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Schreibkick #60: Zeitkapsel

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Hallo ihr lieben, 

ich bin wieder spät dran 🙂

Der November ist bei mir grundsätzlich ziemlich stressig, aber dieses Jahr kam irgendwie alles zusammen. Eine Idee für den Schreibkick hatte ich schon sehr früh, doch dann wurde ich von einem hartnäckigen Plotbunny verfolgt. 
Zunächst hatte ich eine schöne Familiengeschichte im Kopf, bei der eine junge Frau eine Zeitkapsel ausgräbt, die sie als Kind vergraben hat und dann mit einigen Erinneurungen beschäftigt ist. Doch die Idee war mir vom Konzept her zu nah an einem anderen Text dran, den ich dieses Jahr schon geschrieben habe (der demnächst übrigens in einer Anthologie erscheint), so dass ich darauf eigentlich nicht wirklich Lust hatte (auch wenn mir die Idee gefällt) und über den ersten Vorschlag des Plotbunnys ganz froh war: Eine Zeitreisegeschichte über eine Zeitmaschine in einer Toilettenkabine am Flughafen Heathrow (ja, die Idee kam mir, als in Heathrow auf dem Klo saß und das Licht flackerte). Der Anfang war schon geschrieben, als ich letztes Wochenende den Prototypen eines Brettspiels von einem Freund testen durfte, in dem es unter anderem um die Folgen des Klimawandels geht. 
Das wiederum ließ erneut mein Plotbunny auf den Plan treten, das der Meinung war, ich müsste doch endlich mal diese Geschichte fertig machen, die ich für einen Schreibwettbewerb im Genre Climate Fiction schonmal geplant hatte – und obwohl ich eh schon zu spät dran war, schmiss ich meine Pläne nochmal um. 

Hier jetzt also das Ergebnis eines langen Kampfes mit einem hartnäckigen Plotbunny. 

Life 2.0

Mit einem tiefen Atemzug sauge ich Luft in meine Lungen und muss husten. Es fühlt sich an, als hätte ich jede Menge Wasser geschluckt. Ich bekomme Panik. Was ist passiert? Bilder eines Krankenhauses blitzen in meinem Bewusstsein auf. Schläuche, Nadeln, piepende Monitore. Mir wird etwas auf die Nase und den Mund gedrückt. Ich kann meine Augen nicht öffnen.
»Ganz ruhig. Atmen.« Eine weibliche Stimme.
Ich versuche, die Luft tief in meine Lungen zu saugen, ohne erneut zu husten. Es geht.
Wird immer leichter.
Muss nicht mehr husten.
Mein Körper wird ruhiger.
Bekomme Kontrolle zurück.
Eine neue Erinnerung. Eine Frau beugt sich über mich. »Wir wünschen ihnen eine gute Reise mit Life2.0.« Dann Dunkelheit.
Die letzten Worte, die ich gehört habe. Gestern. Wirklich gestern?
Mühsam öffne ich die Augen. Krankenhaus. Eine Pflegerin, hellgrüne Kleidung, zusammengebundene Haare, über mich gebeugt. Reise? Bin ich abgestürzt? Wo wollte ich hin?
»Ich hoffe, sie hatten eine gute Reise mit Life2.0 Willkommen im Jahr 2617«
Life2.0? Langsam sickern die gesagten Worte in mein Gedächtnis. Kryonik. 500 Jahre Schlaf. Es hat funktioniert. 500 Jahre in gefrorenem Stickstoff, mit Frostschutzmitteln statt Blut in meinem Körper – vereinfacht gesagt. Mit einem Schlag wird mir kalt. Eine Decke wird über mich geworfen.
»In wenigen Stunden sind sie wieder vollkommen fit.« Sie lächelt mir zu und streicht mir über die Stirn.
»Ruhen sie sich aus.«
Dann verschwindet sie aus meinem Blickfeld. Kurz danach verfalle ich wieder in einen tiefen Schlaf.

Ich erwache erneut. Mein Blick fällt auf einen Nachttisch mit einer Uhr. Es ist 8:00 Uhr. Ob morgens oder abends kann ich nicht sagen. Durch das Fenster sehe ich nur Himmel und blassorange eingefärbte Wolken. Ich weiß nicht, wo ich bin. War das noch Philadelphia, wo ich mich hatte einfrieren lassen? Eine Welle der Euphorie durchfährt mich. Es hat geklappt. Ich setze mich auf und betrachtete meine Hände. Sie sind glatt. Weniger faltig, als gestern, Nein. Weniger faltig als vor 500 Jahren, korrigiere ich mich. Die Technologie hatte sich also entsprechend weiterentwickelt.
Die Tür geht auf und eine Schwester kommt herein. Ich bin mir nicht sicher, ob es dieselbe ist, die mich bereits vorhin begrüßt hatte, als ich aus meinem Jahrhunderte langen Schlaf erwacht war.
»Guten Morgen Mrs. Mason. Mein Name ist Mary.«
Mary. Auch 500 Jahre später noch hatte sich dieser Name wohl gehalten.
»Guten Morgen.«
»Ich wollte ihnen mitteilen, dass ihre Wünsche den Vertragsbedingungen entsprechend umgesetzt wurden. An ihrer Haut haben sie vermutlich bereits gesehen, dass wir in dem Bereich der Telomertherapie beachtliche Fortschritte gemacht haben. Auch ihr Haarwuchs dürfte sich in den kommenden Monaten verbessern, so dass sich ihr Aussehen ihrem biologischen Alter von ca. 35 Jahren anpassen wird. Sobald sie sich erholt haben, nehmen sie an unserem Startfuture-Programm teil. Wir vermitteln ihnen eine neue Wohnmöglichkeit und sie werden eine Schulung über unser aktuelles politisches System, gesellschaftliche Gepflogenheiten, Sprache und Kultur erhalten.«
Die letzten Worte dringen nur noch am Rande bis zu meinem Verstand vor. 35. Ich hatte 41 Jahre meines Lebens wieder gutgemacht. Eine neue Chance. Viel Zeit, um mir den Traum, die Zukunft mitzuerleben, zu erfüllen. Wie alt wurden die Menschen heutzutage? Ich schüttele den Kopf und versuche, mich wieder auf die Worte der Krankenschwester zu konzentrieren.
»Die Firma, mit der sie den Vertrag ursprünglich abgeschlossen haben, ›Beginning‹, wurde inzwischen aufgelöst. Ihre Verträge wurden zwischenzeitlich zwei Mal an andere Träger überschrieben. Wir freuen uns aber, ihnen mitteilen zu können, dass die Leistungen jedoch dieselben geblieben sind.«


Heute ist es so weit, ich darf die Station verlassen. Zwei Nächte hatte ich noch im Krankenhaus verbracht. Verschiedene Ärzte hatten mich durchgecheckt und eine Physiotherapeutin hatte meinen Körper wieder halbwegs in Schwung gebracht. So ganz war es bei meinem Körper noch nicht angekommen, dass ich wieder 35 war. Die Muskelmasse fehlte. Sollte sich aber schnell wieder regenerieren. Schneller als mit 76 Jahren. Ich hatte die Zeit nur in meinem Zimmer verbracht, aber dank meines vollen ›Stundenplanes‹ war die Zeit nur so verflogen. Während dieser Zeit war mir klar geworden, dass sich in den 500 meines Schlafes Jahren so einiges verändert hatte. Auch die Sprache. Das »echte« englisch dieser Zeit war härter als meines und das, in dem die Schwestern mit mir sprachen. Mary hatte mir berichtet, dass alle Mitarbeiter bei Life2.0 einen Kurs machen mussten, um sich mit den »aufgetauten« Patienten unterhalten zu können.
Aufgeregt blicke ich auf die Uhr. Um 3 Uhr würde Mary mich abholen. Noch 5 min. Wenigstens hatte sich daran nichts geändert. Der Tag besaß nach wie vor 24 Stunden.

Endlich geht die Tür auf und Mary kommt herein. »Kommen sie. Ich bringe sie nun zu ihrer persönlichen Zukunftsbegleiterin.« Freudig rutsche ich von meinem Bett runter und folge ihr in den Gang. Der Flur ist weiß gestrichen, bunte Bilder hängen an den Wänden, die verzweifelt versuchen, etwas Wohnlichkeit in die sterile Umgebung zu bringen. Wir biegen um eine Ecke und am Ende des Ganges sehe ich eine große Panoramascheibe. Was ich dort sehe, verschlägt mir den Atem. Wie in Trance trete ich näher an die Scheibe heran und betrachte die Welt, die vor mir liegt. Genau so hatte ich mir die Zukunft erträumt. Wir befinden uns im – vielleicht – fünfzigsten Stock eines Hochhauses, das von anderen Hochhäusern umgeben ist. Flugkapseln surren draußen auf unserer Höhe in festgelegten Flugbahnen vorbei, aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Die Häuser sind jedoch keine sich in der Sonne spiegelnden Glasbauten mit klaren Fassaden. Jedes Gebäude ist zu großen Teilen begrünt. Die Pflanzen kenne ich auf den ersten Blick nicht. Aber mir ist klar, dass hier einige der Konzepte, an denen ich damals unter wichtig klingenden Namen wie ›future cities‹, ›green urbanism‹ usw. mitgearbeitet hatte, umgesetzt wurden. Natürlich nicht exakt die Konzepte meines Teams, aber das hier war die Zukunft, von der wir geträumt hatten und für die wir die ersten Grundsteine gelegt hatten.
»Faszinierend oder?«, reißt Mary mich aus meinen Gedanken.
»Unglaublich.«
»Die Fassaden sind mit Solarbeton beschichtet. Die Hochhäuser produzieren ihren eigenen Strom. Flächendeckend, neben ein paar Wind- und Wasserturbinen.«
Solarbeton – das Konzept war zu meiner Zeit schon bekannt gewesen, aber noch nicht effektiv genug um es in großem Maße einzusetzen.
Zwischen einigen Hochhäusern sehe ich, wie sich ein Fluss den Weg durch das begrünte Erdreich schlängelt. Straßen gibt es keine, nur Fußwege. Autos, Züge und Busse scheint es keine mehr zu geben. Die Hochhäuser haben Landeplattformen auf verschiedenen Ebenen. Ganze Parkanlagen schmiegen sich terrassenförmig an die Fassaden. Was früher ein Stadtbezirk war, scheint hier auf mehreren Stockwerken eines Hochhauses abgebildet.
Das hier war wunderbar. Als ich mich in das Kryonikcenter von »Beginning« begeben hatte, hatte die Erde mit massiven Folgen des Klimawandels zu kämpfen gehabt. Zerstörte Städte, Klimaflüchtlinge, Dürren, Überschwemmungen. Davon war hier nichts mehr zu sehen.
Ein Kribbeln durchfährt mich. Ich kann es kaum erwarten, den Rest der Welt zu entdecken. Wenn das hier möglich war, welche Wunder mochten im letzten halben Jahrhundert dann noch entstanden sein?
»Wir sollten langsam weiter«, erinnert Mary mich an den anstehenden Termin.
»Okay.« Links von uns befinden sich mehrere Aufzüge. Mary hatte den an der Außenfassade gelegenen bereits gerufen, während ich die Umgebung betrachtet hatte. Als sie meinen fragenden Blick auffängt, lächelte sie. »So geht es am Anfang hier jedem.«
Wir steigen in den Aufzug. Nun wird mir klar, warum sie diesen gewählt hat. Er hat eine gläserne Außenwand, so dass ich für ein paar weitere Sekunden meine Umgebung bestaunen kann.
Einige Stockwerke weiter unten steigen wir aus. Die Räume hier erinnern eher an einen Bürokomplex. Sanfte Brauntöne an der Wand, goldene Verzierungen, Landschaftsbilder. Eine warme, dennoch sachliche Atmosphäre. Nach ein paar Metern bleibt Schwester Mary stehen und klopft an eine Tür. ›Tuvarie Calae‹ steht auf dem Schild, das daneben hängt.
»Herein«, meldet sich eine Stimme von drinnen.
Mary öffnet die Tür und lässt mich rein. Eine junge Frau, vielleicht Mitte 20 erhebt sich hinter ihrem Schreibtisch.
Mary streckt mir die Hand entgegen. »Ich wünsche ihnen alles Gute in ihrer Zukunft.«
»Danke«, antwortete ich.
Als Mary die Tür hinter sich geschlossen hat, gehe ich auf die blonde Frau hinter dem Schreibtisch zu.
»Calae«, begrüßt sie mich und reicht mir ebenfalls die Hand.
»Sie sind Emily Mason?«, fragt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
»Ja«, antworte ich.
Sie weist auf einen der Stühle, der auf meiner Seite des Schreibtisches steht und wir setzten uns.
»Also gut. Sie haben bei unserem Vorgänger das volle Paket gebucht. Wohnortberatung, -organisation, Transfer und den Einführungs- sowie Aufbaukurs, richtig?« Ihr breites Lächeln weicht nun sachlicher Freundlichkeit. Sie ist mir sympathisch.
»Ja.«
»Gut. Ihr aktueller Kontostand beträgt 125.983$. Zuzüglich einer Wohnung im Wert von bis zu 100.000$. Damit werden sie einige Zeit gut über die Runden kommen, bis sie sich für einen aktuellen Beruf ausreichend requalifiziert haben. Es hat sich doch ein bisschen was verändert.«
»Okay.« Ich bin etwas überfordert mit so vielen Informationen. Es fühlt sich an, als hätte ich die Verträge gestern erst unterschrieben und trotzdem habe ich das Gefühl, in meinem Kopf lange nach den Informationen suchen zu müssen. Als wäre zwischenzeitlich jemand in mein Gehirn eingedrungen und hätte alles umsortiert.
»Sie hatten auf ihrem Fragebogen angegeben, dass sie mitteleuropäisches bis subtropisches Klima bevorzugen?«
Ich nicke.
»Da können wir ihnen die Westküste von Kanada empfehlen.«
Fragend sese ich sie an. »Westküste von Kanada?«
Sie dreht ihren Schreibtischstuhl leicht zur Seite und weist mit der linken Hand auf eine Karte, die hinter ihr an der Wand hängt.
»Ja. Die Klimazonen haben sich etwas verschoben.«
Ich blicke die Karte an. Etwas? Mein Herz beginnt zu rasen. Ich folgte ihrem Blick zur Karte. Auf den ersten Blick sieht alles aus, wie ich es kenne. Doch dann fällt mir auf, dass einige Bereiche der Kontinente wie abgeschnitten erschienen.
»Wir haben leider einige Metropolen und Landstriche verloren, dafür aber andere, sehr lebenswerte Regionen hinzugewonnen.« Sie sagt das, als hätten sie eine Sorte Milch im Supermarkt aus dem Sortiment genommen. Ich versuche, meinen Ärger zu verbergen. Sie konnte schließlich nichts dafür. Sie kennt die Welt nicht anders. Das hier ist ihre Realität. Ich bin es, die momentan noch in der Vergangenheit lebt. Egal. Mit den Klimafolgen konnte ich mich später beschäftigen. Wissenschaftlich.
»Aha. Und … wie war das jetzt mit Kanada?«
»Nun, eigentlich heißt die Region nicht mehr Kanada. Ich kann ihnen die Küstenstadt Portland empfehlen. Die Zone zu der sie gehört ist die A-Zone – ein Zusammenschluss von dem was sie al Nord- und Südamerika, Kanada und Grönland kennen. Portland ist mit der Kapsel nur wenige Flugminuten vom Meer entfernt. Sie tippt etwas in den riesigen Bildschirm, der in die Schreibtischoberfläche eingelassen ist.
Bisher dachte ich, er sei aus, denn ich konnte nichts erkennen. Mit einer kleinen Wischbewegung ihrerseits klärt das Bild für mich jedoch auf – es scheint vorher irgendwie verspiegelt gewesen zu sein, so dass die Informationen von meinem Blickwinkel aus nicht erkennbar waren. Die Karte eines Landstrichs erscheint.
»Portland als Universitätsstadt ist spezialisiert auf ›Urban Oxigen- and Energyarchitecture‹ und hat ein Qualifikationsprogramm für neu Erwachte, die in ähnlichen Gebieten früher tätig waren.«
Ich habe keine Idee, was es mit diesem Studienfach auf sich hat. Doch es klingt zumindest nach einer Fortsetzung dessen, was ich früher gemacht habe, also schonmal interessant.
»Das klingt gut. Gibt es Alternativen?«
»Laut Algorhythmus keine so treffenden. Von der Qualifikationsfähigkeit her würde Mumbai noch passen. Wenn sie sich vorstellen können, in einer Stadt mitten im Meer, die durch Dämme geschützt ist, zu leben. Es hat seinen Reiz. Aber der permanente Aufenthalt in Gebäuden ist nichts für jeden.«
Ich schüttle den Kopf. »Dauerhafter Aufenthalt in Räumen?«
»Das Wetter dort ist enorm unbeständig. Stürme, Regen, Hagel, extrem heiße Perioden. Fast immer ist irgendwas, das den Aufenhalt außerhalb der Gebäude sehr unangenehm macht. Außerdem ist die Stadt komplett von Wasser umgeben. Dafür ist es innen umso wohnlicher und lebenswerter.« Sie tippt ein paar Befehle in den Bildschirm und schon erscheinen Bilder von einem riesigen Einkaufszentrum. Nein. Einem Hotel. Einem Mix aus Hotel, Einkauf-, und Erlebniszentrum. Parks unter Kuppeln, gläserne Tunnel, hunderte Meter hohe Glasdecken, glückliche Menschen vor überdimensionalen Panoramafenstern, durch die sie über einen Damm hinweg auf die ewige Weite des Meeres blicken.
»Von der Klimazone her – aber ohne entsprechende Qualifikationsmöglichkeiten – käme auch Prag, die Hauptstadt der B-Zone in Betracht.«
»Tschechien?« Subtropisches Klima in Mitteleuropa?
»Ja. Moment. Ja, genau, Tschechien.«
Das war zwar nicht meine Frage gewesen, aber ich lasse es unkommentiert.
»Okay. Ich glaube, dann wird es wohl Portland werden.«
»Eine ausgezeichnete Wahl.«
Schnell tippt sie wieder etwas auf dem Bildschirm.
Sie zeigt mir verschiedene Wohnungen zu unterschiedlichen Preisen. Alle in meinem Budget. Ich entscheide mich für eine etwas teurere zwei Zimmer Wohnung (zwei recht kleine Zimmer), dafür zentral und in der Nähe der Universität. Denn wenn ich das richtig verstanden hatte, würde ich demnächst wieder studieren. Den Flyer für einen Infoabend hielt ich bereits in der Hand. Dann überreicht sie mir ein kleines Smartphone.
»Hier sind ihre Personendokumente.« Sie wischt zwei Mal über das Display. »Das, was früher ihr Ausweis war. Das Personal Memo hat noch viele andere Funktionen. In dieser Broschüre finden sie alles Nötige. Sie händigt mir ein kleines Büchlein aus. Das können sie aber in ihrer Wohnung in Ruhe durchlesen. Wichtig für den Transfer ist nur diese Dokumentenfunktion, die im Moment als Einzige auf ihrem Startdisplay abgelegt ist.«
Ich nicke. Die Hälfte der Informationen hatte ich vermutlich bereits wieder vergessen. Das war alles ein bisschen viel für einen Tag.
»Okay.«
»Ich bringe sie zu ihrer Kapsel.« Sie tritt um den Schreibtisch herum.
»Brauche ich nicht … irgendwie Tickets?«
»Sind in ihren Personendokumenten hinterlegt, wie ich es ihnen eben gezeigt habe.«
»Ahja.« Mir wird mulmig zumute.
Ich befinde mich in einer neuen Zeit, in der die Menschen zwar Englisch sprechen, aber in einer Version, die ich noch nicht verstehe, in einer Welt, deren Regeln und Geographie ich noch nicht kenne und bin auf dem Stand der Technik von vor 500 Jahren. Ein echtes Fossil. Gleichzeitig bin ich wieder junge 35 Jahre alt.
Ich reibe mir über die Augen. Langsam wird es etwas viel.
Mrs Calae lächelt mich an und legt eine Hand auf meinen Unterarm. »Wenn sie nachher in der Langstreckenkapsel sind, können sie sich etwas ausruhen.«
»Okay, danke.«
»Kommen sie.«
Ich folge ihr auf den Gang. Wir fahren mit dem Aufzug, diesmal einem ganz normalen ohne Fensterscheibe, wieder einige Stockwerke nach oben. Dort angekommen führt sie mich auf eine Plattform. Mehrere Flugkapseln stehen bereit. Sie öffnet eine davon. »Okay, sie können einsteigen.«
Fragend sehe ich sie an. »Fliege ich alleine?« Mir wird ganz anders. Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass das alles ein Fehler war. Ich versuche, mich zu beruhigen, und atmete tief durch.
»Nur ein kleines Stück«, sagt Mrs Calae. »Öffnen sie ihren PM.«
»Hm?« Fragend sehe ich sie an.
»Das Personal Memo.«
Achso. Ich komme mir idiotisch vor. Smartphones mit Apps hatte es zu meiner Zeit schon gegeben. Dieses Ding hier wird wohl kaum schwieriger zu bedinen sein. Ich wische über den Bildschirm, wie früher über das Dislplay meines Spartphones.
»Genau«, bestätigt Mrs Calae mich. »Jetzt auf ›aktuelle Reise‹«.
Ich klicke. Ein buntes, psychedelisches Muster erscheint.
»Einfach hier an die Oberfläche halten.« Sie zeigte auf eine Stelle des Ablagebrettes vor mir, die durch ein rechteckiges Symbol gekennzeichnet ist.
Es piepst. »Philadelphia Long Distance Terminal«, sagt eine freundliche Computerstimme. »Schließen sie die Türen.«
Mrs Calae lächelt wieder ihr breites Lächeln. »Am LDT wird sie eine Mitarbeiterin von uns abholen und sie bis in ihre neue Wohnung begleiten. Alles gute für ihre Zukunft!« Mit den Worten schließt sie die Tür.
Die Kapsel gibt zweimal einen summenden Ton von sich, dann hebt sie, beinahe nicht spürbar, ab.
Ich fühle mich alles andere als sicher, alleine in diesem Ding. Aber es ist ja nicht für lang. Nur kurz. Ich spüre, wie sich meine Hände vor Aufregung in den Sitz krallen. Ich hasse es, keine Kontrolle zu haben.
»Nur eine kurze Strecke«, murmle ich vor mich hin.
Ich schließe die Augen.


Zu zweit fühle ich mich in diesen Flugkapseln gleich wohler. Am Long Distance Terminal – das in etwa eine Bushaltestelle für Flugkapseln ist, an der man von regionalen auf Fernkapseln umsteigt – hatte mich, eine junge Frau abgeholt und zu einer größeren Flugkapsel gebracht.
Sie hatte sich als Mrs Yiyen vorgestellt. Wir steigen senkrecht in die Höhe und nun traue ich mich, die Umgebung genauer zu betrachten, anstatt, wie in der kleinen Kapsel, nur ab und an einen Blick zu riskieren, um zu sehen, ob das Ziel schon in Sicht war. Unter uns bleibt die grüne Stadt schnell zurück.
Der Anblick des Umlands raubt mir erneut den Atem.
Was ich als grünes, fruchtbares Land kannte, ist nun auf der einen Seite überschwemmt – die Stadt und die umliegende Region wird durch einen massiven, meterhohen Damm geschützt – und auf der anderen Seite karges Grasland. Trockene Büschel recken sich aus den Rissen des ausgetrockneten Bodens. Wir fliegen ein Stück in nördliche Richtung an der Küste entlang.
»Sie kennen das hier noch anders, richtig?«
Ich nicke. »Was ist passiert?«
»Der Meeresspiegel ist angestiegen, und das Wasser ins Grundwasser gelangt. Das hat die ursprüngliche Flora nicht verkraftet. Zudem ist das Wetter hier immer extremer geworden. Wir haben sehr schöne, verregnete Sommer, in denen blüht hier draußen alles. Aber momentan leiden wir seit drei Jahren unter einer Dürreperiode.«
Ich lasse meinen Blick über das Land streifen. In der Ferne, im Meer, sehe ich ein paar Wolkenkratzer, die bis zum ersten oder zweiten Stockwerk im Wasser stehen.
»Ist das?«
»Es hieß New York zu ihrer Zeit. Lange haben sie sich gegen das Wasser behaupten können, doch dann ist einer der Dämme gebrochen. Philadelphia ist eine der wenigen Oasen, die hier an der Küste noch besteht.«
Fragend sehe ich sie an. »Oasen?«
»Oh. Entschuldigung. Das sind Städte, die in eigentlich lebensfeindlicher Umgebung bestehen können.«
Da fällt mir noch etwas anderes ein, was ich auf der Karte in Mrs Calaes Büro gesehen hatte. »Auf der Karte im Reisebüro waren einige Gegenden rot markiert. Sind das diese lebensfeindlichen Areale?«
»Oh«, verlegen sah sie zum Fenster raus. »Nein. Das sind die verbotenen Zonen.«
»Und das bedeutet?«
»Der Atomkrieg. Die roten Gegenden waren entweder Testgebiete für Waffen oder Kampfgebiete.«
Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Atomkrieg. Schon zu unserer Zeit gefürchtet, oft vorhergesagt und dann doch nicht eingetroffen. Im vierten Weltkrieg hatten sich die Nationen immerhin so weit verständigt, dass Atomwaffen kaum zum Einsatz gekommen waren. Inzwischen war es so weit und die Folgen waren anscheinend schlimmer, als wir sie uns damals hätten ausmalen können.

Ich komme mit meinen Überlegungen nicht weit, da zieht eine seltsame Formation unter uns meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie sieht aus wie ein riesiger Pilz, der sich aus der Erde erhebt. »Was ist das da unten?«
Mrs Yiyen blickt hinunter. »Oh, das sind Nomaden.«
Wieder blicke ich sie fragend an.
»Aussteiger. Sie leben hier draußen, fast ohne Strom, als Protest gegen den Kapitalismus und die Industrie. Wenn sie mich fragen, sind sie damit ein wenig arg spät dran. Jetzt ist es, wie es ist. Vor 700 Jahren hätte das vielleicht noch was geändert. Aber heute?«
Beim Anblick dieser weitreichenden Zerstörung drängt sich mir eine ganz andere Frage auf. »Wie viele Menschen gibt es auf der Welt?«
»2,5 Millionen.«
»Und … und die anderen?« Meine Stimme überschlägt sich. »Also ich meine … wir waren mal über 11,8 Milliarden.«
»Atomkrieg, Klimaflucht, Seuchen, Reproduktionsregulationsprogramme … Das werden sie alles auf ihren Schulungen lernen.«
Im Moment ist ich mir nicht sicher, ob ich das alles wissen will. Mir wird schlecht. Wir waren doch so kurz davor gewesen. Der CO2 Ausstoß war eingedämmt, nachhaltige Energiegewinnung war beinahe flächendeckend möglich gewesen. So vieles, was die Generationen vor uns versäumt hatten, hatten wir wieder geradegebogen. Es hatte so verdammt gut ausgesehen. In meinem Kopf rasten die Gedanken. Wie hatte das passieren können. Was hätten wir damals noch alles anders machen können? Was hätte ich anders machen können?
Eine Weile ist es ruhig zwischen uns. Dann reißt Mrs Yiyen mich erneut aus meinen Gedanken. »Erzählen sie mir von den Eisbären.«
»Eisbären?«
»Ja. Sie haben doch sicher noch welche gesehen.«
»In Zoos, ja. Schöne Tiere, imposant. Wenn sie jung sind, sehen sie aus wie kuschelige Teddybären. Dann entwickeln sie sich zu großen, mächtigen, gefürchteten Jägern. Es gab viele Auswilderungsprogramme damals, in der Hoffnung, ihren Bestand retten zu können.«
»Das muss toll gewesen sein mit dieser Artenvielfalt damals.«
Ihre Worte treffen mich, doch ich frage nicht nach. Noch mehr Hiobsbotschaften über unseren Planeten kann ich heute nicht mehr verkraften.

Dann, endlich, nach einer halben Ewigkeit über trockenem Boden, kommen saftige grüne Wiesen und Wälder in Sicht. Ich setze mich auf und richtete meinen Blick wieder nach unten. Dörfer und Städte ziehen unter uns her. Ich lächle. Ein Stück Normalität, wie ich sie kenne.
»Willkommen im Norden der A-Zone. Früher Kanada.«
Wenig später kommt die Küste in Sicht, davor eine riesige Metropole. »Ist das?«
»Ja, Portland. Ihre neue Heimat.«
Hier gibt es zu meiner Erleichterung keinen Damm, das Meer kommt ein paar Kilometer weiter, hinter einem – vermutlich aufgeschütteten – Sandstrand in Sicht. Flugkapseln umschwirren die Stadt, überqueren einige hundert Meter unter uns das Land.
Wir landen und steigen wieder in eine kleine Kapsel um. Ich bin inzwischen so müde, dass ich von dem Flug durch meine neue Stadt nicht mehr viel mitbekomme.
Wir landen auf der Plattform eines Wolkenkratzers und Mrs Yiyen begleitet mich bis zu meiner Haustüre, die sich ebenfalls mit meinem PM öffnen lässt.
»Sie werden in ihrer Wohnung alle nötigen Informationen sowie eine Erstausstattung finden. Ich wünsche ihnen alles Gute für ihre Zukunft. Über unseren Voice Service steht ihnen jederzeit jemand zur Verfügung, wenn sie Hilfe brauchen.«
Wie benommen betrete ich meine neue zwei Zimmer Wohnung und lasse mich auf mein Bett fallen. »Willkommen in ihrem neuen Zuhause«, begrüßt mich eine freundliche Stimme und beginnt, mir die einzelnen Funktionen der Wohnung zu erklären. Kurz versiche ich, den Ausführungen zu folgen, doch schon nach wenigen Sekunden gebe ich auf, schließe die Augen und döse vor mich hin. Irgendwie werde ich das Ding schon dazu bekommen, mir das alles nochmal in Ruhe zu erklären.Mir schwirrt der Kopf. Die Erlebnisse des heutigen Tages reichen wohl für ein ganzes weiteres Leben. Dabei bin ich gerade erst dabei, mein Zweites zu beginnen.

Diesen Monat waren dabei:

Nicole Vergin

Rina

Veronika

Corly

Surf your inspiration

Das Thema für den 01.01.2019 ist: Das Märchen der guten Vorsätze

Wer Lust auf ein Weihnachtsspecial hat: Das Thema für den 24.12.2018 ist: Die Sache mit dem Rentier

Schreibkick #52: Sanfte Frühlingslüftchen und eisige Winde

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Hallo ihr lieben,

es ist wieder so weit: Schreibkick-Zeit! Den letzten habe ich verpasst, aber ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft obwohl ich schon eine Idee hatte.

Dafür wünsche ich euch jetzt aber viel Spaß beim aktuellen Schreibkick. Danke Eva für das Thema!

Ach ja: Frohe Ostern euch allen!!!

Sanfte Frühlingslüftchen und eisige Winde

Ich lief über die kantigen Klippen der Insel, darauf bedacht, nicht an einer der scharfen Spitzen hängenzubleiben. Unter mir donnerte das Meer gegen den Stein. Hin und wieder benetzten zarte Tropfen der Gischt mein Gesicht und meine dunkelbraunen, schulterlangen Haare. Ich mochte das Gefühl des frischen Sprühnebels auf meine Haut.
Ich sah mich um, ließ meinen Blick über den Fels, das öde Grasland und das Dorf, welches ich in weiter Ferne nur noch erahnen kommte, schweifen. Niemand war zu sehen. Ich war ganz alleine.
Erleichtert ließ ich mich auf einem etwas abgerundeten Felsen nieder und zog das bunte Windrad, das meine kleine Schwester einige Wochen zuvor in der Schule gebastelt hatte, aus meinem Umhang. Dann stellte ich es in eine Kerbe im Felsen und befestigte es mit herumliegenden Steinen so, dass es mit der Vorderseite in meine Richtung zeigte. Es begann augenblicklich, sich im leichten Abendwind langsam zu drehen.
»Also gut, dann mal los«, murmelte ich vor mich hin und versuchte, mich zu konzentrieren. Ich spürte den Wind in meinen Haaren, wie er sie sanft umspielte, ganz zart an meinem Umhang, der einen Großteil davon abfing und ließ ihn durch meine leicht geöffneten Finger streichen. Dann führte ich in meiner Vorstellung alles zusammen. Ich hätte niemandem erklären können, was ich da tat und wie es funktionierte. Ich machte es einfach. Es war, als würde sich der Wind in meinem Körper verfangen, wie in einem Netz und als könnte ich den gesammelten Wind dann zielgerichtet wieder ausströmen lassen.
Ich richtete meine Hände auf das Windrad und konzentrierte mich darauf. Der Wind strömte langsam, aber immer sicherer durch meine Handflächen. Er fühlte sich kühler an, als die mich umgebende Luft. Fast eisig, doch es tat nicht weh.
Das Windrad drehte sich schneller und immer schneller, je besser ich die Windenergie kanalisieren konnte. Ich lächelte in mich hinein. So leicht war es mir noch nie gelungen. Ich versuchte, die Strömung weiter zu verstärken, doch das Rad drehte sich nur rückartig schneller, wenn es mir gelang, einzelne, stärkere Böen auszustoßen. Auf einmal traf mich eine warme, sommerliche Bö am Hinterkopf. Erschrocken hielt ich inne und ließ meine Hände sinken. Sofort wurde das Windrad vor mir langsamer. Ein solch warmer Wind passte nicht hierher. Ich wirbelte herum. Wenige Meter hinter mir stand ein blonder Junge mit Sommersprossen auf den Wangen und grinste mich an. Er musste ungefähr in einem Alter sein: Zehn oder elf.
»Du kannst es also auch«, stellte er fest.
Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du?«
Bisher hatte ich niemandem von meinen neuen Fertigkeiten erzählt.
»Das mit dem Wind«, sagte er, als wäre es etwas ganz Alltägliches.
Nachdenklich biss ich mit auf die Unterlippe. Ich überlegte, woher ich den Jungen kannte. »Du bist der Sohn vom Bäcker, oder?«
»Ja. Ich heiße Iskar.«
»Und du kannst auch den Wind lenken?«
Die Sache gefiel mit nicht. Bisher war ich die Einzige gewesen, die das konnte. Und das war was Besonderes. Ich hatte etwas nur für mich. Was, wenn nun jeder diese Fähigkeiten entwickeln würde? Außerdem hatte ich nun einen Mitwisser, von dem ich nicht wusste, ob ich ihm trauen konnte. Meine Oma erzähle mir immer wieder Geschichten aus grauer Vorzeit, in der Hexen gejagt und verbannt wurden. Inzwischen gab es angeblich keine Magie mehr in der Welt und ich wollte sicherheitshalber erst richtig gut werden, bevor ich jemandem davon erzählte.
Iskar nickte auf meine Frage hin. »Ich habe es im Winter gemerkt, als in unserem Haus zwar das Feuer im Kamin brannte, ich auf dem Sessel gegenüber aber trotzdem noch fror. Da wünschte ich mir, die warme Luft würde zu mir rüber wehen. Und das tat sie dann auch. Ich dachte zuerst, es sei ein Windstoß gewesen, doch zum Spaß probierte ich es immer weiter aus und es klappte.«
»Hast du irgendwem davon erzählt?« Meine Stimme klang drohender, als ich es beabsichtigt hatte.
Iskar verzog das Gesicht. »Nur meiner Zwillingsschwester, aber die hat mir nicht geglaubt und mich ausgelacht. Sie hielt es für einen meiner Streiche.«
»Gut. Dann sag es auch keinem!«
»Von dir brauche ich mir garnichts sagen zu lassen.«
Da hatte er Recht. Trotzdem machte mich sein freches Grinsen wütend.
»Früher wurden Hexen verbrannt. Ich will nicht auf dem Scheiterhaufen landen.«
Jetzt lachte Iskar. »Ja, früher. Aber hier auf der Insel kennen sich doch alle, also warum sollten sie uns verbrennen. Und selbst wenn wir auf dem Scheiterhaufen landen, dann pusten wir das Feuer eben mit unserer Magie wieder aus, wie eine Kerze.« Er machte ein paar wilde Gesten, die offenbar darstellen sollten, wie er das Feuer mit seiner Windmagie ausblies.
»Du überheblicher Schwachkopf«, platzte es aus mir heraus.
»Angsthase«, schrie er mit grimmigem Gesicht zurück.
Ich starrte ihn ärgerliche an, spürte den Wind, fühlte, wie er sich verfind und sandte ihn dann mit einer schnellen Handbewegung zu Iskar.
Es sah aus, als hätte ihn ein Schlag getroffen, der ihn zu Boden gehen ließ. Er landete auf dem Rücken.
Etwas erschrocken realisierte ich, dass ich ihn eben angegriffen hatte.
Iskar begann zu weinen. Schnell lief ich zu ihm hinüber. Hoffentlich war er nur eine Memme und ich hatte ihn nicht ernsthaft verletzt. Als ich näher kam, hörte ich, dass ich mich getäuscht hatte. Er lag im Gras, kicherte und grinste mich an.
»Na siehst du, so lange du mit mir verbrannt werden sollst, kann uns beiden nichts passieren.«
Ich spürte, wie gegen meinen Willen der Ärger verrauchte und auch ich anfangen musste, zu kichern. Vor mich hin gluckselnd war ich mich neben ihn ins Gras.
Nach einiger Zeit beruhigten wir uns. Er drehte sich zu mir und stützte seinen Kopf auf den Händen ab. Erst jetzt fielen mir seinen schönen grünen Augen auf, die mich interessiert musterten.
»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Iskar.
»Marla.«
Er schaute mich noch einen Moment an, dann ließ er sich wieder auf den Rücken ins Gras fallen. »Was denkst du, warum wir das auf einmal können?«
»Ich habe keine Ahnung.«
Iskar biss sich auf die Lippe. »Meinst du, es hat etwas mit dem zu tun, was der Händler bei seinem letzten Besuch erzählt hat?«
»Das mit dem Portal?«
»Ja.«
Ich überlegte. Der Händler, der die Insel regelmäßig mit allem versorgte, das sie nicht selbst anbauen konnten und im Gegenzug jede Menge Fisch mitnahm, hatte erzählt, dass auf dem Festland irgendwo angeblich ein magisches Portal reaktiviert wurde. Bisher schien das aber keine Auswirkungen zu haben.
»Ich weiß es nicht. Oder wir sind Nachfahren von Hexen und es hat uns nur noch keiner erzählt.«
»Und warum können unsere Eltern und Großeltern dann nicht hexen?« Eine berechtigte Frage. Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht können sie es und wissen es nur nicht?«
Iskar schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht.«
Eine Weile blickten wir über die Felsen hinweg auf das Meer, dem Horizont entgegen.
»Marla?«
»Ja?«
»Wollen wir es gemeinsam herausfinden?«
Ich dachte kurz nach. »Lass uns erstmal weiter üben. Dann eines Tages vielleicht.«
»Ich habe das Gefühl, irgendwas ändert sich gerade in der Welt. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein.«
»Nein.«
Fragend sah Iskar mich an.
»Ich spüre es auch«, antwortete ich.

Diesen Monat waren dabei:
Eva
Monika Krampl (in der facebook-Gruppe)
Veronika
Rina P.

Das Thema für den 01.05.2018 ist: Vorfreude auf Sommergenüsse

 

Diesen Monat passt zeitlich und thematisch einfach alles zusammen. Denn heute erscheint (hoffentlich im Laufe des Tages) die Wortstürmer-Anthologie „stürmische Geschichten“. Sowohl mein Beitrag in der Anthologie „Die Windmühle“, als auch dieser Text hier, spielen in derselben Welt, in der (viiiele Jahre nach den Geschehnissen in diesen beiden Kurzgeschichten), meine zukünftige Trilogie spielen soll. Ich hatte das Ganze schonmal als #ProjektSchattendrache angekündigt. Mit den Kurzgeschichten versuche ich gerade, mir einen Überblick über die Welt zu verschaffen und ihre Bewohner, so wie die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse kennenzulernen. Wer also wissen will, was es mit dem Portal zu tun hat, über das Iskar und Marla sprechen, darf sich gerne unsere Anthologie (gratis!) holen. Ich verlinke hier im Laufe des Tages, sobald sie verfügbat ist 🙂

**Edit**
Die Anthologie kommt leider erst in den nächsten Tagen, der Osterhase ist wohl irgendwie dazwischengekommen.

Schreibkick #50: Nächtlicher Wolkenzauber

Veröffentlicht am von 5 Kommentare

Hallo ihr lieben,

sooo, ich habe was gezaubert. Aber nur ein winziges Haiku. Ich hatte gehofft, im neuen Jahr wieder mehr zum Schreiben zu kommen, aber mir funkt weiterhin größtenteils der Brotjob dazwischen. Ich wollte aber unbedingt mal wieder dabei sein. Die kleinen Zeilen sind während einer Autofahrt bei Nacht entstanden. Ich hoffe, sie gefallen euch in ihrer Kürze trotzdem 🙂

Wolke am Himmel
vom Wind geschickt auf Reisen
unerkannt bei Nacht

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Corly
Rina P.

Das Thema für den 01.03.2018 lautet: kommerzieller Valentinstag

 

Kategorie: Schreibkick-Texte | Tags:

Schreibkick-Special Weihnachten: Unter dem Weihnachtsbaum (und Nachtrag „Stille Straße“)

Veröffentlicht am von 11 Kommentare

Hallo ihr lieben,

ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und hoffe, ihr habt ein paar entspannte, erholsame Feiertage gemeinsam mit euren Liebsten.
Letzten Monat habe ich hier ganz heimlich eine kleine Pause eingelegt. Wenn auch unfreiwillig. In einem meiner Brotjobs waren wir unterbesetzt, was zeitlich ziemlich stressig war. In dem anderen hatte ich vor Weihnachten noch eine Menge zu erledigen. Ich habe meine letzten Wochen also mit arbeiten, schlafen und essen verbracht. In meiner wenigen Freizeit habe ich Cthulhuabenteuer vorbereitet und geleitet, die schon länger geplant waren, und Gilmore Girls geschaut, wenn mein Kopf weder zum einen oder anderen noch getaugt hat (Netflix sei Dank :D). Entsprechend waren meine Ideen für den Weihnachtsschreibkick sehr geprägt von dunklen Wesen, die in den Wurzeln des Christbaumes leben könnten oder Tannennadeln, die an Heiligabend die glückliche Familie durchbohren (inspiriert durch Cthulhu), sowie Dialoge am Weihnachtstisch in feinem Hause, die nur so gespickt sind von versteckter Kritik und Vorhaltungen (Gilmore Girls). Die Gilmore Girls haben sich wohl in gewisser Weise durchgesetzt … aber lest selbst.
Vorher möchte ich hier aber noch alle Teilnehmer des Schreibkicks vom November verlinken. Das Thema war „Stille Straße“ und es sind wieder wunderbare Beiträge entstanden.
Alice Japa
Frau Vro
Rina P.
Eva
Corly
Nicole
Ich hoffe, ich habe niemanden übersehen, sonst gebt mir doch bitte in den Kommentaren schnell Bescheid 🙂

Wunschwünsche

„Schaff das Ding aus der Wohnung!“, schrie ich, als ich das grüne Monster im Eck unseres Wohnzimmer stehen sah, noch bevor ich meine Tasche und meinen Mantel ablegen konnte. Leon war gerade dabei, große rote Kugeln anzuhängen.
„Aber Susi, du …“
„Nein … ich sagte: Schaff das Ding weg.“
Er legte die Kugel aus der Hand, kam auf mich zu, legte die Arme um mich und küsste mich auf die Stirn. Ich liebte es, wenn er das tat.
„Es ist Weihnachten, Schatz. Und wir feiern so, wie wir es wollen. Gleich morgens am 24.“
„Du Rebell“, knurrte ich, schon etwas versöhnlicher.
„Unsere eigene, kleine Feier, bevor der Stress los geht. Mit Marmorkuchen, starkem Kaffee, jeder Menge Schokolade und Orangensaft.“
Ich spürte, wie mein Ärger gegen meinen Willen verrauchte. „Also gut …“ gab ich nach. „Aber wir erzählen keinem davon.“
„Ist okay.“ Er grinste. „Und jetzt mach deine Wunschliste fertig.“
„Arsch!“, knallte ich ihm an den Kopf, während ich ihm mit meiner Tasche einen Hieb versetzte.
„Dein Vater hat schon drei Mal angerufen. Demnächst schickt er die Weihnachtselfenpolizei.“
Genervt schmiss ich Mantel und Tasche in den Flur und lief in Richtung meines Schreibtischs. „Ich hasse dich“, ließ ich meinem Liebsten noch zwischen Tür und Angel zukommen.
„Ich weiß, ich dich auch“, rief er aus dem Wohnzimmer.

Schneller als erhofft, war mein PC hochgefahren. Ich stand trotzdem noch einmal auf und machte mir einen Tee. Wunschlisten, Weihnachtsbäume, Festessen. Wer brauchte diesen Mist eigentlich?
Während das Wasser im Kocher begann erste kleine Bläschen zu formen, überlegte ich, was ich alles auf meine Liste packen sollte. Ich wünschte mir eine neue Hülle für meinen Kindle. In pink. Aber das konnte nicht drauf. Das letzte Mal, als ich mir eine Handyhülle in pink gewünscht hatte, hatte ich diese zwar bekommen, aber mein Vater hatte mir zusätzlich die Freude gemacht, mich beim Auspacken zu fragen, ob das denn wirklich das richtige für mich wäre, oder ob es nicht langsam Zeit wäre, erwachsen zu werden. Pink kam also nicht in Frage.
Außerdem brauchte ich etwas Günstiges. Mein Cousin Phil und seine Frau waren äußerst sparsam. Mehr als 10 € durfte ein Geschenk nicht kosten.
Mit einer Tasse dampfenden Tees mit dem Namen Kaminfeuer, trottete ich zurück an den Schreibtisch.
Socken, tippte ich in die Suchleiste ein. Ich fand ein paar hübsche mit Schneeflocken darauf, die aber auch erwachsen genug aussahen, um hoffentlich keinen entsprechenden Kommentar meines Vaters zu verursachen.
Nachdenklich trippelte ich mit den Fingern auf der Tastatur herum. Fielen Socken in eine ähnliche Kategorie wie Staubsaugerbeutel? In meiner Verzweiflung hatte ich mir vor drei Jahren Staubsaugerbeutel gewünscht. Praktisch, erwachsen, nicht pink, und U18. Aber die waren für Phil wieder zu praktisch. In diesem Jahr hatte er mir ein selbst gebasteltes Bild aus Blättern geschenkt. „Auf der Liste waren nurnoch Staubsaugerbeutel. Das schien mir nicht richtig passend für einen solchen Anlass.“
Schnell löschte ich die Socken wieder.
Bücher … Bücher wären gut. Die würden auch für Phil passen. Aber ich las am liebsten Thriller. Nicht die blutigen Splatter, sondern die spannenden Psychothriller, in denen der Irre jederzeit im Wohnzimmer stehen und das Licht einschalten konnte, wenn man zur Haustüre rein kam. Die, in denen Intrigen gesponnen und Menschen intelligent gegeneinander ausgespielt wurden. Aber das ging nicht. Denn auch meine Mutter würde von dieser Liste bestellen. „So etwas blutrünstiges will ich einfach nicht schenken. Das ist nichts für unter dem Weihnachtsbaum“, hörte ich sie bereits in meinem Kopf jammern.
Socken, tippte ich erneut ein und packte die mit den Flocken wieder auf die Liste.
Am einfachsten wäre es, einfach jedem separat einen Wunsch zu sagen. Aber das ging nicht. Denn Geschenke sollten eine Überraschung sein (laut Oma Lucinda).
Oder sich Geld zu wünschen. Aber Geld verschenkte man ja nicht (laut so gut wie allen, außer Oma Sophia, die immer Geld verschenkte).
Thriller tippte ich ein, in der Hoffnung, etwas zu finden, das mich in den Augen meiner Mutter nicht wie eine Psychopathin wirken ließ. Aber nachdem ich mich zwanzig Seiten lang durch Cover mit blutroten Lettern, gruseligen Augen und bedrohlichen Titeln gekämpft hatte, gab ich auf. Ich probierte ein wenig mit den Suchbegriffen herum und setzte letztendlich einen englischen Spionageroman auf meine Liste. Im Stil von Sherlock Holmes. Da ging doch so weit alles gesittet zu. Und ich packte noch einen weiteren darauf, falls Onkel Phil mit dem Bestellen schneller sein sollte. Der  zweite Roman klang sogar richtig gut. Falls ich ihn nicht bekommen sollte … oder nein.
Ich nahm ihn wieder runter. Das war genau das richtige für meinen Bruder Johann. Er verabscheute das Internet. Diese online-Wunschlisten fand er doof. Wenn ich ihm den Link zur Liste schicken würde, würde er es vermutlich erst Tage später bemerken und mich dann darum bitten, ihm etwas anderes zu sagen, das nicht auf der Liste stand. Oder er würde Leon bitten, ihm etwas zu empfehlen, das ich mir wünschte. Wenn ihm dieser Wunsch dann nicht passte, würde er trotzdem zähneknirschend etwas von der Liste bestellen und Leon hatte sich umsonst das Hirn zerbrochen. Aber dieses Jahr war ich vorbereitet.
Die Tür unseres Arbeitszimmers öffnete sich einen Spalt breit. „Und? Alle Wunschwünsche erfüllt?“
„Neieiein“, jammerte ich. „Das ist komplizierter als Integralrechnung. Bitte, bitte hilf mir.“
„Hm … ich weiß nicht …“ Er grinste wieder.
„Biiiiiiitteeeeee.“
„Sonst willst du doch immer so viele Dinge haben.“
„Jaaahaaa, aber vor lauter Wunschvorgaben aus unserem schrägen Wunsch-Verhaltenscodex fällt mir nichts mehr ein.“
„Du wolltest einen Brotbackautomaten und unser Spargelschäler ist verrostet. Außerdem hat uns am letzten Racletteabend bei den Nachbarn der Dekantierer so gut gefallen.“
„Oh, oh, du bist gut.“ Ich notierte mir alles auf einem kleinen Post-it. Spargelschäler passte für jeden. Brotackautomat für meine Mutter (Haushalt, praktisch und nicht blutrünstig), Dekantierer für meinen Vater (erwachsen, nicht pink). Dann schob ich Leon einen Post-it mit dem Titel meines gewünschten Spionageromans zu.
Er nickte. „Ich werde es Johann ausrichten.“
„Danke.“
Gefühlte Stunden später hatte ich noch einige andere unverfängliche Haushaltsgegenstände auf die Liste gesetzt, sowie einen Reiseführer für Korsika, wo wir unseren nächsten Sommerurlaub verbringen wollten.
Im Wohnzimmer raschelte es. Ich gähnte und fuhr den PC herunter. Vermutlich packte Leon schon die ersten Geschenke für unsere Verwandtschaft ein.
Ich stand auf und lief hinüber, um ihm zu helfen. In der Tür zum Wohnzimmer blieb ich stehen und wich zurück. Dann spickte ich wieder vorsichtig ums Eck. Leon hatte mich noch nicht bemerkt. Er war gerade dabei, eine übergroßes pinkes Etwas in Einhorn-Geschenkpapier zu hüllen. Auf dem Wohnzimmertisch lagen Bücher. Eines mit einer blutigen Axt und eines mit einem knallroten Motorradhelm darauf.
Der Baum in der Ecke war inzwischen fertig geschmückt. Neben den roten Kugeln hing dort allerlei rosa und pinker Schnickschnack. Ich musste mich bremsen, um vor lauter Freude nicht lauthals zu quietschen. Ich war mir sicher, dass in diesem Moment zwei lavendelfarbene Herzen anstelle der Pupillen in meinen Augen zu sehen waren.
Leon blickte hoch. „Verschwinde!“ rief er, und schmiss mit irgendeinem Packpapier nach mir. Quietschend verschwand ich aus der Tür, welche er hinter mir zuknallte.

Beim Weihnachts-Special waren dabei:
Veronika
Eva
Rina
Corly
Nicole

Am 01.01.2018 gehts dann weiter mit dem Thema „Jahresuhr„.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest mit leckerem Essen, gutem Wein, liebevollen Geschenken und einem zugedrückten Auge für die Macken der lieben Verwandschaft. Genießt die gemeinsame Zeit.

Außerdem natürlich einen guten Rutsch ins neue Jahr <3

Alles liebe,
Sabi

Schreibkick #47: Nebelschwaden

Veröffentlicht am von 10 Kommentare

Hallo ihr lieben,

es ist Schreibkick-Zeit! Bei mir geht es diesen Monat wieder weiter bei Miley, Hannah und Fred. Was glaubt ihr, hat Miley ihre Partynacht gut überstanden?

Nebelschwaden

Ich stapfte über die kurz geschnittenen Wiesen, die zwischen dem Strand und dem Dorf lagen. Ich lief querfeldein, denn der Trampelpfad war ohnehin nicht zu erkennen und ich hatte es aufgegeben, den richtigen Weg mit den Füßen zu ertasten. Langsam wurde es heller um mich herum, aber über den Feldern lag ein dichter Nebelteppich. Ich war todmüde und hatte keine Ahnung, warum ich es noch vor einer Stunde für eine gute Idee gehalten hatte, den Rückweg alleine anzutreten. Wir hatten die halbe Nacht geredet. Hannah, Fred und ich. Er hatte sich vor einiger Zeit verabschiedet. Sein Vater würde ihn in weniger als 5 Stunden zum Golfen abholen, hatte er gesagt. Golfen – was für ein elitärer Snobsport. Aber ihm konnte ich das verzeihen. Er hatte mir zum Schluss seine Nummer gegeben.
Hannah und ich hatten noch auf der Baumbank gesessen und ohne Unterbrechung gekichert. Sie hatte bereits begonnen, unsere Hochzeit zu planen. Dann hatte ihr Exfreund vor uns gestanden und ihr zu verstehen gegeben, dass er gerne am Strand ein wenig Spaß mit ihr haben würde. Das war nichts Neues, wenn die beiden Single waren trafen sie sich häufiger.
Und so lief ich nun alleine über dieses gottverlassene Feld. Meine Füße waren nass und ich begann langsam zu frieren. Ich war mir noch nicht mal mehr sicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Der weiße Dunst um mich herum erstrahlte immer heller, aber wirkliche Anhaltspunkte hatte ich nicht. Auf diesen Feldern war weit und breit einfach Nichts. Nur Wiese.
Da schälte sich vor mir eine Kontur aus dem Nebel. Hüfthoch lag auf einmal eines der Felder von Plant2.0 vor mir. Mein Blick reichte dank des Nebels nicht sonderlich weit. Es waren irgendwelche Blumen, deren gelbe Blüten zu dieser Tageszeit noch geschlossen waren.
Ich seufzte, als ich erkannte, dass ich einen ganz schönen Umweg gemacht hatte. Mein Kopf fing an zu wummern und meine Beine wurden auf einmal so schwer, dass ich mich kaum noch aufrecht halten konnte. Das war keine normale Müdigkeit. Das musste der Alkohol sein, von dem ich an diesem Abend anscheinend viel zu viel getrunken hatte. Kenn dein Limit. Der Werbeslogan fiel mir in dem Moment wieder ein. Zu spät. Ich würde morgen, also nachher, wenn ich wieder wach war, einen fürchterlichen Kater haben. Ich setzte mich ins Gras. Nur einen Augenblick …, dachte ich bei mir und schloss für einen Moment die Augen.

Ich erwachte davon, dass ich niesen musste. Benommen setzte ich mich auf. Ich war von gelben Blüten umgeben. Mist …, dachte ich. Stand hier nicht irgendwo ein Schild, dass man das Feld nicht betreten sollte? Ich hatte mit meinem Oberkörper eine kleine Schneise in das Feld gewalzt, als ich beim Einschlafen hineingefallen war.
Nocheinmal musste ich niesen. Ich wollte mir die Hand vor die Nase halten, doch als ich meine Finger sah, zuckte ich erschrocken zurück. Sie waren grün. Diese dämlichen Blumen mussten wohl abgefärbt haben. Schnell zog ich mein Handy aus der Tasche und öffnete die Kamera, um mich im Selfiemodus selbst sehen zu können. Die Sonne, die mittlerweile dicht über den Bäumen stand und die leichten Nebelschwaden, die sie noch übrig gelassen hatte, erstrahlen ließ, blendete mich. Ich musste mich ein Stück weit drehen, um auf dem Display etwas erkennen zu können. Tatsächlich, ich war irgendwie grün im Gesicht. Blassgrüne Flecken breiteten sich auf meiner Haut aus. Hoffentlich war das nicht irgendeine Art von allergischer Reaktion. Ich sah furchtbar aus. Meine Haare waren zerzaust und mein Make-up verschmiert. Schnell kämmte ich mir mit den Findern durch die Haare und versuchte, so gut es ging sie verschmierten Schminkereste abzuwischen. Dann stand ich schwankend auf. Ich konnte nur hoffen, dass alle anderen im Dorf einen ähnlichen Kater hatten wie ich und noch im Bett lagen. Bitte lieber Gott, lass mich niemanden begegnen, betete ich entgegen meiner sonstigen spirituellen Einstellung und machte mich auf den Weg nach Hause.

Diesen Monat waren dabei:
Veronika
Eva
Corly
Rina

Das Thema für den 01.12.2017 lautet: Stille Straße

Es wird dieses Jahr übrigens wieder ein Weihnachtsspecial geben!

Das Thema für den 24.12.2017 lautet: Unter dem Weihnachtsbaum

Schreibkick #46: Herbstfarben

Veröffentlicht am von 8 Kommentare

Hallo ihr lieben,

heute gibt es etwas außerhalb der Fortsetzungsgeschichte. Dieser kleine Text ist während einer Schreibaufgabe bei einem Treffen mit meiner Schreibgruppe entstanden und ich finde, er passt ganz gut zum Thema.

Kicki

Kicki hüpfte flink und geschickt von Ast zu Ast. Unter ihr rieselten gelbrote Blätter zu Boden. In einer Astgabel blieb sie sitzen. Hatte sie hier nicht vor kurzem ein paar Nüsse liegen lassen, als sie von der dämlichen Krähe belästigt worden war? Doch. Da waren sie. „Das schwarze Ungetüm hat sie also nicht gefunden“, dachte Kicki voller Genugtuung.
Sie griff sich eine  der Nüsse und drehte sie in ihren Pfötchen. Als sie gerade hineinbeißen wollte, hörte sie von unten Kindergeschrei.

„Gugg mal Mami, ein Eichhörnchen!“

Genervt hielt Kicki inne.

„Pssst“, machte die Mutter. Du verscheuchst es sonst.“

Kicki beobachtete, wie die Familie sich langsam an den Baum heranpirschte. „Für wie blöd halten die mich eigentlich?“, dachte sie bei sich. Sie hasste es, beim Essen begafft zu werden. Schnell nahm sie Anlauf über einen der ausladenden Äste und hüpfte hinüber auf die große Tanne. Dort schraubte sie sich am Stamm entlang in die Höhe und blieb, außerhalb der Sichtweite der Familie ganz oben sitzen und machte es sich bequem. In Gedanken ging sie all ihre Verstecke noch einmal durch. Unter dem Kastanienbaum, bei der Parkbank, hinter dem „Rasen nicht betreten“-Schild und so weiter. Sie war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Der Winter konnte kommen. Die Berge in der Ferne trugen bereits weiße Mützen aus Schnee. Weit konnte der Winter also nicht mehr sein.

Diesen Monat waren dabei:
Anita (in der facebook-Gruppe gepostet)
Eva
Vro
Corly
Rina
Alice

Das Thema für den 01.11.2017 lautet: Nebelschwaden