschluckt. Ich bekomme Panik. Was ist passiert? Bilder eines Krankenhauses blitzen in meinem Bewusstsein auf. Schläuche, Nadeln, piepende Monitore. Mir wird etwas auf die Nase und den Mund gedrückt. Ich kann meine Augen nicht öffnen.
»Ganz ruhig. Atmen.« Eine weibliche Stimme.
Ich versuche, die Luft tief in meine Lungen zu saugen, ohne erneut zu husten. Es geht.
Wird immer leichter.
Muss nicht mehr husten.
Mein Körper wird ruhiger.
Bekomme Kontrolle zurück.
Eine neue Erinnerung. Eine Frau beugt sich über mich. »Wir wünschen ihnen eine gute Reise mit Life2.0.« Dann Dunkelheit.
Die letzten Worte, die ich gehört habe. Gestern. Wirklich gestern?
Mühsam öffne ich die Augen. Krankenhaus. Eine Pflegerin, hellgrüne Kleidung, zusammengebundene Haare, über mich gebeugt. Reise? Bin ich abgestürzt? Wo wollte ich hin?
»Ich hoffe, sie hatten eine gute Reise mit Life2.0 Willkommen im Jahr 2617«
Life2.0? Langsam sickern die gesagten Worte in mein Gedächtnis. Kryonik. 500 Jahre Schlaf. Es hat funktioniert. 500 Jahre in gefrorenem Stickstoff, mit Frostschutzmitteln statt Blut in meinem Körper – vereinfacht gesagt. Mit einem Schlag wird mir kalt. Eine Decke wird über mich geworfen.
»In wenigen Stunden sind sie wieder vollkommen fit.« Sie lächelt mir zu und streicht mir über die Stirn.
»Ruhen sie sich aus.«
Dann verschwindet sie aus meinem Blickfeld. Kurz danach verfalle ich wieder in einen tiefen Schlaf.

Ich erwache erneut. Mein Blick fällt auf einen Nachttisch mit einer Uhr. Es ist 8:00 Uhr. Ob morgens oder abends kann ich nicht sagen. Durch das Fenster sehe ich nur Himmel und blassorange eingefärbte Wolken. Ich weiß nicht, wo ich bin. War das noch Philadelphia, wo ich mich hatte einfrieren lassen? Eine Welle der Euphorie durchfährt mich. Es hat geklappt. Ich setze mich auf und betrachtete meine Hände. Sie sind glatt. Weniger faltig, als gestern, Nein. Weniger faltig als vor 500 Jahren, korrigiere ich mich. Die Technologie hatte sich also entsprechend weiterentwickelt.
Die Tür geht auf und eine Schwester kommt herein. Ich bin mir nicht sicher, ob es dieselbe ist, die mich bereits vorhin begrüßt hatte, als ich aus meinem Jahrhunderte langen Schlaf erwacht war.
»Guten Morgen Mrs. Mason. Mein Name ist Mary.«
Mary. Auch 500 Jahre später noch hatte sich dieser Name wohl gehalten.
»Guten Morgen.«
»Ich wollte ihnen mitteilen, dass ihre Wünsche den Vertragsbedingungen entsprechend umgesetzt wurden. An ihrer Haut haben sie vermutlich bereits gesehen, dass wir in dem Bereich der Telomertherapie beachtliche Fortschritte gemacht haben. Auch ihr Haarwuchs dürfte sich in den kommenden Monaten verbessern, so dass sich ihr Aussehen ihrem biologischen Alter von ca. 35 Jahren anpassen wird. Sobald sie sich erholt haben, nehmen sie an unserem Startfuture-Programm teil. Wir vermitteln ihnen eine neue Wohnmöglichkeit und sie werden eine Schulung über unser aktuelles politisches System, gesellschaftliche Gepflogenheiten, Sprache und Kultur erhalten.«
Die letzten Worte dringen nur noch am Rande bis zu meinem Verstand vor. 35. Ich hatte 41 Jahre meines Lebens wieder gutgemacht. Eine neue Chance. Viel Zeit, um mir den Traum, die Zukunft mitzuerleben, zu erfüllen. Wie alt wurden die Menschen heutzutage? Ich schüttele den Kopf und versuche, mich wieder auf die Worte der Krankenschwester zu konzentrieren.
»Die Firma, mit der sie den Vertrag ursprünglich abgeschlossen haben, ›Beginning‹, wurde inzwischen aufgelöst. Ihre Verträge wurden zwischenzeitlich zwei Mal an andere Träger überschrieben. Wir freuen uns aber, ihnen mitteilen zu können, dass die Leistungen jedoch dieselben geblieben sind.«


Heute ist es so weit, ich darf die Station verlassen. Zwei Nächte hatte ich noch im Krankenhaus verbracht. Verschiedene Ärzte hatten mich durchgecheckt und eine Physiotherapeutin hatte meinen Körper wieder halbwegs in Schwung gebracht. So ganz war es bei meinem Körper noch nicht angekommen, dass ich wieder 35 war. Die Muskelmasse fehlte. Sollte sich aber schnell wieder regenerieren. Schneller als mit 76 Jahren. Ich hatte die Zeit nur in meinem Zimmer verbracht, aber dank meines vollen ›Stundenplanes‹ war die Zeit nur so verflogen. Während dieser Zeit war mir klar geworden, dass sich in den 500 meines Schlafes Jahren so einiges verändert hatte. Auch die Sprache. Das »echte« englisch dieser Zeit war härter als meines und das, in dem die Schwestern mit mir sprachen. Mary hatte mir berichtet, dass alle Mitarbeiter bei Life2.0 einen Kurs machen mussten, um sich mit den »aufgetauten« Patienten unterhalten zu können.
Aufgeregt blicke ich auf die Uhr. Um 3 Uhr würde Mary mich abholen. Noch 5 min. Wenigstens hatte sich daran nichts geändert. Der Tag besaß nach wie vor 24 Stunden.

Endlich geht die Tür auf und Mary kommt herein. »Kommen sie. Ich bringe sie nun zu ihrer persönlichen Zukunftsbegleiterin.« Freudig rutsche ich von meinem Bett runter und folge ihr in den Gang. Der Flur ist weiß gestrichen, bunte Bilder hängen an den Wänden, die verzweifelt versuchen, etwas Wohnlichkeit in die sterile Umgebung zu bringen. Wir biegen um eine Ecke und am Ende des Ganges sehe ich eine große Panoramascheibe. Was ich dort sehe, verschlägt mir den Atem. Wie in Trance trete ich näher an die Scheibe heran und betrachte die Welt, die vor mir liegt. Genau so hatte ich mir die Zukunft erträumt. Wir befinden uns im – vielleicht – fünfzigsten Stock eines Hochhauses, das von anderen Hochhäusern umgeben ist. Flugkapseln surren draußen auf unserer Höhe in festgelegten Flugbahnen vorbei, aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Die Häuser sind jedoch keine sich in der Sonne spiegelnden Glasbauten mit klaren Fassaden. Jedes Gebäude ist zu großen Teilen begrünt. Die Pflanzen kenne ich auf den ersten Blick nicht. Aber mir ist klar, dass hier einige der Konzepte, an denen ich damals unter wichtig klingenden Namen wie ›future cities‹, ›green urbanism‹ usw. mitgearbeitet hatte, umgesetzt wurden. Natürlich nicht exakt die Konzepte meines Teams, aber das hier war die Zukunft, von der wir geträumt hatten und für die wir die ersten Grundsteine gelegt hatten.
»Faszinierend oder?«, reißt Mary mich aus meinen Gedanken.
»Unglaublich.«
»Die Fassaden sind mit Solarbeton beschichtet. Die Hochhäuser produzieren ihren eigenen Strom. Flächendeckend, neben ein paar Wind- und Wasserturbinen.«
Solarbeton – das Konzept war zu meiner Zeit schon bekannt gewesen, aber noch nicht effektiv genug um es in großem Maße einzusetzen.
Zwischen einigen Hochhäusern sehe ich, wie sich ein Fluss den Weg durch das begrünte Erdreich schlängelt. Straßen gibt es keine, nur Fußwege. Autos, Züge und Busse scheint es keine mehr zu geben. Die Hochhäuser haben Landeplattformen auf verschiedenen Ebenen. Ganze Parkanlagen schmiegen sich terrassenförmig an die Fassaden. Was früher ein Stadtbezirk war, scheint hier auf mehreren Stockwerken eines Hochhauses abgebildet.
Das hier war wunderbar. Als ich mich in das Kryonikcenter von »Beginning« begeben hatte, hatte die Erde mit massiven Folgen des Klimawandels zu kämpfen gehabt. Zerstörte Städte, Klimaflüchtlinge, Dürren, Überschwemmungen. Davon war hier nichts mehr zu sehen.
Ein Kribbeln durchfährt mich. Ich kann es kaum erwarten, den Rest der Welt zu entdecken. Wenn das hier möglich war, welche Wunder mochten im letzten halben Jahrhundert dann noch entstanden sein?
»Wir sollten langsam weiter«, erinnert Mary mich an den anstehenden Termin.
»Okay.« Links von uns befinden sich mehrere Aufzüge. Mary hatte den an der Außenfassade gelegenen bereits gerufen, während ich die Umgebung betrachtet hatte. Als sie meinen fragenden Blick auffängt, lächelte sie. »So geht es am Anfang hier jedem.«
Wir steigen in den Aufzug. Nun wird mir klar, warum sie diesen gewählt hat. Er hat eine gläserne Außenwand, so dass ich für ein paar weitere Sekunden meine Umgebung bestaunen kann.
Einige Stockwerke weiter unten steigen wir aus. Die Räume hier erinnern eher an einen Bürokomplex. Sanfte Brauntöne an der Wand, goldene Verzierungen, Landschaftsbilder. Eine warme, dennoch sachliche Atmosphäre. Nach ein paar Metern bleibt Schwester Mary stehen und klopft an eine Tür. ›Tuvarie Calae‹ steht auf dem Schild, das daneben hängt.
»Herein«, meldet sich eine Stimme von drinnen.
Mary öffnet die Tür und lässt mich rein. Eine junge Frau, vielleicht Mitte 20 erhebt sich hinter ihrem Schreibtisch.
Mary streckt mir die Hand entgegen. »Ich wünsche ihnen alles Gute in ihrer Zukunft.«
»Danke«, antwortete ich.
Als Mary die Tür hinter sich geschlossen hat, gehe ich auf die blonde Frau hinter dem Schreibtisch zu.
»Calae«, begrüßt sie mich und reicht mir ebenfalls die Hand.
»Sie sind Emily Mason?«, fragt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
»Ja«, antworte ich.
Sie weist auf einen der Stühle, der auf meiner Seite des Schreibtisches steht und wir setzten uns.
»Also gut. Sie haben bei unserem Vorgänger das volle Paket gebucht. Wohnortberatung, -organisation, Transfer und den Einführungs- sowie Aufbaukurs, richtig?« Ihr breites Lächeln weicht nun sachlicher Freundlichkeit. Sie ist mir sympathisch.
»Ja.«
»Gut. Ihr aktueller Kontostand beträgt 125.983$. Zuzüglich einer Wohnung im Wert von bis zu 100.000$. Damit werden sie einige Zeit gut über die Runden kommen, bis sie sich für einen aktuellen Beruf ausreichend requalifiziert haben. Es hat sich doch ein bisschen was verändert.«
»Okay.« Ich bin etwas überfordert mit so vielen Informationen. Es fühlt sich an, als hätte ich die Verträge gestern erst unterschrieben und trotzdem habe ich das Gefühl, in meinem Kopf lange nach den Informationen suchen zu müssen. Als wäre zwischenzeitlich jemand in mein Gehirn eingedrungen und hätte alles umsortiert.
»Sie hatten auf ihrem Fragebogen angegeben, dass sie mitteleuropäisches bis subtropisches Klima bevorzugen?«
Ich nicke.
»Da können wir ihnen die Westküste von Kanada empfehlen.«
Fragend sese ich sie an. »Westküste von Kanada?«
Sie dreht ihren Schreibtischstuhl leicht zur Seite und weist mit der linken Hand auf eine Karte, die hinter ihr an der Wand hängt.
»Ja. Die Klimazonen haben sich etwas verschoben.«
Ich blicke die Karte an. Etwas? Mein Herz beginnt zu rasen. Ich folgte ihrem Blick zur Karte. Auf den ersten Blick sieht alles aus, wie ich es kenne. Doch dann fällt mir auf, dass einige Bereiche der Kontinente wie abgeschnitten erschienen.
»Wir haben leider einige Metropolen und Landstriche verloren, dafür aber andere, sehr lebenswerte Regionen hinzugewonnen.« Sie sagt das, als hätten sie eine Sorte Milch im Supermarkt aus dem Sortiment genommen. Ich versuche, meinen Ärger zu verbergen. Sie konnte schließlich nichts dafür. Sie kennt die Welt nicht anders. Das hier ist ihre Realität. Ich bin es, die momentan noch in der Vergangenheit lebt. Egal. Mit den Klimafolgen konnte ich mich später beschäftigen. Wissenschaftlich.
»Aha. Und … wie war das jetzt mit Kanada?«
»Nun, eigentlich heißt die Region nicht mehr Kanada. Ich kann ihnen die Küstenstadt Portland empfehlen. Die Zone zu der sie gehört ist die A-Zone – ein Zusammenschluss von dem was sie al Nord- und Südamerika, Kanada und Grönland kennen. Portland ist mit der Kapsel nur wenige Flugminuten vom Meer entfernt. Sie tippt etwas in den riesigen Bildschirm, der in die Schreibtischoberfläche eingelassen ist.
Bisher dachte ich, er sei aus, denn ich konnte nichts erkennen. Mit einer kleinen Wischbewegung ihrerseits klärt das Bild für mich jedoch auf – es scheint vorher irgendwie verspiegelt gewesen zu sein, so dass die Informationen von meinem Blickwinkel aus nicht erkennbar waren. Die Karte eines Landstrichs erscheint.
»Portland als Universitätsstadt ist spezialisiert auf ›Urban Oxigen- and Energyarchitecture‹ und hat ein Qualifikationsprogramm für neu Erwachte, die in ähnlichen Gebieten früher tätig waren.«
Ich habe keine Idee, was es mit diesem Studienfach auf sich hat. Doch es klingt zumindest nach einer Fortsetzung dessen, was ich früher gemacht habe, also schonmal interessant.
»Das klingt gut. Gibt es Alternativen?«
»Laut Algorhythmus keine so treffenden. Von der Qualifikationsfähigkeit her würde Mumbai noch passen. Wenn sie sich vorstellen können, in einer Stadt mitten im Meer, die durch Dämme geschützt ist, zu leben. Es hat seinen Reiz. Aber der permanente Aufenthalt in Gebäuden ist nichts für jeden.«
Ich schüttle den Kopf. »Dauerhafter Aufenthalt in Räumen?«
»Das Wetter dort ist enorm unbeständig. Stürme, Regen, Hagel, extrem heiße Perioden. Fast immer ist irgendwas, das den Aufenhalt außerhalb der Gebäude sehr unangenehm macht. Außerdem ist die Stadt komplett von Wasser umgeben. Dafür ist es innen umso wohnlicher und lebenswerter.« Sie tippt ein paar Befehle in den Bildschirm und schon erscheinen Bilder von einem riesigen Einkaufszentrum. Nein. Einem Hotel. Einem Mix aus Hotel, Einkauf-, und Erlebniszentrum. Parks unter Kuppeln, gläserne Tunnel, hunderte Meter hohe Glasdecken, glückliche Menschen vor überdimensionalen Panoramafenstern, durch die sie über einen Damm hinweg auf die ewige Weite des Meeres blicken.
»Von der Klimazone her – aber ohne entsprechende Qualifikationsmöglichkeiten – käme auch Prag, die Hauptstadt der B-Zone in Betracht.«
»Tschechien?« Subtropisches Klima in Mitteleuropa?
»Ja. Moment. Ja, genau, Tschechien.«
Das war zwar nicht meine Frage gewesen, aber ich lasse es unkommentiert.
»Okay. Ich glaube, dann wird es wohl Portland werden.«
»Eine ausgezeichnete Wahl.«
Schnell tippt sie wieder etwas auf dem Bildschirm.
Sie zeigt mir verschiedene Wohnungen zu unterschiedlichen Preisen. Alle in meinem Budget. Ich entscheide mich für eine etwas teurere zwei Zimmer Wohnung (zwei recht kleine Zimmer), dafür zentral und in der Nähe der Universität. Denn wenn ich das richtig verstanden hatte, würde ich demnächst wieder studieren. Den Flyer für einen Infoabend hielt ich bereits in der Hand. Dann überreicht sie mir ein kleines Smartphone.
»Hier sind ihre Personendokumente.« Sie wischt zwei Mal über das Display. »Das, was früher ihr Ausweis war. Das Personal Memo hat noch viele andere Funktionen. In dieser Broschüre finden sie alles Nötige. Sie händigt mir ein kleines Büchlein aus. Das können sie aber in ihrer Wohnung in Ruhe durchlesen. Wichtig für den Transfer ist nur diese Dokumentenfunktion, die im Moment als Einzige auf ihrem Startdisplay abgelegt ist.«
Ich nicke. Die Hälfte der Informationen hatte ich vermutlich bereits wieder vergessen. Das war alles ein bisschen viel für einen Tag.
»Okay.«
»Ich bringe sie zu ihrer Kapsel.« Sie tritt um den Schreibtisch herum.
»Brauche ich nicht … irgendwie Tickets?«
»Sind in ihren Personendokumenten hinterlegt, wie ich es ihnen eben gezeigt habe.«
»Ahja.« Mir wird mulmig zumute.
Ich befinde mich in einer neuen Zeit, in der die Menschen zwar Englisch sprechen, aber in einer Version, die ich noch nicht verstehe, in einer Welt, deren Regeln und Geographie ich noch nicht kenne und bin auf dem Stand der Technik von vor 500 Jahren. Ein echtes Fossil. Gleichzeitig bin ich wieder junge 35 Jahre alt.
Ich reibe mir über die Augen. Langsam wird es etwas viel.
Mrs Calae lächelt mich an und legt eine Hand auf meinen Unterarm. »Wenn sie nachher in der Langstreckenkapsel sind, können sie sich etwas ausruhen.«
»Okay, danke.«
»Kommen sie.«
Ich folge ihr auf den Gang. Wir fahren mit dem Aufzug, diesmal einem ganz normalen ohne Fensterscheibe, wieder einige Stockwerke nach oben. Dort angekommen führt sie mich auf eine Plattform. Mehrere Flugkapseln stehen bereit. Sie öffnet eine davon. »Okay, sie können einsteigen.«
Fragend sehe ich sie an. »Fliege ich alleine?« Mir wird ganz anders. Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass das alles ein Fehler war. Ich versuche, mich zu beruhigen, und atmete tief durch.
»Nur ein kleines Stück«, sagt Mrs Calae. »Öffnen sie ihren PM.«
»Hm?« Fragend sehe ich sie an.
»Das Personal Memo.«
Achso. Ich komme mir idiotisch vor. Smartphones mit Apps hatte es zu meiner Zeit schon gegeben. Dieses Ding hier wird wohl kaum schwieriger zu bedinen sein. Ich wische über den Bildschirm, wie früher über das Dislplay meines Spartphones.
»Genau«, bestätigt Mrs Calae mich. »Jetzt auf ›aktuelle Reise‹«.
Ich klicke. Ein buntes, psychedelisches Muster erscheint.
»Einfach hier an die Oberfläche halten.« Sie zeigte auf eine Stelle des Ablagebrettes vor mir, die durch ein rechteckiges Symbol gekennzeichnet ist.
Es piepst. »Philadelphia Long Distance Terminal«, sagt eine freundliche Computerstimme. »Schließen sie die Türen.«
Mrs Calae lächelt wieder ihr breites Lächeln. »Am LDT wird sie eine Mitarbeiterin von uns abholen und sie bis in ihre neue Wohnung begleiten. Alles gute für ihre Zukunft!« Mit den Worten schließt sie die Tür.
Die Kapsel gibt zweimal einen summenden Ton von sich, dann hebt sie, beinahe nicht spürbar, ab.
Ich fühle mich alles andere als sicher, alleine in diesem Ding. Aber es ist ja nicht für lang. Nur kurz. Ich spüre, wie sich meine Hände vor Aufregung in den Sitz krallen. Ich hasse es, keine Kontrolle zu haben.
»Nur eine kurze Strecke«, murmle ich vor mich hin.
Ich schließe die Augen.


Zu zweit fühle ich mich in diesen Flugkapseln gleich wohler. Am Long Distance Terminal – das in etwa eine Bushaltestelle für Flugkapseln ist, an der man von regionalen auf Fernkapseln umsteigt – hatte mich, eine junge Frau abgeholt und zu einer größeren Flugkapsel gebracht.
Sie hatte sich als Mrs Yiyen vorgestellt. Wir steigen senkrecht in die Höhe und nun traue ich mich, die Umgebung genauer zu betrachten, anstatt, wie in der kleinen Kapsel, nur ab und an einen Blick zu riskieren, um zu sehen, ob das Ziel schon in Sicht war. Unter uns bleibt die grüne Stadt schnell zurück.
Der Anblick des Umlands raubt mir erneut den Atem.
Was ich als grünes, fruchtbares Land kannte, ist nun auf der einen Seite überschwemmt – die Stadt und die umliegende Region wird durch einen massiven, meterhohen Damm geschützt – und auf der anderen Seite karges Grasland. Trockene Büschel recken sich aus den Rissen des ausgetrockneten Bodens. Wir fliegen ein Stück in nördliche Richtung an der Küste entlang.
»Sie kennen das hier noch anders, richtig?«
Ich nicke. »Was ist passiert?«
»Der Meeresspiegel ist angestiegen, und das Wasser ins Grundwasser gelangt. Das hat die ursprüngliche Flora nicht verkraftet. Zudem ist das Wetter hier immer extremer geworden. Wir haben sehr schöne, verregnete Sommer, in denen blüht hier draußen alles. Aber momentan leiden wir seit drei Jahren unter einer Dürreperiode.«
Ich lasse meinen Blick über das Land streifen. In der Ferne, im Meer, sehe ich ein paar Wolkenkratzer, die bis zum ersten oder zweiten Stockwerk im Wasser stehen.
»Ist das?«
»Es hieß New York zu ihrer Zeit. Lange haben sie sich gegen das Wasser behaupten können, doch dann ist einer der Dämme gebrochen. Philadelphia ist eine der wenigen Oasen, die hier an der Küste noch besteht.«
Fragend sehe ich sie an. »Oasen?«
»Oh. Entschuldigung. Das sind Städte, die in eigentlich lebensfeindlicher Umgebung bestehen können.«
Da fällt mir noch etwas anderes ein, was ich auf der Karte in Mrs Calaes Büro gesehen hatte. »Auf der Karte im Reisebüro waren einige Gegenden rot markiert. Sind das diese lebensfeindlichen Areale?«
»Oh«, verlegen sah sie zum Fenster raus. »Nein. Das sind die verbotenen Zonen.«
»Und das bedeutet?«
»Der Atomkrieg. Die roten Gegenden waren entweder Testgebiete für Waffen oder Kampfgebiete.«
Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Atomkrieg. Schon zu unserer Zeit gefürchtet, oft vorhergesagt und dann doch nicht eingetroffen. Im vierten Weltkrieg hatten sich die Nationen immerhin so weit verständigt, dass Atomwaffen kaum zum Einsatz gekommen waren. Inzwischen war es so weit und die Folgen waren anscheinend schlimmer, als wir sie uns damals hätten ausmalen können.

Ich komme mit meinen Überlegungen nicht weit, da zieht eine seltsame Formation unter uns meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie sieht aus wie ein riesiger Pilz, der sich aus der Erde erhebt. »Was ist das da unten?«
Mrs Yiyen blickt hinunter. »Oh, das sind Nomaden.«
Wieder blicke ich sie fragend an.
»Aussteiger. Sie leben hier draußen, fast ohne Strom, als Protest gegen den Kapitalismus und die Industrie. Wenn sie mich fragen, sind sie damit ein wenig arg spät dran. Jetzt ist es, wie es ist. Vor 700 Jahren hätte das vielleicht noch was geändert. Aber heute?«
Beim Anblick dieser weitreichenden Zerstörung drängt sich mir eine ganz andere Frage auf. »Wie viele Menschen gibt es auf der Welt?«
»2,5 Millionen.«
»Und … und die anderen?« Meine Stimme überschlägt sich. »Also ich meine … wir waren mal über 11,8 Milliarden.«
»Atomkrieg, Klimaflucht, Seuchen, Reproduktionsregulationsprogramme … Das werden sie alles auf ihren Schulungen lernen.«
Im Moment ist ich mir nicht sicher, ob ich das alles wissen will. Mir wird schlecht. Wir waren doch so kurz davor gewesen. Der CO2 Ausstoß war eingedämmt, nachhaltige Energiegewinnung war beinahe flächendeckend möglich gewesen. So vieles, was die Generationen vor uns versäumt hatten, hatten wir wieder geradegebogen. Es hatte so verdammt gut ausgesehen. In meinem Kopf rasten die Gedanken. Wie hatte das passieren können. Was hätten wir damals noch alles anders machen können? Was hätte ich anders machen können?
Eine Weile ist es ruhig zwischen uns. Dann reißt Mrs Yiyen mich erneut aus meinen Gedanken. »Erzählen sie mir von den Eisbären.«
»Eisbären?«
»Ja. Sie haben doch sicher noch welche gesehen.«
»In Zoos, ja. Schöne Tiere, imposant. Wenn sie jung sind, sehen sie aus wie kuschelige Teddybären. Dann entwickeln sie sich zu großen, mächtigen, gefürchteten Jägern. Es gab viele Auswilderungsprogramme damals, in der Hoffnung, ihren Bestand retten zu können.«
»Das muss toll gewesen sein mit dieser Artenvielfalt damals.«
Ihre Worte treffen mich, doch ich frage nicht nach. Noch mehr Hiobsbotschaften über unseren Planeten kann ich heute nicht mehr verkraften.

Dann, endlich, nach einer halben Ewigkeit über trockenem Boden, kommen saftige grüne Wiesen und Wälder in Sicht. Ich setze mich auf und richtete meinen Blick wieder nach unten. Dörfer und Städte ziehen unter uns her. Ich lächle. Ein Stück Normalität, wie ich sie kenne.
»Willkommen im Norden der A-Zone. Früher Kanada.«
Wenig später kommt die Küste in Sicht, davor eine riesige Metropole. »Ist das?«
»Ja, Portland. Ihre neue Heimat.«
Hier gibt es zu meiner Erleichterung keinen Damm, das Meer kommt ein paar Kilometer weiter, hinter einem – vermutlich aufgeschütteten – Sandstrand in Sicht. Flugkapseln umschwirren die Stadt, überqueren einige hundert Meter unter uns das Land.
Wir landen und steigen wieder in eine kleine Kapsel um. Ich bin inzwischen so müde, dass ich von dem Flug durch meine neue Stadt nicht mehr viel mitbekomme.
Wir landen auf der Plattform eines Wolkenkratzers und Mrs Yiyen begleitet mich bis zu meiner Haustüre, die sich ebenfalls mit meinem PM öffnen lässt.
»Sie werden in ihrer Wohnung alle nötigen Informationen sowie eine Erstausstattung finden. Ich wünsche ihnen alles Gute für ihre Zukunft. Über unseren Voice Service steht ihnen jederzeit jemand zur Verfügung, wenn sie Hilfe brauchen.«
Wie benommen betrete ich meine neue zwei Zimmer Wohnung und lasse mich auf mein Bett fallen. »Willkommen in ihrem neuen Zuhause«, begrüßt mich eine freundliche Stimme und beginnt, mir die einzelnen Funktionen der Wohnung zu erklären. Kurz versiche ich, den Ausführungen zu folgen, doch schon nach wenigen Sekunden gebe ich auf, schließe die Augen und döse vor mich hin. Irgendwie werde ich das Ding schon dazu bekommen, mir das alles nochmal in Ruhe zu erklären.Mir schwirrt der Kopf. Die Erlebnisse des heutigen Tages reichen wohl für ein ganzes weiteres Leben. Dabei bin ich gerade erst dabei, mein Zweites zu beginnen.

Diesen Monat waren dabei:

Nicole Vergin

Rina

Veronika

Corly

Surf your inspiration

Das Thema für den 01.01.2019 ist: Das Märchen der guten Vorsätze

Wer Lust auf ein Weihnachtsspecial hat: Das Thema für den 24.12.2018 ist: Die Sache mit dem Rentier

Schreibkick #59: Herbstmomente

Hallo ihr lieben,

das Thema diesen Monat war „Herbstmomente“. Ich hatte eine nette kleine Geschichte geplant, bin aber nicht dazu gekommen, sie zu schreiben. Daher gibts von mir wieder nur ein paar kleine haikuartige Zeilen.

Herbstmomente

Bunte Farbenpracht
Nebel hüllt das Schauspiel ein
Versteckte Freude

Blätter fallen
Stetig auf den Boden zu
Vom Wind verweht

Diesen Monat waren dabei:
Christine Rieger
Rina
Frau Vro
Corly

Das Thema für den 01.12.2018 ist: Zeitkapsel

Und falls jemand Lust auf ein Weihnachtsspecial hat, lautet das Thema: Die Sache mit dem Rentier

 

Schreibkick #58: Freundschaft

Hallo ihr,

hier ist mein Schreibkick zum Thema „Freundschaft“. Es ist wieder ein Songtext.

Übringens muss ich euch Schreibkickern mal sagen, wie cool ich das finde, dass ihr euch alle so super untereinander verlinkt, auch wenn ich nicht rechtzeitig fertig bin. Das finde ich klasse!!! Ihr seid toll <3

Bunter Regenschirm

V1:
Wir trafen uns im Nieselregen,
waren uns sogleich vertraut,
tauschten innigste Gedanken.
Die Wolken über uns klarten auf.
Der Dunst verweht von einer Brise,
rannten wir durch Sommerwiesen
immer schneller der Sonne entgegen

Refrain:
Gemeinsam trotzen wir dem Wetter,
ob Sonne, Hagel oder Sturm,
tropft es auch auf Rosenblätter
tanzen wir weiter,
dank unsrem bunten Regenschirm

V2:
Ein Gewitter braute sich zusammen,
Blitze zuckten über dir.
Du warst durchnässt, durchgefroren,
ich bahnte mir den Weg zu dir.
Zusammen sitzen wir im Regen,
unter unsrem bunten Schirm,
bis der Sturm vergeht.

Refrain:
Gemeinsam trotzen wir dem Wetter,
ob Sonne, Hagel oder Sturm,
tropft es auch auf Rosenblätter
tanzen wir weiter,
dank unsrem bunten Regenschirm

V3:
Ich sitz in meiner dunklen Höhle,
draußen tobt und kracht der Sturm,
der Schirm steht in der dunklen Ecke,
allein trau ich mich eh nicht raus.
Der Bach bringt eine Flaschenpost,
ich öffne sie, beginn zu lesen,

Bridge:
Du schreibst, dich stört das kalte Wetter,
denn, der Hagel tut dir weh,
bleibst lieber auf der schönen Wiese,
traust dich nicht durch den Sturm zu mir

Refrain:
Alleine trotze ich dem Wetter,
ob Sonne, Hagel oder Sturm,
tropft es auf die Rosenblätter,
gehe ich weiter,
mit meinem bunten Regenschirm.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Nicole Vergin
Klatschmohnrot
Rina P.
Corly

Das Thema für den 1.11.2018 ist: Herbstmomente

Schreibkick #57: (kalter Kaffee und) warme Limonade

Hallo ihr lieben,

ich habe meinen Text (halbwegs) fertig, auch wenn ich mit einigen Stellen noch nicht ganz zufrieden bin. Ich habe ja den Schreibkick im August verpasst, für den Nicole noch schnell ein Thema vorgeschlagen hatte (kalter Kaffee). Daraufhin hatte ich für den September ein Thema ausgewählt, das dazu passt, so dass man sie auch mixen kann. Genau das habe ich getan und es ist ein Songtext draus geworden.
Angefangen hat alles mit dem Gedanken, dass ich kalten Kaffee ganz gerne mag und Limonade muss für mich auch nicht eisgekült sein, sondern darf gerne Zimmertemperatur haben. Also kam mir der Gedanke, dass sich das ganze für ein Liebeslied eignen könnte, in dem es darum geht, dass man in den Schwächen des Anderen auch Stärken sehen kann (kalter Kaffee macht schön….). Das Ergebnis, wie ihr unten lesen könnt, ist eher … naja… äh… ein sehr ironisches Liebeslied.

Ich hatte ja ein paar Hintergrundinfos versprochen, als Entschädigung, weil ich schon wieder zu spät dran bin 😀 Also los gehts…

Ich sammle meistens erstmal Ideen. Unten sehr ihr die Doppelseite aus meinem Notizbuch (ihr seht, ich gehöre nicht zu denen, die aus dem Notizenschreiben einen Schönheitswettbewerb machen 😉 ). Die ist nicht auf einmal entstanden, sondern zu mehreren Zeitpunkten über drei Tage hinweg. Die Ideen sind noch vollkommen unsortiert. Zu dem Zeitpunkt weiß ich oft schon, was vermutlich zum Refrain werden wird und was in die Strophen passen könnte. Das heißt aber nicht, dass ich alles aufnehme. Die Zeile mit den Engelsflügeln vom Kostümverleih (rechts oben) hat es z.B. nicht in den fertigen Text geschafft.

Für Ideen, die ich gut finde, aber keinen Reim habe, obwohl ich dringend einen bräuchte, mache ich dann ein worksheet. Das sieht so aus:

In der Zeile mit dem Baum wusste ich nicht weiter. Ich wollte das Bild gerne behalten, wusste aber nicht, wie ich weitermachen könnte. Also habe ich im Reimlexikon Wörter gesucht, die passen könnten. Zunächst hatte mich nichts überzeugt, also wollte ich aus „umgefallener Baum“ einen „abgerissenen Ast“ machen. Aber auch das hat mich nicht überzeugt. „Vertrauen“ hat für mich an der Stelle gepasst, doch in der ersten Version von dem Satz habe ich es nicht unterbekommen. Aber manchmal sieht man halt den Wald vor lauter Bäumen nicht… nachdem ich einfach den Satz ein wenig umgebaut habe, passt es nun.

Dann sortiere ich am PC meine Ideen. Dafür nutze ich das Boxen-System, das ich in einem Songwritingkurs von Pat Pattison auf coursera.org gelernt habe (damals war das alles noch gratis, jetzt, glaube ich, leider nicht mehr). Dabei soll der Refrain mit jedem Mal an Bedeutung gewinnen, oder diese verändern.

Meine Boxen für den Song könnten so aussehen (Ich formuliere das nie aus, sondern habe das nur so für mich im Hinterkopf):

Box1: Wir sind wirklich nichts besonderes, keiner will uns haben, es gibt wirklich bessere.

Box2: Aber hey, wir haben auch unsere Vorteile, sooo schlecht sind wir garnicht.

Box3: Eigentlich finden wir uns sogar ziemlich cool und wollen garnichts anderes.

In dieses System sortiere ich dann meine Ideen, schmeiße unpassende raus, finde neue, die besser passen und sortiere in Refrain, Strophen und Bridge.

Das Ergebnis sieht dann in diesem Fall so aus:

Kalter Kaffee und warme Limonade

V1:

Ich bin der schwächste Stern am Firmament,
das Licht, das nur sacht flackernd brennt
keine Woge der Begeisterung,
sondern nur ein leises Plätschern

Du bist ein super sanftes Liebeslied
Das vor Klischees nur so trieft,
meine bessre Hälfte,
doch das ist auch nicht schwer.

Chorus:

Wir sind wie kalter Kaffee und warme Limonade
Garicht mal so übel, aber keiner will uns haben.
Zur Not gerade recht,
doch von zu viel wird dir schecht.
Wir ham uns arrangiert
und sind recht lange schon liiert.

V2:

Ich bin kein Fels in einer Brandung,
nur ein umgefallener Baum,
doch hältst du dich gut fest,
kannst du mir durchaus vertrauen.

Du hast keine große Yacht,
dafür ne Luftmatratze.
Du holst mich mit dem Fahrrad ab,
ziemlich Kamikaze.

Chorus:

Wir sind wie kalter Kaffee und warme Limonade
Garicht mal so übel, aber keiner will uns haben.
Zur Not gerade recht,
doch von zu viel wird dir schecht.
Wir ham uns arrangiert
und sind für immer liiert.

V3:

Ich mit einem Sahnehäubchen,
das gefällt dir doch, mein Täubchen.
Ne Kugel Eis dann noch dazu
Darauf stehst du, gib es zu!

Und auch aus dir kann man was machen:
Ein bisschen Zimt, ein bisschen Apfel,
und nen Schlückchen noch vom Rum,
schon schlagen sich alle drum.

Bridge:

Die schwäbische Alb ist unser Hawaii,
Die Karaoke Bar unser Oscar-Verleih.
Berlin unser New York,
Balkon der Lieblingsort.
Du bist die Mittelmaß-Meisterklasse,
drum weiß ich, dass ich zu dir passe.

Chorus:

Wir sind wie kalter Kaffee und warme Limonade
Garicht mal so übel, aber keiner will uns haben.
Zur Not gerade recht,
doch von zu viel wird dir schecht
Wir ham uns arrangiert
und sind sehr glücklich liiert.

🙂 So, ich hoffe, der Text gefällt euch und ihr konntet mit den kleinen Hintergrundinfos was anfangen.

Liebe Grüße,
Sabi

Diesen Monat waren dabei:
Nicole
Frau Vro

Das Thema für den 01.10.2018 ist: Freundschaft

Schreibkick #55: Monster / #56: kalter Kaffee

Hallo ihr lieben,

ich bin die letzten Wochen zu nichts gekommen, da ich viel zu tun hatte und dann im Urlaub war. Daher kommt hier nun mein Nachtrag zum Schreibkick Monster.
Nicole hat kurzfristig per Facebook noch ein Thema für den 1.8. vorgeschlagen: kalter Kaffee

Das Schlaflied habe ich vor Jahren mal für eine Anthologie geschrieben, die ich dann nicht fertiggestellt habe. Das war eines meiner ersten Projekte, an das ich noch ziemlich planlos rangegangen bin 🙂

Schlaflied

Schau nur die liebe Sonne färbt den Himmel ganz rot
Bald funkeln die vielen Sterne und es lächelt der Mond
Dann fallen deine Äuglein zu, im Bettchen so weich
Und du wanderst hinüber in dein kleines Träumereich

Und auch die Monster unterm Bett
Sind doch eigentlich ganz nett
Und singen mit uns das Schlaflied

Und dann in deinem Traumland erlebst du ganz viel
Du triffst auf liebe Elfen und ein zahmes Krokodil
Einen König rettest du vor einem Drachen mit dem Schwert
Und du wirst von ihm zu neuen Helden erklärt

Und auch das Monster aus dem Schrank
Braut an einem Liebestrank
Und singt mit uns das Schlaflied

Am Morgen geht dann die Sonne ganz langsam wieder auf
Du erwachst aus deinen Träumen und bist schon gut drauf
Der Mond winkt ein letztes Mal zum Abschied dir zu
Und verschwindet hinter den Wiesen im Morgengrau

Und sogar das Monster in der Küche
Freut sich auf seine Müslischüssel
Und singt mit uns das Schlaflied

Und alle Monster in der Wohnung
Finden singen voll in Ordnung
Und singen mit uns das Schlaflied

„Monster“-Geschichten:
Veronika
Rina

„kalter Kaffee“-Geschichten:
Nicole
Veronika
Rina

Das Thema für den 01.09.2018 ist: warme Limonade
Wer mag, kann auch mit dem Thema von Nicole kombinieren: warme Limonade und kalter Kaffee