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Schreibkick #52: Sanfte Frühlingslüftchen und eisige Winde

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Hallo ihr lieben,

es ist wieder so weit: Schreibkick-Zeit! Den letzten habe ich verpasst, aber ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft obwohl ich schon eine Idee hatte.

Dafür wünsche ich euch jetzt aber viel Spaß beim aktuellen Schreibkick. Danke Eva für das Thema!

Ach ja: Frohe Ostern euch allen!!!

Sanfte Frühlingslüftchen und eisige Winde

Ich lief über die kantigen Klippen der Insel, darauf bedacht, nicht an einer der scharfen Spitzen hängenzubleiben. Unter mir donnerte das Meer gegen den Stein. Hin und wieder benetzten zarte Tropfen der Gischt mein Gesicht und meine dunkelbraunen, schulterlangen Haare. Ich mochte das Gefühl des frischen Sprühnebels auf meine Haut.
Ich sah mich um, ließ meinen Blick über den Fels, das öde Grasland und das Dorf, welches ich in weiter Ferne nur noch erahnen kommte, schweifen. Niemand war zu sehen. Ich war ganz alleine.
Erleichtert ließ ich mich auf einem etwas abgerundeten Felsen nieder und zog das bunte Windrad, das meine kleine Schwester einige Wochen zuvor in der Schule gebastelt hatte, aus meinem Umhang. Dann stellte ich es in eine Kerbe im Felsen und befestigte es mit herumliegenden Steinen so, dass es mit der Vorderseite in meine Richtung zeigte. Es begann augenblicklich, sich im leichten Abendwind langsam zu drehen.
»Also gut, dann mal los«, murmelte ich vor mich hin und versuchte, mich zu konzentrieren. Ich spürte den Wind in meinen Haaren, wie er sie sanft umspielte, ganz zart an meinem Umhang, der einen Großteil davon abfing und ließ ihn durch meine leicht geöffneten Finger streichen. Dann führte ich in meiner Vorstellung alles zusammen. Ich hätte niemandem erklären können, was ich da tat und wie es funktionierte. Ich machte es einfach. Es war, als würde sich der Wind in meinem Körper verfangen, wie in einem Netz und als könnte ich den gesammelten Wind dann zielgerichtet wieder ausströmen lassen.
Ich richtete meine Hände auf das Windrad und konzentrierte mich darauf. Der Wind strömte langsam, aber immer sicherer durch meine Handflächen. Er fühlte sich kühler an, als die mich umgebende Luft. Fast eisig, doch es tat nicht weh.
Das Windrad drehte sich schneller und immer schneller, je besser ich die Windenergie kanalisieren konnte. Ich lächelte in mich hinein. So leicht war es mir noch nie gelungen. Ich versuchte, die Strömung weiter zu verstärken, doch das Rad drehte sich nur rückartig schneller, wenn es mir gelang, einzelne, stärkere Böen auszustoßen. Auf einmal traf mich eine warme, sommerliche Bö am Hinterkopf. Erschrocken hielt ich inne und ließ meine Hände sinken. Sofort wurde das Windrad vor mir langsamer. Ein solch warmer Wind passte nicht hierher. Ich wirbelte herum. Wenige Meter hinter mir stand ein blonder Junge mit Sommersprossen auf den Wangen und grinste mich an. Er musste ungefähr in einem Alter sein: Zehn oder elf.
»Du kannst es also auch«, stellte er fest.
Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du?«
Bisher hatte ich niemandem von meinen neuen Fertigkeiten erzählt.
»Das mit dem Wind«, sagte er, als wäre es etwas ganz Alltägliches.
Nachdenklich biss ich mit auf die Unterlippe. Ich überlegte, woher ich den Jungen kannte. »Du bist der Sohn vom Bäcker, oder?«
»Ja. Ich heiße Iskar.«
»Und du kannst auch den Wind lenken?«
Die Sache gefiel mit nicht. Bisher war ich die Einzige gewesen, die das konnte. Und das war was Besonderes. Ich hatte etwas nur für mich. Was, wenn nun jeder diese Fähigkeiten entwickeln würde? Außerdem hatte ich nun einen Mitwisser, von dem ich nicht wusste, ob ich ihm trauen konnte. Meine Oma erzähle mir immer wieder Geschichten aus grauer Vorzeit, in der Hexen gejagt und verbannt wurden. Inzwischen gab es angeblich keine Magie mehr in der Welt und ich wollte sicherheitshalber erst richtig gut werden, bevor ich jemandem davon erzählte.
Iskar nickte auf meine Frage hin. »Ich habe es im Winter gemerkt, als in unserem Haus zwar das Feuer im Kamin brannte, ich auf dem Sessel gegenüber aber trotzdem noch fror. Da wünschte ich mir, die warme Luft würde zu mir rüber wehen. Und das tat sie dann auch. Ich dachte zuerst, es sei ein Windstoß gewesen, doch zum Spaß probierte ich es immer weiter aus und es klappte.«
»Hast du irgendwem davon erzählt?« Meine Stimme klang drohender, als ich es beabsichtigt hatte.
Iskar verzog das Gesicht. »Nur meiner Zwillingsschwester, aber die hat mir nicht geglaubt und mich ausgelacht. Sie hielt es für einen meiner Streiche.«
»Gut. Dann sag es auch keinem!«
»Von dir brauche ich mir garnichts sagen zu lassen.«
Da hatte er Recht. Trotzdem machte mich sein freches Grinsen wütend.
»Früher wurden Hexen verbrannt. Ich will nicht auf dem Scheiterhaufen landen.«
Jetzt lachte Iskar. »Ja, früher. Aber hier auf der Insel kennen sich doch alle, also warum sollten sie uns verbrennen. Und selbst wenn wir auf dem Scheiterhaufen landen, dann pusten wir das Feuer eben mit unserer Magie wieder aus, wie eine Kerze.« Er machte ein paar wilde Gesten, die offenbar darstellen sollten, wie er das Feuer mit seiner Windmagie ausblies.
»Du überheblicher Schwachkopf«, platzte es aus mir heraus.
»Angsthase«, schrie er mit grimmigem Gesicht zurück.
Ich starrte ihn ärgerliche an, spürte den Wind, fühlte, wie er sich verfind und sandte ihn dann mit einer schnellen Handbewegung zu Iskar.
Es sah aus, als hätte ihn ein Schlag getroffen, der ihn zu Boden gehen ließ. Er landete auf dem Rücken.
Etwas erschrocken realisierte ich, dass ich ihn eben angegriffen hatte.
Iskar begann zu weinen. Schnell lief ich zu ihm hinüber. Hoffentlich war er nur eine Memme und ich hatte ihn nicht ernsthaft verletzt. Als ich näher kam, hörte ich, dass ich mich getäuscht hatte. Er lag im Gras, kicherte und grinste mich an.
»Na siehst du, so lange du mit mir verbrannt werden sollst, kann uns beiden nichts passieren.«
Ich spürte, wie gegen meinen Willen der Ärger verrauchte und auch ich anfangen musste, zu kichern. Vor mich hin gluckselnd war ich mich neben ihn ins Gras.
Nach einiger Zeit beruhigten wir uns. Er drehte sich zu mir und stützte seinen Kopf auf den Händen ab. Erst jetzt fielen mir seinen schönen grünen Augen auf, die mich interessiert musterten.
»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Iskar.
»Marla.«
Er schaute mich noch einen Moment an, dann ließ er sich wieder auf den Rücken ins Gras fallen. »Was denkst du, warum wir das auf einmal können?«
»Ich habe keine Ahnung.«
Iskar biss sich auf die Lippe. »Meinst du, es hat etwas mit dem zu tun, was der Händler bei seinem letzten Besuch erzählt hat?«
»Das mit dem Portal?«
»Ja.«
Ich überlegte. Der Händler, der die Insel regelmäßig mit allem versorgte, das sie nicht selbst anbauen konnten und im Gegenzug jede Menge Fisch mitnahm, hatte erzählt, dass auf dem Festland irgendwo angeblich ein magisches Portal reaktiviert wurde. Bisher schien das aber keine Auswirkungen zu haben.
»Ich weiß es nicht. Oder wir sind Nachfahren von Hexen und es hat uns nur noch keiner erzählt.«
»Und warum können unsere Eltern und Großeltern dann nicht hexen?« Eine berechtigte Frage. Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht können sie es und wissen es nur nicht?«
Iskar schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht.«
Eine Weile blickten wir über die Felsen hinweg auf das Meer, dem Horizont entgegen.
»Marla?«
»Ja?«
»Wollen wir es gemeinsam herausfinden?«
Ich dachte kurz nach. »Lass uns erstmal weiter üben. Dann eines Tages vielleicht.«
»Ich habe das Gefühl, irgendwas ändert sich gerade in der Welt. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein.«
»Nein.«
Fragend sah Iskar mich an.
»Ich spüre es auch«, antwortete ich.

Diesen Monat waren dabei:
Eva
Monika Krampl (in der facebook-Gruppe)
Veronika
Rina P.

Das Thema für den 01.05.2018 ist: Vorfreude auf Sommergenüsse

 

Diesen Monat passt zeitlich und thematisch einfach alles zusammen. Denn heute erscheint (hoffentlich im Laufe des Tages) die Wortstürmer-Anthologie „stürmische Geschichten“. Sowohl mein Beitrag in der Anthologie „Die Windmühle“, als auch dieser Text hier, spielen in derselben Welt, in der (viiiele Jahre nach den Geschehnissen in diesen beiden Kurzgeschichten), meine zukünftige Trilogie spielen soll. Ich hatte das Ganze schonmal als #ProjektSchattendrache angekündigt. Mit den Kurzgeschichten versuche ich gerade, mir einen Überblick über die Welt zu verschaffen und ihre Bewohner, so wie die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse kennenzulernen. Wer also wissen will, was es mit dem Portal zu tun hat, über das Iskar und Marla sprechen, darf sich gerne unsere Anthologie (gratis!) holen. Ich verlinke hier im Laufe des Tages, sobald sie verfügbat ist 🙂

**Edit**
Die Anthologie kommt leider erst in den nächsten Tagen, der Osterhase ist wohl irgendwie dazwischengekommen.

Schreibkick #50: Nächtlicher Wolkenzauber

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Hallo ihr lieben,

sooo, ich habe was gezaubert. Aber nur ein winziges Haiku. Ich hatte gehofft, im neuen Jahr wieder mehr zum Schreiben zu kommen, aber mir funkt weiterhin größtenteils der Brotjob dazwischen. Ich wollte aber unbedingt mal wieder dabei sein. Die kleinen Zeilen sind während einer Autofahrt bei Nacht entstanden. Ich hoffe, sie gefallen euch in ihrer Kürze trotzdem 🙂

Wolke am Himmel
vom Wind geschickt auf Reisen
unerkannt bei Nacht

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Corly
Rina P.

Das Thema für den 01.03.2018 lautet: kommerzieller Valentinstag

 

Kategorie: Schreibkick-Texte | Tags:

Schreibkick-Special Weihnachten: Unter dem Weihnachtsbaum (und Nachtrag „Stille Straße“)

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Hallo ihr lieben,

ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und hoffe, ihr habt ein paar entspannte, erholsame Feiertage gemeinsam mit euren Liebsten.
Letzten Monat habe ich hier ganz heimlich eine kleine Pause eingelegt. Wenn auch unfreiwillig. In einem meiner Brotjobs waren wir unterbesetzt, was zeitlich ziemlich stressig war. In dem anderen hatte ich vor Weihnachten noch eine Menge zu erledigen. Ich habe meine letzten Wochen also mit arbeiten, schlafen und essen verbracht. In meiner wenigen Freizeit habe ich Cthulhuabenteuer vorbereitet und geleitet, die schon länger geplant waren, und Gilmore Girls geschaut, wenn mein Kopf weder zum einen oder anderen noch getaugt hat (Netflix sei Dank :D). Entsprechend waren meine Ideen für den Weihnachtsschreibkick sehr geprägt von dunklen Wesen, die in den Wurzeln des Christbaumes leben könnten oder Tannennadeln, die an Heiligabend die glückliche Familie durchbohren (inspiriert durch Cthulhu), sowie Dialoge am Weihnachtstisch in feinem Hause, die nur so gespickt sind von versteckter Kritik und Vorhaltungen (Gilmore Girls). Die Gilmore Girls haben sich wohl in gewisser Weise durchgesetzt … aber lest selbst.
Vorher möchte ich hier aber noch alle Teilnehmer des Schreibkicks vom November verlinken. Das Thema war „Stille Straße“ und es sind wieder wunderbare Beiträge entstanden.
Alice Japa
Frau Vro
Rina P.
Eva
Corly
Nicole
Ich hoffe, ich habe niemanden übersehen, sonst gebt mir doch bitte in den Kommentaren schnell Bescheid 🙂

Wunschwünsche

„Schaff das Ding aus der Wohnung!“, schrie ich, als ich das grüne Monster im Eck unseres Wohnzimmer stehen sah, noch bevor ich meine Tasche und meinen Mantel ablegen konnte. Leon war gerade dabei, große rote Kugeln anzuhängen.
„Aber Susi, du …“
„Nein … ich sagte: Schaff das Ding weg.“
Er legte die Kugel aus der Hand, kam auf mich zu, legte die Arme um mich und küsste mich auf die Stirn. Ich liebte es, wenn er das tat.
„Es ist Weihnachten, Schatz. Und wir feiern so, wie wir es wollen. Gleich morgens am 24.“
„Du Rebell“, knurrte ich, schon etwas versöhnlicher.
„Unsere eigene, kleine Feier, bevor der Stress los geht. Mit Marmorkuchen, starkem Kaffee, jeder Menge Schokolade und Orangensaft.“
Ich spürte, wie mein Ärger gegen meinen Willen verrauchte. „Also gut …“ gab ich nach. „Aber wir erzählen keinem davon.“
„Ist okay.“ Er grinste. „Und jetzt mach deine Wunschliste fertig.“
„Arsch!“, knallte ich ihm an den Kopf, während ich ihm mit meiner Tasche einen Hieb versetzte.
„Dein Vater hat schon drei Mal angerufen. Demnächst schickt er die Weihnachtselfenpolizei.“
Genervt schmiss ich Mantel und Tasche in den Flur und lief in Richtung meines Schreibtischs. „Ich hasse dich“, ließ ich meinem Liebsten noch zwischen Tür und Angel zukommen.
„Ich weiß, ich dich auch“, rief er aus dem Wohnzimmer.

Schneller als erhofft, war mein PC hochgefahren. Ich stand trotzdem noch einmal auf und machte mir einen Tee. Wunschlisten, Weihnachtsbäume, Festessen. Wer brauchte diesen Mist eigentlich?
Während das Wasser im Kocher begann erste kleine Bläschen zu formen, überlegte ich, was ich alles auf meine Liste packen sollte. Ich wünschte mir eine neue Hülle für meinen Kindle. In pink. Aber das konnte nicht drauf. Das letzte Mal, als ich mir eine Handyhülle in pink gewünscht hatte, hatte ich diese zwar bekommen, aber mein Vater hatte mir zusätzlich die Freude gemacht, mich beim Auspacken zu fragen, ob das denn wirklich das richtige für mich wäre, oder ob es nicht langsam Zeit wäre, erwachsen zu werden. Pink kam also nicht in Frage.
Außerdem brauchte ich etwas Günstiges. Mein Cousin Phil und seine Frau waren äußerst sparsam. Mehr als 10 € durfte ein Geschenk nicht kosten.
Mit einer Tasse dampfenden Tees mit dem Namen Kaminfeuer, trottete ich zurück an den Schreibtisch.
Socken, tippte ich in die Suchleiste ein. Ich fand ein paar hübsche mit Schneeflocken darauf, die aber auch erwachsen genug aussahen, um hoffentlich keinen entsprechenden Kommentar meines Vaters zu verursachen.
Nachdenklich trippelte ich mit den Fingern auf der Tastatur herum. Fielen Socken in eine ähnliche Kategorie wie Staubsaugerbeutel? In meiner Verzweiflung hatte ich mir vor drei Jahren Staubsaugerbeutel gewünscht. Praktisch, erwachsen, nicht pink, und U18. Aber die waren für Phil wieder zu praktisch. In diesem Jahr hatte er mir ein selbst gebasteltes Bild aus Blättern geschenkt. „Auf der Liste waren nurnoch Staubsaugerbeutel. Das schien mir nicht richtig passend für einen solchen Anlass.“
Schnell löschte ich die Socken wieder.
Bücher … Bücher wären gut. Die würden auch für Phil passen. Aber ich las am liebsten Thriller. Nicht die blutigen Splatter, sondern die spannenden Psychothriller, in denen der Irre jederzeit im Wohnzimmer stehen und das Licht einschalten konnte, wenn man zur Haustüre rein kam. Die, in denen Intrigen gesponnen und Menschen intelligent gegeneinander ausgespielt wurden. Aber das ging nicht. Denn auch meine Mutter würde von dieser Liste bestellen. „So etwas blutrünstiges will ich einfach nicht schenken. Das ist nichts für unter dem Weihnachtsbaum“, hörte ich sie bereits in meinem Kopf jammern.
Socken, tippte ich erneut ein und packte die mit den Flocken wieder auf die Liste.
Am einfachsten wäre es, einfach jedem separat einen Wunsch zu sagen. Aber das ging nicht. Denn Geschenke sollten eine Überraschung sein (laut Oma Lucinda).
Oder sich Geld zu wünschen. Aber Geld verschenkte man ja nicht (laut so gut wie allen, außer Oma Sophia, die immer Geld verschenkte).
Thriller tippte ich ein, in der Hoffnung, etwas zu finden, das mich in den Augen meiner Mutter nicht wie eine Psychopathin wirken ließ. Aber nachdem ich mich zwanzig Seiten lang durch Cover mit blutroten Lettern, gruseligen Augen und bedrohlichen Titeln gekämpft hatte, gab ich auf. Ich probierte ein wenig mit den Suchbegriffen herum und setzte letztendlich einen englischen Spionageroman auf meine Liste. Im Stil von Sherlock Holmes. Da ging doch so weit alles gesittet zu. Und ich packte noch einen weiteren darauf, falls Onkel Phil mit dem Bestellen schneller sein sollte. Der  zweite Roman klang sogar richtig gut. Falls ich ihn nicht bekommen sollte … oder nein.
Ich nahm ihn wieder runter. Das war genau das richtige für meinen Bruder Johann. Er verabscheute das Internet. Diese online-Wunschlisten fand er doof. Wenn ich ihm den Link zur Liste schicken würde, würde er es vermutlich erst Tage später bemerken und mich dann darum bitten, ihm etwas anderes zu sagen, das nicht auf der Liste stand. Oder er würde Leon bitten, ihm etwas zu empfehlen, das ich mir wünschte. Wenn ihm dieser Wunsch dann nicht passte, würde er trotzdem zähneknirschend etwas von der Liste bestellen und Leon hatte sich umsonst das Hirn zerbrochen. Aber dieses Jahr war ich vorbereitet.
Die Tür unseres Arbeitszimmers öffnete sich einen Spalt breit. „Und? Alle Wunschwünsche erfüllt?“
„Neieiein“, jammerte ich. „Das ist komplizierter als Integralrechnung. Bitte, bitte hilf mir.“
„Hm … ich weiß nicht …“ Er grinste wieder.
„Biiiiiiitteeeeee.“
„Sonst willst du doch immer so viele Dinge haben.“
„Jaaahaaa, aber vor lauter Wunschvorgaben aus unserem schrägen Wunsch-Verhaltenscodex fällt mir nichts mehr ein.“
„Du wolltest einen Brotbackautomaten und unser Spargelschäler ist verrostet. Außerdem hat uns am letzten Racletteabend bei den Nachbarn der Dekantierer so gut gefallen.“
„Oh, oh, du bist gut.“ Ich notierte mir alles auf einem kleinen Post-it. Spargelschäler passte für jeden. Brotackautomat für meine Mutter (Haushalt, praktisch und nicht blutrünstig), Dekantierer für meinen Vater (erwachsen, nicht pink). Dann schob ich Leon einen Post-it mit dem Titel meines gewünschten Spionageromans zu.
Er nickte. „Ich werde es Johann ausrichten.“
„Danke.“
Gefühlte Stunden später hatte ich noch einige andere unverfängliche Haushaltsgegenstände auf die Liste gesetzt, sowie einen Reiseführer für Korsika, wo wir unseren nächsten Sommerurlaub verbringen wollten.
Im Wohnzimmer raschelte es. Ich gähnte und fuhr den PC herunter. Vermutlich packte Leon schon die ersten Geschenke für unsere Verwandtschaft ein.
Ich stand auf und lief hinüber, um ihm zu helfen. In der Tür zum Wohnzimmer blieb ich stehen und wich zurück. Dann spickte ich wieder vorsichtig ums Eck. Leon hatte mich noch nicht bemerkt. Er war gerade dabei, eine übergroßes pinkes Etwas in Einhorn-Geschenkpapier zu hüllen. Auf dem Wohnzimmertisch lagen Bücher. Eines mit einer blutigen Axt und eines mit einem knallroten Motorradhelm darauf.
Der Baum in der Ecke war inzwischen fertig geschmückt. Neben den roten Kugeln hing dort allerlei rosa und pinker Schnickschnack. Ich musste mich bremsen, um vor lauter Freude nicht lauthals zu quietschen. Ich war mir sicher, dass in diesem Moment zwei lavendelfarbene Herzen anstelle der Pupillen in meinen Augen zu sehen waren.
Leon blickte hoch. „Verschwinde!“ rief er, und schmiss mit irgendeinem Packpapier nach mir. Quietschend verschwand ich aus der Tür, welche er hinter mir zuknallte.

Beim Weihnachts-Special waren dabei:
Veronika
Eva
Rina
Corly
Nicole

Am 01.01.2018 gehts dann weiter mit dem Thema „Jahresuhr„.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest mit leckerem Essen, gutem Wein, liebevollen Geschenken und einem zugedrückten Auge für die Macken der lieben Verwandschaft. Genießt die gemeinsame Zeit.

Außerdem natürlich einen guten Rutsch ins neue Jahr <3

Alles liebe,
Sabi

Schreibkick #47: Nebelschwaden

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Hallo ihr lieben,

es ist Schreibkick-Zeit! Bei mir geht es diesen Monat wieder weiter bei Miley, Hannah und Fred. Was glaubt ihr, hat Miley ihre Partynacht gut überstanden?

Nebelschwaden

Ich stapfte über die kurz geschnittenen Wiesen, die zwischen dem Strand und dem Dorf lagen. Ich lief querfeldein, denn der Trampelpfad war ohnehin nicht zu erkennen und ich hatte es aufgegeben, den richtigen Weg mit den Füßen zu ertasten. Langsam wurde es heller um mich herum, aber über den Feldern lag ein dichter Nebelteppich. Ich war todmüde und hatte keine Ahnung, warum ich es noch vor einer Stunde für eine gute Idee gehalten hatte, den Rückweg alleine anzutreten. Wir hatten die halbe Nacht geredet. Hannah, Fred und ich. Er hatte sich vor einiger Zeit verabschiedet. Sein Vater würde ihn in weniger als 5 Stunden zum Golfen abholen, hatte er gesagt. Golfen – was für ein elitärer Snobsport. Aber ihm konnte ich das verzeihen. Er hatte mir zum Schluss seine Nummer gegeben.
Hannah und ich hatten noch auf der Baumbank gesessen und ohne Unterbrechung gekichert. Sie hatte bereits begonnen, unsere Hochzeit zu planen. Dann hatte ihr Exfreund vor uns gestanden und ihr zu verstehen gegeben, dass er gerne am Strand ein wenig Spaß mit ihr haben würde. Das war nichts Neues, wenn die beiden Single waren trafen sie sich häufiger.
Und so lief ich nun alleine über dieses gottverlassene Feld. Meine Füße waren nass und ich begann langsam zu frieren. Ich war mir noch nicht mal mehr sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Der weiße Dunst um mich herum erstrahlte immer heller, aber wirkliche Anhaltspunkte hatte ich nicht. Auf diesen Feldern war weit und breit einfach Nichts. Nur Wiese.
Da schälte sich vor mir eine Kontur aus dem Nebel. Hüfthoch lag auf einmal eines der Felder von Plant2.0 vor mir. Mein Blick reichte dank des Nebels nicht sonderlich weit. Es waren irgendwelche Blumen, deren gelbe Blüten zu dieser Tageszeit noch geschlossen waren.
Ich seufzte, als ich erkannte, dass ich einen ganz schönen Umweg gemacht hatte. Mein Kopf fing an zu wummern und meine Beine wurden auf einmal so schwer, dass ich mich kaum noch aufrecht halten konnte. Das war keine normale Müdigkeit. Das musste der Alkohol sein, von dem ich an diesem Abend anscheinend viel zu viel getrunken hatte. Kenn dein Limit. Der Werbeslogan fiel mir in dem Moment wieder ein. Zu spät. Ich würde morgen, also nachher, wenn ich wieder wach war, einen fürchterlichen Kater haben. Ich setzte mich ins Gras. Nur einen Augenblick …, dachte ich bei mir und schloss für einen Moment die Augen.

Ich erwachte davon, dass ich niesen musste. Benommen setzte ich mich auf. Ich war von gelben Blüten umgeben. Mist …, dachte ich. Stand hier nicht irgendwo ein Schild, dass man das Feld nicht betreten sollte? Ich hatte mit meinem Oberkörper eine kleine Schneise in das Feld gewalzt, als ich beim Einschlafen hineingefallen war.
Nocheinmal musste ich niesen. Ich wollte mir die Hand vor die Nase halten, doch als ich meine Finger sah, zuckte ich erschrocken zurück. Sie waren grün. Diese dämlichen Blumen mussten wohl abgefärbt haben. Schnell zog ich mein Handy aus der Tasche und öffnete die Kamera, um mich im Selfiemodus selbst sehen zu können. Die Sonne, die mittlerweile dicht über den Bäumen stand und die leichten Nebelschwaden, die sie noch übrig gelassen hatte, erstrahlen ließ, blendete mich. Ich musste mich ein Stück weit drehen, um auf dem Display etwas erkennen zu können. Tatsächlich, ich war irgendwie grün im Gesicht. Blassgrüne Flecken breiteten sich auf meiner Haut aus. Hoffentlich war das nicht irgendeine Art von allergischer Reaktion. Ich sah furchtbar aus. Meine Haare waren zerzaust und mein Make-up verschmiert. Schnell kämmte ich mir mit den Findern durch die Haare und versuchte, so gut es ging sie verschmierten Schminkereste abzuwischen. Dann stand ich schwankend auf. Ich konnte nur hoffen, dass alle anderen im Dorf einen ähnlichen Kater hatten wie ich und noch im Bett lagen. Bitte lieber Gott, lass mich niemanden begegnen, betete ich entgegen meiner sonstigen spirituellen Einstellung und machte mich auf den Weg nach Hause.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Corly
Rina

Das Thema für den 01.12.2017 lautet: Stille Straße

Es wird dieses Jahr übrigens wieder ein Weihnachtsspecial geben!

Das Thema für den 24.12.2017 lautet: Unter dem Weihnachtsbaum

Schreibkick #46: Herbstfarben

Veröffentlicht am von 8 Kommentare

Hallo ihr lieben,

heute gibt es etwas außerhalb der Fortsetzungsgeschichte. Dieser kleine Text ist während einer Schreibaufgabe bei einem Treffen mit meiner Schreibgruppe entstanden und ich finde, er passt ganz gut zum Thema.

Kicki

Kicki hüpfte flink und geschickt von Ast zu Ast. Unter ihr rieselten gelbrote Blätter zu Boden. In einer Astgabel blieb sie sitzen. Hatte sie hier nicht vor kurzem ein paar Nüsse liegen lassen, als sie von der dämlichen Krähe belästigt worden war? Doch. Da waren sie. „Das schwarze Ungetüm hat sie also nicht gefunden“, dachte Kicki voller Genugtuung.
Sie griff sich eine  der Nüsse und drehte sie in ihren Pfötchen. Als sie gerade hineinbeißen wollte, hörte sie von unten Kindergeschrei.

„Gugg mal Mami, ein Eichhörnchen!“

Genervt hielt Kicki inne.

„Pssst“, machte die Mutter. Du verscheuchst es sonst.“

Kicki beobachtete, wie die Familie sich langsam an den Baum heranpirschte. „Für wie blöd halten die mich eigentlich?“, dachte sie bei sich. Sie hasste es, beim Essen begafft zu werden. Schnell nahm sie Anlauf über einen der ausladenden Äste und hüpfte hinüber auf die große Tanne. Dort schraubte sie sich am Stamm entlang in die Höhe und blieb, außerhalb der Sichtweite der Familie ganz oben sitzen und machte es sich bequem. In Gedanken ging sie all ihre Verstecke noch einmal durch. Unter dem Kastanienbaum, bei der Parkbank, hinter dem „Rasen nicht betreten“-Schild und so weiter. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Der Winter konnte kommen. Die Berge in der Ferne trugen bereits weiße Mützen aus Schnee. Weit konnte der Winter also nicht mehr sein.

Diesen Monat waren dabei:
Anita (in der facebook-Gruppe gepostet)
Eva
Vro
Corly
Rina
Alice

Das Thema für den 01.11.2017 lautet: Nebelschwaden